0:7-Debakel bei Manchester City Das Schweigen der Schalker

Schalke 04 erlebte bei Manchester City die höchste Niederlage einer deutschen Mannschaft in der Champions League. Trainer Tedesco zeigte sich kämpferisch - doch wie soll er seine Mannschaft wieder aufrichten?

REUTERS

Von , Manchester


Da standen sie kurz nach Abpfiff vor den Trümmern ihrer Saison in dieser kühlen Nacht von Manchester: die Schalker Spieler auf dem Rasen und die Fans auf der Tribüne in ihrer Ecke im City-Stadion. Beide Seiten hatten sich nichts mehr zu sagen. Mannschaft und Anhang schwiegen, um irgendwie mit dieser 0:7-Niederlage klarzukommen, die man gar nicht erst mit Zusätzen wie "Klatsche" oder "Debakel" versehen muss, um das Ausmaß der Niederlage zu fassen.

Der abgerutschte Vizemeister erlitt beim englischen Champion die höchste Niederlage einer deutschen Mannschaft in der Champions League und verpasste krachend die beiden Ziele, die nach allgemeinem Dafürhalten für dieses Achtelfinal-Rückspiel realistisch gewesen waren. Erstens: sich mit Anstand aus dem Wettbewerb zu verabschieden. Und zweitens: ein bisschen Mut zu tanken für den Abstiegskampf in der Bundesliga.

Stattdessen verließen die Schalker das Stadion wie Schüler, denen man gerade ein Zeugnis voller Sechsen ausgehändigt hat - gedemütigt, erschüttert, schockiert. Die Fans waren am Nachmittag noch mit bester Laune und starker Stimme durch die Stadt marschiert und hatten die ersten Ausläufer des nordenglischen Frühlings genossen. Nach dem Spiel konnten sie nicht einmal mehr auf ihr Team schimpfen.

Der Mann, der die historische Niederlage zu verantworten hat, saß später im schwarzen Rollkragen-Pullover vor der Presse und ging den Schalker Zusammenbruch noch einmal durch. Trainer Domenico Tedesco sprach davon, dass seine Mannschaft "in den ersten 30, 35 Minuten wenig zugelassen" habe, und das Erstaunliche daran ist: er hatte recht. Die Schalker begannen gut organisiert und mit Disziplin. Wie sie mit ihrer defensiven Ausrichtung das 2:3 aus dem Hinspiel hätten umbiegen wollen, blieb zwar ein Rätsel. Aber immerhin hielten sie mit.

"Größter Spannungsverlust, den ich als Trainer erlebt habe"

Nach dem ersten Gegentor durch einen strittigen Elfmeter von Sergio Agüero in der 35. Minute leistete sich die Mannschaft dann den "größten Spannungsverlust, den ich als Trainer erlebt habe", wie Tedesco berichtete. Und so nahm das Unheil gegen eins der besten Teams Europas seinen Lauf: Zur Pause stand es 0:3, am Ende eben 0:7. "Sie können mir glauben, dass es ab einem gewissem Spielstand auch extrem wehgetan hat", sagte Tedesco. Man glaubte ihm. Die Frage ist, was aus diesem schmerzhaften Abend folgen wird. Für Schalke und für ihn.

Der Trainer des Tabellen-14. der Bundesliga hat die Aufgabe, eine Trendwende herbeizuführen - so hat es der neue Sportvorstand Jochen Schneider formuliert. Und während bei der 2:4-Niederlage bei Werder Bremen am vergangenen Freitag noch Anzeichen der Besserung zu erkennen gewesen waren, erlebten die Schalker in Manchester den Tiefpunkt der Saison. Schneider äußerte sich in Manchester nicht zur Zukunft des Trainers.

Es ist schwer vorstellbar, wie sich das ohnehin schon dramatisch verunsicherte Team bis zum Spiel am Samstag gegen das auswärtsstarke RB Leipzig (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) von dem siebenfachen Nackenschlag erholen soll und wie Tedesco nach einer solchen Peinigung im Amt bleiben kann. Auch wenn sich zu seiner Entlastung anführen lässt, dass bei Manchester City auch schon andere Mannschaften schweren Schaden genommen hatten. Der FC Chelsea ging an gleicher Stelle einen Monat zuvor 0:6 unter.

Tedesco macht sich nach eigenen Angaben keine Gedanken darüber, wie sicher seine Position noch ist. Stattdessen zeigte er sich kämpferisch. Auch in dieser schweren Stunde sei er "stolz, Trainer von Schalke 04 zu sein", sagte er in Manchester.

Der Umstand, dass er seine Profis nach dem Schlusspfiff nicht wie gewohnt auf dem Rasen zu einem Kreis zusammenrief, erklärte er damit, dass er sie so schnell wie möglich in der Kabine haben wollte. Dort sei das Ritual dann nachgeholt worden. Einen Rücktritt schloss er aus: "Ich habe wirklich keine Sekunde daran gedacht, meinerseits irgendwas zu verändern."

Allerdings wäre es nachvollziehbar, wenn sich der Verein spätestens am Wochenende zu einer Veränderung auf dem Trainerposten gezwungen sehen würde - unter dem Eindruck einer Nacht, in der Mannschaft und Fans am Ende nur noch schweigen konnten.

Manchester City - FC Schalke 04 7:0 (3:0)
1:0 Agüero (35., Foulelfmeter)
2:0 Agüero (38.)
3:0 L. Sané (42.)
4:0 Sterling (56.)
5:0 Bernardo Silva (71.)
6:0 Foden (78.)
:0 Jesus (84.)
City: Ederson - Walker, Danilo, Aymeric (72. Delph), Zinchenko - Gündogan - Bernardo Silva, Silva (64. Foden) - Sterling, Agüero (64. Gabriel Jesus), L. Sané
Schalke: Fährmann - Stambouli, S. Sané, Bruma - McKennie (74. Mendyl), Oczipka - Serdar, Bentaleb - Embolo (69. Skrzybski), Konoplyanka - Burgstaller (79. Teuchert)
Schiedsrichter: Clement Turpin (Frankreich)
Gelbe Karten: Zinchenko, Danilo / Bruma
Zuschauer: 40.000

insgesamt 138 Beiträge
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archivdoktor 13.03.2019
1. Na ja....
....Schalke ist halt eine zu kleine Nummer für die CL. Bin mir sicher, Hannover 96 hätte es besser gemacht! Gazprom sollte im Sommer mal richtig Kohle rüberschieben, damit in Gelsenkirchen endlich eine gute Truppe zusammengekauft werden kann....Wo ist eigentlich das Geld geblieben, welches Schalke für die verkauften Spieler kassiert hat?
romeov 13.03.2019
2. Mitleid
Aus Mitleid schreibe ich jetzt nicht, wie ich das Spiel empfunden habe und das ich das Schlimmste, was man über eine Mannschaft sagen kann. Noch was zu SKY: Eigentlich wollte ich ja Juve gegen Athletico anschauen, stattdessen muss ich mir dieses Leiden von Schalke in der Konferenz anschauen, obwohl das Spiel auch in voller Länge übertragen wurde. Was macht das für einen Sinn?
roithamer 13.03.2019
3. Kein Kommentar
Ich bin einfach nur traurig.
geradsteller 13.03.2019
4. Bravo, Tedesco!
Aufstehen und wieder aufbauen ist jetzt der Job. Und auch er wird daran wachsen. Wenn es nicht vorher die Presse geschafft, ihn mit englischen Artikel aus dem Amt zu schreiben. Lasst die Geier kreisen, egal.Fallen darf man, aber wieder aufstehen. Und es wäre ein Riesen (!!!!)Kompliment für den Club, wenn sie das mit dem vorhandenen Personal zusammen tun.
nebenbei_bemerkt 13.03.2019
5. Schalke hin oder her...
mit diesem Ergebnis wird wohl auch dem letzten Schönredner der wahre Zustand der Bundesliga und des deutschen Fußball klar. International sind wir bestenfalls noch zweitklassig. Bei allen Bundesligaspielen ist die mangelnde Körperlichkeit, fehlende Dynamik und taktische Defizite der Trainergilde offenkundig.
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