Schluss mit Skandalverein Wie der FC Schalke ein langweiliger Bundesligaklub geworden ist

Der FC Schalke war mal: aufregend, chaotisch, legendär. Seit Christian Heidel das Sagen hat, ist der Klub seriös, erfolgreich - und langweilig. Soll die Bedeutung für Außenstehende wieder größer werden, müssen Titel her.

Schalke-Trainer Domenico Tedesco (M.)
Witters

Schalke-Trainer Domenico Tedesco (M.)

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Es war einmal ein Fußballverein, bei dem schon ein emotional gegrölter Satz reichen konnte, um eine Präsidentschaftswahl zu gewinnen. Es war das Jahr 1994, als Ex-Spieler und Ex-Manager Helmut Kremers als Außenseiter in die Jahreshauptversammlung ging und wenig später - ohne echtes Konzept - zum wichtigsten Mann in Schalke wurde. Pardon, auf Schalke muss es natürlich heißen. "Wenn wir früher gegen Dortmund gespielt haben, haben wir uns dafür nicht mal umgezogen." Diese 14 Wörter über den Erzrivalen BVB reichten Kremers zum Wahlsieg.

Das war der FC Schalke, der mit seinen Skandalen und Anekdoten ganze Bücher füllen konnte.

Heute ist der Fußballclub Gelsenkirchen-Schalke 04 ein ganz normaler Bundesliga-Verein. Das ist zunächst mal rundum positiv zu verstehen. Die Schlüsselfigur für diesen Prozess heißt Christian Heidel. Der Manager hatte im Mai 2016 Horst Heldt abgelöst. Seitdem gab es keine Skandale mehr, das hatten allerdings auch schon seine Vorgänger geschafft.

Viel wichtiger: Auf Schalke herrscht Ruhe. Heidel hat seinem früher stets redseligen Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies, der seit seinem Amtsantritt 2001 für Seriosität steht, ein Schweigegelübde abgenommen - und der Fleischfabrikant aus Rheda-Wiedenbrück hält sich daran. Früher war Schalke geschwätzig, chaotisch, unbeständig, egoistisch, manchmal sogar unaufrichtig - und stand sich damit oft selbst im Weg. Seit Heidel seine Impfstoffe auf Schalke verabreicht hat, ist der Klub verschwiegen, geradlinig, zielgerichtet und dabei auch noch erfolgreich.

Domenico Tedesco
REUTERS

Domenico Tedesco

Denn der ehemalige Autohändler, in Mainz dank exzellenter Trainer-Verpflichtungen zu einem der besten Manager der Bundesliga aufgestiegen, hat auch auf Schalke den richtigen Trainer gefunden. Domenico Tedesco ist jung, taktisch sehr gut geschult und hat von Anfang an auf die richtige Ansprache gesetzt. Schalke geht als Vizemeister in die neue Saison, spielt nach drei Jahren mal wieder Champions League und die königsblauen Fans sind so euphorisch wie lange nicht. Skandale vermisst der Ottonormalfan in Gelsenkirchen sicherlich nicht.

Von Kuzorra bis Assauer

Deutscher Meister war der FC Schalke letztmals vor 60 Jahren. Seitdem arbeiteten Dutzende Trainer auf Schalke, Tedesco ist die Nummer 55. Unter seinen Vorgängern waren Weltenbummler wie Rudi Gutendorf, Lautsprecher wie Max Merkel, Jahrhunderttrainer Huub Stevens oder Verkannte wie Jupp Heynckes. Der über Jahrzehnte gepflegte Ruf der Knappen hatte aber vielmehr mit den Präsidenten, Aufsichtsräten, Managern und Betreuern zu tun. Fritz Szepan, Günter Siebert, Charly Neumann, Günter Eichberg, "Telefonmanager" Günter Netzer, Jürgen Möllemann, Rudi Assauer - die Historie des FC Schalke ist reich an starken Persönlichkeiten, die wegen ihrer Liebe zum Klub auch mal falsche Wege beschritten.

Günter Eichberg (M.)
imago

Günter Eichberg (M.)

Der legendäre Ruf der Königsblauen begann mit der Erfindung des sogenannten Schalker Kreisels, einem im Rückblick modern wirkenden Kurzpassspiel, von den Vereinslegenden Ernst Kuzorra und Szepan in den Zwanziger- und Dreißigerjahren verfeinert. Zur Schalker Geschichte gehören die Verwicklung in den Bundesliga-Skandal 1971, drei Abstiege, "Sonnenkönig" Eichberg und seine Vereinsführung nach Gutsherrenart, diverse finanzielle Abgründe. Aber eben auch sieben Deutsche Meisterschaften und fünf Pokalsiege.

Dieser Arbeiterklub lebt aber vor allem durch die bedingungslose Vergötterung seiner Fans. Und aus der Verknüpfung von Skandalen mit den besonderen Charakteren, der Rivalität zum BVB, tragischen Misserfolgen, der dauerhaften Verquickung zum Boulevard-Journalismus und der Leidenschaft der Anhängerschaft entwickelte sich ein bundesweites Interesse am FC Schalke.

Olaf Thon und der Uefa-Pokal
Getty Images

Olaf Thon und der Uefa-Pokal

Wer erinnert sich nicht an die Eurofighter von Stevens, die sich 1997 durch Europa kämpften und am Ende den Uefa-Pokal gewannen. Oder an die Saison 2000/2001, als Schalke für vier Minuten scheinbar Deutscher Meister war und durch ein spätes Freistoßtor von Münchens Patrick Andersson zum Meister der Herzen wurde. Man musste nicht Schalke-Anhänger sein, um diesen Klub als belangreich wahrzunehmen.

Das droht dem Klub unter Heidel und Tedesco abhanden zu kommen.

Das liegt zum einen an der veränderten Medienwelt. Der FC Bayern bekommt extrem viel Aufmerksamkeit, dahinter hat sich Borussia Dortmund durch die nationalen und internationalen Erfolge der vergangenen 20 Jahre das zweite große Kuchenstück gesichert. Die restlichen Bundesligisten streiten sich um ein paar Krümel.

Nicht ganz unschuldig ist aber auch Trainer Tedesco. Der 32-Jährige macht grundsätzlich sehr vieles richtig. Er lässt aber auch sehr unattraktiven Sicherheitsfußball spielen, der neutrale Fußballfreunde nur mit den Schultern zucken lässt. Schalkes Fußball ist langweilig, zusammen mit der Seriosität in der Vereinsspitze ist der Kulturschock einfach zu groß.

Fans des FC Schalke im Jahr 1998
imago

Fans des FC Schalke im Jahr 1998

In der Bundesliga gibt es viele Narrative. Freiburg ist der sympathische Underdog. Bayern ist der übermächtige Rekordmeister. Leverkusen ist der Werksklub, der nie einen Titel gewinnen wird. Nürnberg ist eine Fahrstuhlmannschaft. Und Schalke war der chaotische Skandalklub und ist nun auf dem besten Wege eine königsgraue Maus zu werden.

Was dieser Klub braucht, sind Erfolge - und damit ist nicht die Vizemeisterschaft der vergangenen Saison gemeint. Wer die Bundesliga gewinnt, den Pokal holt, in der Champions League mal ins Halbfinale oder gar ins Finale einzieht, wer die Europa League gewinnt, der bekommt die Aufmerksamkeit, die es für ein eigenes Kuchenstück braucht.

Wirklich wahrscheinlich ist das im kommenden Jahr nicht. Viele Schalker finden das völlig okay. Selbst die Erwartungshaltung ist die eines normalen Bundesliga-Klubs.



insgesamt 10 Beiträge
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Abel Frühstück 25.08.2018
1.
"Seitdem gab es keine Skandale mehr, das hatten allerdings auch schon seine Vorgänger geschafft." Hm. Seither ist Ruhe, das war allerdings schon vorher so? Klingt ja wie bei Ringelnatz. Den Schalker Erfolg hingegen muss man neidlos anerkennen. Wenn man die Bundesliga nur als Showgeschäft betrachtet, bei dem es am Ende der Saison darum geht, welches Stück Kuchen man in der Medienaufmerksamkeit bekommen hat, gut, dann brauchen die mehr Zirkus. Dem Reviernachbarn geht es unähnlich ja nicht.
prodemo 25.08.2018
2.
Selbst als BVB-Fan sehe ich die Entwicklung auf Schalke positiv; gut für‘s Ruhrgebiet. Pech nur für die Presse.
arnie f 25.08.2018
3.
Ich verstehe nicht, welches Problem Der Spiegel (schon seit Jahren) mit Schalke 04 hat. Vor ca. 10 Jahren habe ich mein Print Abo gekündigt, weil ich das ewige nörgeln über Schalke im Online-Bereich Leid war. Es muss ja nicht jedem diese Spielweise gefallen (ich selbst fand zum Beispiel das letzte Derby in Dortmund nicht so langweilig), aber sich darüber auszulassen, dass es im Umfeld des Clubs zu ruhig geworden ist, nachdem man sich jahrelang genau darüber lustig gemacht hat, ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten. Was genau soll dieser Artikel bringen? Was wird erwartet, dass Heidel sich jetzt betrunken ans Steuer setzt oder Fährmann sein Haus abbrennt, nur damit ihr was zu schreiben habt? Es war unbedingt notwenig, in diesen Verein Ruhe zu bringen, der als einer der wenigen es weiterhin schafft, oben mitzspielen und dennoch genau das zu sein: ein eingetragener Verein. Die Spieler auf dem Platz zeigen Leidenschaft und genau das ist es, was man auf Schalke sehen möchte. Möglich, dass euch das beim Spiegel nicht für aufregende Geschichten, wo doch Schalke immer für einen Lacher gut war. Sucht Euch doch einfach einen anderen Verein für regelmäßige herablassende Kommentare...
doppelnass 25.08.2018
4. Klar positioniert.
Der Spon liest sich mittlerweile wie ein BVB Blog. Anti Bayern, Anti Leipzig, Anti Schalke. Pro HSV.
expropriateur 25.08.2018
5. Königsgraue Maus?
Wie kann man nur so einen Unfug schreiben? Was soll so ein Artikel? Welcher Club hätte letzten Freitag zum Pokalspiel in Schweinfurt so eine Anhängerschaft inkl. aufwändiger Choreo mitgebracht? Königsgraue Maus - unfassbar. Schalke wird immer etwas Besonderes bleiben. Und zwar unabhängig davon, wer grad Trainer, Manager, Präsident oder Spieler ist. Wer so einen Unfug schreibt, der hat Schalke nicht verstanden und dem fehlt schlicht die Nähe zu den Leuten.
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