Vor Duell Liverpool vs. Bayern Wie die Premier League die Bundesliga taktisch abgehängt hat

Noch vor wenigen Jahren galt der deutsche Fußball als clever und modern, gerade im Vergleich zur Konkurrenz England. Der Vorsprung ist längst dahin. Das liegt nicht an den Spielern.

Jürgen Klopp (l.), Pep Guardiola
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Jürgen Klopp (l.), Pep Guardiola

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In einem Sport wie dem Fußball, in dem nicht zwingend der reichste Klub Titel gewinnt, sondern oft der smarteste, haben die Vertreter der Bundesliga ein Problem: Sie sind weder das eine noch das andere.

Es ist wenige Jahre her, da war das noch anders. Nicht das mit dem Reichtum. Aber die besten Klubs des deutschen Fußballs hatten sich ihre Nische gesucht, in der sie sich einen Vorteil gegenüber manchen Konkurrenten verschafften, insbesondere denen aus der Premier League. England hatte damals schon die besseren Spieler. Dafür war der Fußball in Deutschland taktisch moderner.

Im Mai 2013 standen zwei deutsche Mannschaften im Endspiel der Champions League, Bayern München und Borussia Dortmund, sie pressten und gegenpressten, beherrschten meisterlich das Spiel mit Ball und ohne. Im Halbfinale hatten die Bayern Barcelona demontiert, der BVB bezwang Real Madrid, und das mit Spielern, die auf diesem Niveau eigentlich nichts verloren zu haben schienen, Kevin Großkreutz etwa oder Neven Subotic. Dortmund war dank eines Trainers erfolgreich, der anderen voraus war: Jürgen Klopp.

Jürgen Klopp als BVB-Trainer (2014)
DPA

Jürgen Klopp als BVB-Trainer (2014)

Aus England schaffte es im selben Jahr kein Klub auch nur ins Viertelfinale. Als Deutschland ein Jahr später Weltmeister wurde, schied die englische Nationalmannschaft in der Gruppenphase aus.

Der Journalist und Autor Raphael Honigstein beschreibt in seinem Buch "Der vierte Stern", wie der DFB kurz vor der Jahrtausendwende, aus Sorge, im internationalen Vergleich zurückzufallen, sich neu erfunden hatte. Der Verband begann, Erstligisten vorzuschreiben, Nachwuchsleistungszentren zu eröffnen. Und er führte eine hochwertige Ausbildung für Jugend- und Kindertrainer ein. Offenbar mit Erfolg.

Topprofis allein reichen nicht

Von einem Vorsprung durch Taktik kann heute keine Rede mehr sein. Wenn am Abend der FC Bayern beim FC Liverpool antritt (21 Uhr, TV: Sky; Liveticker SPIEGEL ONLINE), gilt er auch deshalb nicht als Favorit, weil der Gegner klüger spielt.

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Der deutsche Fußball hat seinen Vorsprung nicht nur eingebüßt, er ist überholt worden. Das gilt fürs DFB-Team ebenso wie für die Bundesliga. Die besten Profis spielen dort schon länger nicht mehr, ähnlich sieht es bei den Trainern aus. Mit Jürgen Klopp, Pep Guardiola und mit etwas Abstand auch Ralph Hasenhüttl sind drei herausragende Coaches der vergangenen Jahre von Deutschland nach England gewechselt. Experten aus dem Ausland hatten dort früher einen schweren Stand.

An ihrem ersten Spieltag hatte die Liga 22 Teilnehmer, bei keinem war ein Ausländer Trainer. Überhaupt fanden sich in den Startformationen des ersten Spieltags nur elf ausländische Profis. Die Liga war ein britisches Produkt, geprägt vom eigenen Stil. Kick and Rush bei vielen Klubs die gängige Taktik, ein Auslaufmodell. Die Veränderung begann so richtig mit Arsenals Verpflichtung des Franzosen Arsène Wenger im Jahr 1996. "Mir kam es damals so vor, als öffnete ich die Tür zum Rest der Welt", wird Wenger im Buch "The Mixer" von Michael Cox zitiert.

Aktuell werden nur noch fünf der 20 Erstligisten von einem britischen Coach trainiert, keiner davon steht in der oberen Tabellenhälfte. Selbst Teams wie die Wolverhampton Wanderers (mit Nuno Espírito Santo) oder Southampton (mit Ralph Hasenhüttl), die vor der Saison als Abstiegskandidaten galten, haben exzellente Trainer. Sogar in der zweiten Liga, die wahrlich nicht für modernen Fußball steht, denkt manch ein Klub um. Leeds United kämpft mit dem exzentrischen Argentinier Marcelo Bielsa um den Aufstieg.

Dortmunds Achraf Hakimi (l.), Tottenhams Mauricio Pochettino beim 3:0 der Spurs vom vergangenen Mittwoch
AFP

Dortmunds Achraf Hakimi (l.), Tottenhams Mauricio Pochettino beim 3:0 der Spurs vom vergangenen Mittwoch

Viele Vereine haben verstanden, dass sie ihr Geld nicht allein für gute Spieler ausgeben sollten, wenn sie erfolgreich sein wollen, sondern auch für gute Trainer. Die Eliteklubs leisten sich die besten der Welt. Klopp hat in Liverpool das Spiel gegen den Ball perfektioniert; Guardiolas City-Mannschaft lässt Ball und Gegner laufen; Mauricio Pochettino steht mit Tottenham kurz davor, den BVB aus der Champions League zu werfen.

Suche nach der neuen Nische

In der Bundesliga waren Klopp und Guardiola stilprägend, sie wurden vielen Kollegen zum Vorbild und inspirierten den Trainernachwuchs. Heute tun sie das in der Premier League. Auch der Fußball, den die englische Nationalmannschaft unter Trainer Gareth Southgate spielen, hat mit dem antiquierten Stil vergangener Jahre nichts mehr gemein.

Nur wenn reiche Vereine Fehler machen, können finanzschwächere sie überholen. Die Klubs der Premier League sind in der Regel reicher, ihnen unterlaufen aber viel weniger Fehler als vor einigen Jahren auf den Gebieten Taktik, Scouting, Jugendarbeit. Diese Fehler finden sich mittlerweile eher beim FC Bayern.

Dass Deutschland, Bundesliga und DFB-Team, den Rückstand auf den englischen Fußball aufholen, darauf deutet derzeit wenig hin. Dafür bräuchte es wohl eine neue Nische.

insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
romeov 19.02.2019
1. Vielleicht sollten wir das Spiel einfach abwarten
...bevor die SPON-Redakteure schon jetzt wieder das Fell des Bären verteilen.
Levator 19.02.2019
2. Stimmt
Dortmund war ein gutes, wenn auch negatives Beispiel, in der Partie gegen Tottenham. Es lag nicht an den Spielern, sondern an Favre, dass in HZ zwei keinerlei taktischen Mittel gegen die Briten gefunden worden sind. Favre ist einfach zu bieder für große Aufgaben...
Nonvaio01 19.02.2019
3. ein guter artikel.....bis zum letzten satz
Die Klubs der Premier League sind in der Regel reicher, ihnen unterlaufen aber viel weniger Fehler als vor einigen Jahren auf den Gebieten Taktik, Scouting, Jugendarbeit. Diese Fehler finden sich mittlerweile eher beim FC Bayern. Ehrlich jetzt? 6 mal meister, in folge, aber man macht richtig viele fehler? Wenn man 6 mal in folge meister wird trotz dieser fehler, dann muss der rest der Liga ja einen noch schlechteren job machen.
doppelnass 19.02.2019
4. Der ewige Bullshit
Es geht ums Geld. Nichts anderes. Man braucht auch die Spieler, um die Taktik umzusetzen. Und wo steht das tolle England im den letzten Jahren denn international?
cherea 19.02.2019
5. Treffend
selten habe ich so oft zustimmend mit dem Kopf genickt bei einem SPON PL Artikel. Ein Punkt der vielleicht noch fehlt, einige der PL Clubs geben viel Geld aus aber die Transfers funktionieren dann auch bestes Beispiel Jahrelang Chelsea, und seit Klopp Liverpool, seit Guardiola City. negativbeispirl Manu. Bayern hat mit seinen letzten großen Transfers nicht den erhofften Erfolg verbuchen können... Viele BL Vereine tun sich dabei schwer, positive Ausnahme dieses Jahr BVB... ich drücke die Daumen das beim BVB was cleveres heranwächst und in den nächsten Jahren alle ärgert... man wünscht das ja immer Gladbach ;)
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