Schalke-Gala in Madrid "Real ging der Stift"

Schalke 04 hat eine der größten Sensationen der Champions-League-Geschichte knapp verpasst. Nach dem Sieg bei Real Madrid staunten die jungen Spieler mehr über die Anfälligkeit des Titelverteidigers als über sich selbst.

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Aus Madrid berichtet


Horst Heldt gab einen Laut größter Vergnüglichkeit von sich, als er sich den Moment in Erinnerung rief, der ein atemberaubendes Fußballspiel beinahe zu einer Nacht für die Ewigkeit gemacht hätte: "Benedikt in der Nachspielzeit, das hätte ich gerne erleben wollen", sagte der Schalke-Manager nach dem 4:3-Sieg seines Klubs im Estadio Santiago Bernabéu.

Hätte Kapitän Höwedes den Ball in jener 90. Minute über die Linie gestochert statt in die Hände von Madrids Torhüter Iker Cassilas, dann wäre der FC Schalke wohl für einige Tage in den Mittelpunkt des globalen Fußballinteresses gerückt.

Denn Real, den berühmtesten Fußballklub der Welt, den Titelverteidiger der Champions League im Bernabéu nach einer 0:2-Niederlage im Hinspiel aus dem Wettbewerb zu befördern, wäre zweifelsfrei als eine der größten Sensationen in die Europapokalgeschichte eingegangen. Am Ende fehlte ein einziges Tor zum ganz großen Glück.

So leuchteten die Augen der Schalker nach dem Spiel zwar immer noch stolz, aber natürlich waren sie enttäuscht, den ganz großen Coup verpasst zu haben. "Das war ein sehr, sehr besonderes Spiel", sagte Leon Goretzka, "aber wenn man im Bernabéu vier Tore schießt und nicht weiter kommt, ist das irgendwie sonderbar". Andere verwendeten Begriffe wie "perplex" (Marco Höger), "verrückt" (Höwedes) oder "unfassbar" (Roberto Di Matteo), um ihren widersprüchlichen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Diese Mischung aus betörendem Adrenalinrausch nach einer sportlichen Großtat und Trauer über das Ausscheiden ist im Fußball selten.

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Sogar die Spanier feuerten am Ende Schalke an

Am Ende wurden die Schalker sogar vom spanischen Publikum gefeiert, und der Block mit den königsblauen Anhängern schmetterte noch eine halbe Stunde nach Spielschluss Lieder voller Zuneigung und Freude über das königsblaue Kunstwerk, das in dieser Nacht entstanden war. "Es ist noch nicht so lange her, da haben wir uns beim 0:5 gegen den FC Chelsea bis auf die Knochen blamiert, heute haben wir die Vereinsfarben sehr gut vertreten", sagte Heldt, der besonders stolz war, dass diese große Show auch ein Werk vieler sehr junger Spieler war.

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Schalke in der Einzelkritik: Spaß am Spiel
Mit Torwart Wellenreuther, Max Meyer und Leroy Sané, der nach einer halben Stunde für den angeschlagenen Eric Maxim Choupo-Moting eingewechselt worden war, standen am Ende drei 19-Jährige auf dem Platz, Goretzka ist gerade erst 20 geworden, und diese Jungs hatten einen Fußball gespielt, der im totalen Widerspruch zu jenem Defensivstil steht, den Trainer Di Matteo in seinen ersten Monaten als Trainer des Revierklubs propagiert hatte. Solch ein wildes Offensivspektakel war von einer Mannschaft des Italieners eher nicht zu erwarten, aber es hat ihm gefallen.

Kroos beklagt schlechte Verteidigung

Die Matteo sprach gar von einer "Leistung der Superlative", sein Plan hatte blendend funktioniert. Di Matteo hatte geahnt, dass die Spanier verwundbar sind. Sie gewannen zuletzt nur zwei von fünf Ligaspielen, mussten die Tabellenführung abgeben und werden von spanischen Medien massiv kritisiert. Di Matteo entschied sich für Risikobereitschaft und Offensive, und diese Rechnung ging auf. "Wir haben von der ersten bis zur letzten Minute sehr schlecht verteidigt", sagte der deutsche Weltmeister Toni Kroos, der neben dem schwachen Sami Khedira in der Real-Startelf stand, "und Schalke hat das sehr gut ausgenutzt".

Immer wieder boten sich erstaunliche Räume im Real-Mittelfeld. Schalke konnte bequem bis ins Angriffsdrittel kombinieren, Christian Fuchs erzielte das 1:0, Klaas-Jan Huntelaar traf zum 2:1 und zum 4:3, und Leroy Sané gelang das zwischenzeitliche 3:3.

Das Problem war Cristiano Ronaldo. "Wenn der nicht auf dem Feld gewesen wäre, dann hätten die keine drei Tore gemacht", sagte Heldt, doch der Weltfußballer entkam zwei Mal bei hohen Bällen seinem Bewacher Joel Matip, und traf per Kopf zum 1:1 und zum 2:2. An einem richtig guten Tag hätte Matip vermutlich zumindest eines dieser Tore verhindert, und auch Karim Benzemas zwischenzeitliches 3:2 wäre mit einer etwas konsequenteren Zweikampfführung zu verteidigen gewesen.

Vielleicht fehlte den Schalkern aber auch nur ein bisschen Zeit. "Ich glaube, am Ende ging denen ganz schön der Stift", sagte Max Meyer. "Noch drei vier Minuten länger, und ich weiß nicht, was hier los gewesen wäre." Real im Bernabéu in einen so desolaten Zustand zu versetzen, das schaffen nur sehr wenige Teams. Schalke 04 gehört seit Dienstag dazu.

Real Madrid - Schalke 04 3:4 (2:2)
0:1 Fuchs (20.)
1:1 Ronaldo (25.)
1:2 Huntelaar (40.)
2:2 Ronaldo (45.+1)
3:2 Benzema (52.)
3:3 Leroy Sané (57.)
3:4 Huntelaar (84.)
Real: Casillas - Arbeloa (83. Nacho), Pepe, Varane, Coentrao (58. Marcelo) - Kroos - Khedira (58. Modric), Isco - Bale, Benzema, Ronaldo.
Schalke: Wellenreuther - Höwedes, Matip, Nastasic - Barnetta (81. Uchida), Fuchs - Neustädter - Höger (57. Goretzka), Meyer - Choupo-Moting (29. Leroy Sane), Huntelaar.
Schiedsrichter: Skomina (Slowenien)
Zuschauer: 60.000
Gelbe Karten: Ronaldo, Coentrao (2) -

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insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
español 11.03.2015
1. Real in einen so desolaten...
...Zustand zu versetzen schaffen im Moment (eigentlich schon im ganzen Jahr 2015) sehr viele Teams. Seit der Rekord-Siegesserie und der (gewonnenen) Klub-WM läuft es bei den Merengues nicht mehr. Großen Anteil daran hat Ancelotti, der trotz klarer Zeichen, an seinem 4-3-3-System festhält (bei dem die Angreifer-BBC null Defensive/Druck ausübt). Es bedarf nur eines lauffreudigen Gegners und manches Fehlers und schon hat der Gegner seine Chance. Dies soll die Leistung von Schalke gestern nicht schmälern, aber das aktuelle Real Madrid hat mit dem Real von Ende 2014 nur wenig zu tun. MfG aus Madrid
austübingen 11.03.2015
2. Wow
Glückwunsch und Respekt. Das war ein unvergesslicher CL-Abend. Danke S04. Darauf lässt sich aufbauen. Macht so weiter.
ge1234 11.03.2015
3. Aber...
Zitat von español...Zustand zu versetzen schaffen im Moment (eigentlich schon im ganzen Jahr 2015) sehr viele Teams. Seit der Rekord-Siegesserie und der (gewonnenen) Klub-WM läuft es bei den Merengues nicht mehr. Großen Anteil daran hat Ancelotti, der trotz klarer Zeichen, an seinem 4-3-3-System festhält (bei dem die Angreifer-BBC null Defensive/Druck ausübt). Es bedarf nur eines lauffreudigen Gegners und manches Fehlers und schon hat der Gegner seine Chance. Dies soll die Leistung von Schalke gestern nicht schmälern, aber das aktuelle Real Madrid hat mit dem Real von Ende 2014 nur wenig zu tun. MfG aus Madrid
... ist es nicht immer so, dass eine Mannschaft nach einem so großartigen Triumph wie dem CL-Sieg erstmal wieder in ein mehr oder weniger großes Loch fällt? Aus dem Grund konnte noch keine Mannschaft zweimal hintereinander die CL gewinnen!
yemanya 11.03.2015
4. Schalke-Trainer ist Schweizer
Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass di Matteo ein Schweizer ist und kein Italiener. Für die europäischen Medien ist die Schweiz ja schon lange ein rotes Tuch, weil man die Widerspenstigen nicht zähmen kann. Aber deshalb gleich Tatsachen verdrehen, das muss nicht sein.
vjj 11.03.2015
5. der Torwart
allein War schon Problem genug. ikke casias müsste 2 Tore definitiv halten das 3. Tor kann er halten.
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