Liverpool-Coach Das Geheimnis des Jürgen Klopp

Er war in Dortmund erfolgreich und ist es auch beim FC Liverpool: Jürgen Klopp holt das Beste aus seinen Spielern heraus. Wie macht er das?

Jürgen Klopp (l.) und Liverpool-Profi Mohamed Salah
REUTERS

Jürgen Klopp (l.) und Liverpool-Profi Mohamed Salah

Von , Manchester


Natürlich ging es auch um den Brexit. Das Interview, das Jürgen Klopp dem "Guardian" vor dem Halbfinal-Hinspiel der Champions League gegen den AS Rom an diesem Dienstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gab, sorgte europaweit für Aufsehen. Doch das Gespräch enthielt noch weitere interessante Abschnitte, die weniger Beachtung fanden.

Über seinen grundsätzlichen Umgang mit Menschen zum Beispiel sagte Klopp: "Ich habe dieses Helfersyndrom. Ich interessiere mich wirklich für die Leute und fühle mich für fast alles verantwortlich." Dieser Wesenszug ist ein wichtiger Teil der Erklärung für seinen Erfolg als Fußballtrainer.

Klopp ist dafür bekannt, dass er Spieler besser macht, er ist ein Spieler-Entwickler. Außerdem schafft er es, dass seine Profis zu wichtigen Anlässen oft über sich hinauswachsen und seine Mannschaft mehr ist als einfach nur die Summe ihrer elf Einzelteile. Das war bei Borussia Dortmund so, als er den Klub zu zwei Meisterschaften nacheinander und in der Saison 2012/2013 ins Finale der Champions League führte.

Und: Das ist beim FC Liverpool so.

Wie in seinen sieben Jahren beim BVB hat er auch bei seinem aktuellen Arbeitgeber eine Mannschaft zur Verfügung, in der viel Talent steckt, die aber noch reifen muss. Dass Klopp auf einem guten Weg ist, das Team auf die nächste Stufe der Evolution zu heben, liegt an seinem selbst diagnostizierten Helfersyndrom.

Er ist keiner dieser Trainer, die ihre Spieler als Untergebene ansehen und sie mit Druck zu besseren Leistungen treiben wollen. Er hat Geduld mit ihnen, gestattet ihnen Fehler und lässt ihnen Zeit, sich zu entwickeln. So hat er in Dortmund aus wenig profilierten Fußballern wie Mats Hummels, Neven Subotic, Ilkay Gündogan oder Robert Lewandowski Profis von internationalem Spitzenformat gemacht.

Jürgen Klopp und Robert Lewandowski (2014)
AP/dpa

Jürgen Klopp und Robert Lewandowski (2014)

Lewandowski zum Beispiel, heute einer der besten Stürmer der Welt, hat in seiner ersten Saison beim BVB viel Kritik bekommen, weil ihm die Bindung zum Spiel fehlte und er viele Chancen vergab. Klopp hat ihn immer verteidigt gegen die Skeptiker in der Öffentlichkeit, er hat zu ihm gehalten, weil er um sein Potenzial wusste, und er wurde belohnt in den Jahren danach.

Auch bei Liverpool ist im Moment zu beobachten, wie sich einige Spieler überraschend positiv entwickeln. Der schottische Außenverteidiger Andrew Robertson, der im Sommer vom Hull City geholt wurde, hat sich auf der linken Abwehrseite etabliert und ist eine der Entdeckungen der Saison in der Premier League.

Rechts in der Verteidigung ist neuerdings der erst 19 Jahre junge Trent Alexander-Arnold gesetzt. Er entstammt dem eigenen Nachwuchs des Klubs, sein Idol ist Steven Gerrard. Der Legende zufolge hat er sein Vorbild früher durch ein Loch im Zaun beim Training beobachtet. Wenn das stimmt, hat er gut hingeschaut. Im Viertelfinale gegen Manchester City gehörte er in Hin- und Rückspiel zu den herausragenden Spielern.

Torwart Loris Karius profitiert ebenfalls von Klopps Art. Er hatte nach seinem Wechsel aus Mainz im Sommer 2016 einen schweren Start, erst brach er sich die Hand, dann patzte er mehrfach. Der Trainer hat das Vertrauen in ihn nie verloren. Seit Anfang dieses Jahres ist Karius die Nummer eins in Liverpools Tor und hält zur vollen Zufriedenheit seines Vorgesetzten. "Ich wäre der größte Idiot im Weltfußball, wenn er kein guter Torwart wäre und ich ihn trotzdem aufstellen würde", sagte Klopp neulich.

Klopp und Keeper Loris Karius
REUTERS

Klopp und Keeper Loris Karius

Auch die Entwicklung von Mohamed Salah, der sich bei Chelsea nicht durchsetzte und in seiner ersten Saison in Liverpool auf dem Weg zum Torschützenkönig ist und gerade als Spieler des Jahres ausgezeichnet wurde, ist ein Beleg dafür, dass Klopp in einem Fußballer Dinge erkennt, die sonst kaum jemand sieht.

Es gibt taktisch bessere Trainer als ihn, doch vermutlich ist kaum ein anderer Coach so gut darin wie Klopp, Spieler eines gewissen Profils weiterzuentwickeln. Nämlich Spieler, die lernwillig sind, sich in den Dienst der Mannschaft stellen und über ein gewisses Draufgänger-Gen verfügen und damit ideal sind für Klopps wilden Umschaltfußball.

Klopps Umgang mit seinen Profis hat allerdings auch Risiken. Die Premier League gestattet keine Fehler: Außenverteidiger Alexander-Arnold zum Beispiel machte bei der 1:2-Niederlage bei Manchester United im März eine schlechte Figur. Torhüter Karius wackelte am Wochenende beim 2:2 gegen den Tabellenletzten West Bromwich Albion. Aber Klopp hält auch nach schlechten Spielen an ihnen fest.

Während Klopp in Dortmund wegen der Finanzkrise des Klubs dazu gezwungen war, auf junge und günstige Profis zu setzen, hätte er in Liverpool andere Möglichkeiten, wie die Verpflichtung von Virgil Van Dijk für eine Abwehrspieler-Rekordsumme zeigte. In der Premier League werden Probleme in der Regel mit Geld gelöst, nicht mit Geduld. Die Liga ist kein natürliches Umfeld für Trainer mit Helfersyndrom.

Mit dem Abschneiden im Europapokal in dieser Saison arbeitet Klopp an dem Beweis, dass sein Weg trotzdem nicht die schlechteste Variante ist.



insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
Sal.Paradies 24.04.2018
1. Blick in die Zukunft
ich stelle mir gerade vor, dass Klopp mit den Reds im Finale die Bayern schlägt, worauf er endgültig zum Münchner Alptraum würde. Wie oft haben Kalle+Uli diese Saison daran gedacht ihn gerne zu verpflichten? Jetzt haben die Bayern nicht mal das Original (Klopp) bekommen, sondern haben sich selbst von seinem Klon (Tuchel) eine Absage geholt. Ich mag Kovac und halte viel von ihm, aber Fakt ist, dass er nicht auf Augenhöhe mit den beiden besten deutschen Trainern ist. Von daher, haben die Bayern jetzt einen guten Trainer 3`ter Wahl, während die herausragenden deutschen Trainer im Ausland tätig sind.
gnarze 24.04.2018
2. Das Beste?!?
Man muss nun aber auch sagen, dass der Kader nicht unerheblich mit der Fernsehkohle verstärkt wurde - dafür lagen in dieser Saison oftmals Genie und Wahnsinn dicht nebeneinander. Ich bin sehr gespannt, wie das Spiel heute ausgeht, schon in Barcelona war die Roma nämlich nicht so schlecht, wie das Ergebnis vermuten ließ.
gnarze 24.04.2018
3.
Zitat von Sal.Paradiesich stelle mir gerade vor, dass Klopp mit den Reds im Finale die Bayern schlägt, worauf er endgültig zum Münchner Alptraum würde. Wie oft haben Kalle+Uli diese Saison daran gedacht ihn gerne zu verpflichten? Jetzt haben die Bayern nicht mal das Original (Klopp) bekommen, sondern haben sich selbst von seinem Klon (Tuchel) eine Absage geholt. Ich mag Kovac und halte viel von ihm, aber Fakt ist, dass er nicht auf Augenhöhe mit den beiden besten deutschen Trainern ist. Von daher, haben die Bayern jetzt einen guten Trainer 3`ter Wahl, während die herausragenden deutschen Trainer im Ausland tätig sind.
Das letzte Aufeinandertreffen zwischen Jupp und Klopp war wohl eher der Supergau des Letzteren.... Ribery steckt auf Robben durch....und... 2-1 für die Bayern...
Sal.Paradies 24.04.2018
4. Ja, dass war so
Zitat von gnarzeDas letzte Aufeinandertreffen zwischen Jupp und Klopp war wohl eher der Supergau des Letzteren.... Ribery steckt auf Robben durch....und... 2-1 für die Bayern...
Ja, dass war so, allerdings liegt die Betonung auf "Vergangenheit". Beim nächsten Aufeinandertreffen wird sich Klopp für 2013 rächen und den Bayern die Grenzen aufzeigen. PS: Eigentlich drücke ich (wie z.B. morgen gegen Real) in der CL den Bayern die Daumen, aber wenn sie gegen den Altmeister aus Dortmund spielen, bin ich natürlich für die schwarz-gelbe Legende. Nach 7 tollen Jahren in Dortmund, kann ich ja wohl schlecht gegen ihn sein, oder...... ;-)
Papazaca 24.04.2018
5. Liverpool ist keine Außenstelle des BVB's ...
oder umgekehrt, nur weil Klopp jetzt Trainer da ist. Manchmal habe ich da so ein komisches Gefühl, wenn ich so die Kommentare lese, Gnarze. Morgen drücke ich übrigens den Bayern die Daumen, Auch Fußballfans entsprechen nicht immer den Stereotypen. Besser so, oder? Aber wenn ich wählen muß zwischen Klopp, Heynckes, Pep und Mou gefällt mir Klopp auch wegen des hohen Unterhaltungswert am besten. Kurz danach kommt Heynckes, ein toller Trainer. Und dann weit dahinter Pep und Mou.
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