Klopps Team zerlegt Hoffenheim Lehrstunde in Liverpool

Wieder nichts zu holen an der Anfield Road: Liverpool feiert, Hoffenheim hadert. Emre Can glänzte in ungewohnter Rolle, Oliver Kahn schwieg und Julian Nagelsmann zitierte seine Schwiegermutter.

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Mann des Spiels: Emre Can. Nie zuvor in seiner Profikarriere hatte der deutsche Nationalspieler zwei oder mehr Tore in einem Spiel erzielt. Nun schon: Cans Doppelpack entschied das Qualifikationsrückspiel gegen Hoffenheim noch vor der Pause. Als er in der 42. Minute nur um Zentimeter seinen dritten Treffer knapp verpasste, musste er sogar ein wenig schmunzeln. Nach 69 Minuten wurde der 23-Jährige unter großem Beifall ausgewechselt.

Emre Can
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Emre Can

Das Ergebnis: 4:2 (3:1). Der FC Liverpool steht in der Gruppenphase der Champions League, Hoffenheim muss sich in seiner europäischen Premierensaison mit der Europa League begnügen. Hier geht's zum Spielbericht.

Erwartung des Spiels: "Geduldig spielen" wollte TSG-Trainer Julian Nagelsmann, der sich trotz der 1:2-Niederlage im Hinspiel noch Chancen ausrechnete. "Wir werden nicht alles in die erste halbe Stunde werfen." Hätten sie es doch besser getan. Nach 21 Minuten war die Partie nämlich bereits entschieden.

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Liverpool gegen Hoffenheim: Eine Nummer zu groß

Die erste Hälfte: Von Beginn an machte Liverpool Druck, umspielte die Hoffenheimer Pressingbemühungen mit Leichtigkeit und lief immer wieder mit Tempo und erstaunlich viel Tiefe auf das 1899-Tor zu. Sadio Mané legte ab für Can (10. Minute), Mohamed Salah traf nach einem Pfostenschuss von Georginio Wijnaldum (18.), Can schloss wenig später (21.) den schönsten Spielzug des Abends ab. Mehr Lehrstunde geht nicht: game over, im Grunde. Denn dann gab es noch einen Wechsel.

Joker des Duells: Schon im Hinspiel hatte Mark Uth nach seiner Einwechslung getroffen, auch im Rückspiel an der Anfield Road gelang ihm wieder sein Tor. Nagelsmann hatte nach nur 24 Minuten auf eine Vierekette umgestellt, warf jetzt doch alles in die Partie. Serge Gnabry, nach dem Sieg gegen seinen Ex-Verein Werder Bremen vor Schreck oder Scham erblondet, chippte den Ball noch knapp vorbei (25.), Uth nutzte seine Chance zum 1:3-Pausenstand.

Serge Gnabry
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Serge Gnabry

Orakel des Spiels: "Geht da noch was?", fragte ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein in der Halbzeitpause, so als hätte es die Causa Breyer im April 2014 nie gegeben. "Ich könnte...", biss sich Experte Oliver Kahn auf die Zunge, "ach, ich sag jetzt nix".

Die zweite Hälfte: Denn natürlich ging nichts mehr, zumindest nicht für Hoffenheim. In der 63. Minute brachte Kerem Demirbay ("ein Super-Zeitpunkt, um Geschichte zu schreiben") mit einem schlampigen Pass Kevin Vogt in Bedrängnis, LFC-Kapitän Jordan Hendersen zog los, legte quer auf Roberto Firmino - und noch mehr game over. Sandro Wagners Kopfballtreffer (79.) war nur noch für die Statistik von Wert.

Sandro Wagner erzielt das 2:4
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Sandro Wagner erzielt das 2:4

Let's Dance: Es ist eine nervige Modeerscheinung der fußballerischen Spätmoderne: Spieler, die nach einem Treffer gegen ihren Ex-Klub nicht oder zumindest betont zurückhaltend jubeln. "Mir doch egal", dachte sich Firmino nach seinem Tor zum 4:1 und tanzte so ausgelassen und ausdauernd, als wäre das "Anfield" eine Großraumdiskothek an irgendeiner Landstraße in Lancashire. Vielleicht ist Hoffenheim auch einfach schon sehr weit weg für ihn.

"This is Anfield": Steht auf dem berühmten Schild im Kabinengang des Liverpooler Stadions. Zunächst einmal nur eine Feststellung, für Bundesligisten aber gleichzeitig eine Warnung: 15 Mal haben deutsche Klubs hier im Europapokal vorgespielt. Der BVB war vor eineinhalb Jahren nah dran, aber gewonnen hat bis heute kein einziger (zwölf Niederlagen, drei Remis). In anderen Worten: This is auch weiterhin Anfield.

Direkter Vergleich: Der Viertplatzierte der Premier League zerlegt in zwei Spielen den Viertplatzierten der Bundesliga. Als hätte es wirklich noch eines Beweises bedurft, wie stark und wie ausgeglichen stark die Spitzengruppe der englischen Liga ist. Liverpool wird bei der Auslosung am Donnerstag (18 Uhr) in Topf 3 warten - und ist damit ein potenzieller Gegner sowohl der Bayern (Topf 1) als auch der Dortmunder (Topf 2) und Leipziger (Topf 4).

Erkenntnis des Abends: "Wenn man sich in 20 Minuten ein Jahr Arbeit kaputt macht", sagte Wagner, "ist das bitter". Auch Nagelsmann war bedient, "unfassbar schlecht" sei die TSG angelaufen, habe sich an viele Vorsätze einfach nicht gehalten. Ob er sich trotzdem auch ein wenig auf die Europa League freue? "Meine Schwiegermutter sagt immer: Es ist, wie es ist." Recht hat sie.



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kepplerd 24.08.2017
1. Es ist
wohl besser so. Auch wenn ich grundsätzlich nichts gegen die Nagelsmänner habe, so war der Klassenunterschied einfach zu deutlich. Eine junge Mannschaft hat Lehrgeld gezahlt. Die Europaleague ist auch attraktiv und dort hat man auch eine realistische Chance zu überwintern.
karliboy 24.08.2017
2. Good luck, Hoffenheim!
Also, liebe Sportjournalisten, für einen europäischen Newcomer, ist auch die Europaligue nicht zu verachten, denn auch dort gibt es spannende Spiele! Was soll es also, das Ganze mit "nur" kleinzureden? Das ist doch keine Art. Da tut man immer so, als wäre das nichts wert! Auch dort zu spielen, ist eine Leistung, um die die unten stehenden Mannschaften die Hoffenheimer ganz sicher beneiden werden. Warum also dieses Niedermachen, über etwas, wo die Fans sich dennoch erfreuen werden? Habt ihr alle keine positive Energie mehr und müsst alles kaputt kommentieren? Dazu fehlt den Sportjournalisten schlichtweg einfach nur so etwas wie Anstand. Zu eurem Dilemma passen auch Sprüche wie: "Nicht ungefährlich"! Statt es einfach zu sagen: "Das war gefährlich"! Diese doppelte Verneinung ist ganz schlechter Stil. Und wie soll Hoffenheim und deren Fans sich auf die kommenden Spiele trotzdem freuen, wenn alles negativ durch den schlechten Journalismus belegt wird! Ich wünsche den Hoffenheimern und ihren Anhängern viel Glück und schöne Spiele, auch in der Europaligue!
kruderich 24.08.2017
3. Hatte
nicht Demirbay noch getönt SAP würde den schöneren Fußball spielen? Die guckt doch eh keiner...ich schätze Liverpool hat in Deutschland doppelt soviel Fans wie SAP!
RalfHenrichs 24.08.2017
4. Eine sich selbst überschätzende Mannschaft
15/16 noch fast Absteiger ist Hoffenheim 16/17 nach oben gespült worden, auch weil andere, bessere Mannschaften geschwächelt haben. In dieser Saison war Hoffenheim zu Hause gegen Liverpool deutlich schwächer und hat sich anschließend belogen, dass sie auf Augenhöhe waren. Gegen Bremen zu Hause gewonnen, was für einen CL-Teilnehmer selbstverständlich sein sollte und meinte sich dadurch Selbstbewusstsein zu holen. Dabei war das Tor absolut Glück, eigentlich hätte das Spiel 0:0 ausgehen müssen. Nun wurde Hoffenheim und seinem angeblich Super-Trainer die Grenzen aufgezeigt. Die Wahrheit ist in dieser Saison wird Hoffenheim wieder dort stehen, wo der Verein hingehört: in der unteren Tabellenhälfte der Bundesliga.
braindead0815 24.08.2017
5. war nicht überraschend
es war nur bitter nach 20min schon mit 3-0 am ende zu stehen. in der euroleague kann die tsg jetzt zeigen, das sie auch international erfahrung sammeln kann und gleichzeitig in der liga vorne dabei ist.
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