Schalke 04 vor dem Revierderby Der Scheinriese

Zweiter in der Liga, stark in der Abwehr, ein ruhiges Umfeld: Das ist Schalke 04 unter Domenico Tedesco. Doch wie gut ist die Mannschaft vor dem Derby gegen den BVB wirklich?

Domenico Tedesco
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Domenico Tedesco

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Die guten Nachrichten vorweg: Schalke 04 hat so viele Punkte gesammelt wie seit vier Jahren nicht mehr, der Verein könnte erstmals seit 2015 vor dem großen Rivalen aus Dortmund landen. Die Mannschaft stellt die zweitbeste Abwehr der Liga, die Teilnahme an der Champions League in der kommenden Saison ist sehr wahrscheinlich. Und was noch viel wichtiger ist: Im Umfeld des Klubs herrscht Ruhe.

Demzufolge könnte die Ausgangslage vor dem 92. Revierderby am Sonntag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) aus Sicht der Schalker kaum besser sein. Der Gegner aus Dortmund hingegen steht zwei Wochen nach dem 0:6 in München vor einer ungewissen Zukunft. Im Sommer soll ein radikaler Umbruch erfolgen. Der aktuelle Trainer, Peter Stöger, wird den Verein voraussichtlich verlassen. Viele Spieler suchen nach ihrer Bestform.

Also alles ganz einfach, oder? Nein, denn die Unterschiede sind minimal, wenn man genauer hinsieht.

Der BVB liegt trotz einer - für seine Verhältnisse - enttäuschend und chaotisch verlaufenden Saison nur einen Punkt hinter dem Rivalen auf Rang drei. Schalke, das in der vergangenen Woche beim Tabellenletzten aus Hamburg verlor, profitiert extrem auch von der schwächelnden Konkurrenz.

  • Das Team von Trainer Domenico Tedesco ist der schlechteste Zweitplatzierte seit dem VfB Stuttgart 2003
  • zuletzt hat ein Zweitplatzierter zum selben Zeitpunkt 2009 häufiger als Schalke verloren (Hertha BSC: 8 Niederlagen)
  • im Schnitt schießt die Mannschaft nur 1,5 Tore pro Partie - Bayern (2,7) BVB (1,9)
  • Mit Naldo (Sechs Tore) ist ein Abwehrspieler der zweitgefährlichste Spieler im Kader nach Guido Burgstaller (10)
Abwehrchef Naldo
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Abwehrchef Naldo

Weniger Ballbesitz, weniger Torschüsse, mehr Punkte

Fluch (für neutrale Zuschauer) und Segen (für Trainer und Mannschaft) ist Schalkes effiziente Spielweise. Nach Führungstreffern zieht sich das Team häufig zurück und versucht, knappe Resultate zu verwalten. Kein anderer Klub feierte so viele Siege mit nur einem Tor Differenz (sieben), lediglich in zwei Partien schoss Schalke mehr als zwei Treffer. Dass sich die Elf gegen tiefstehende Abstiegskandidaten wie Freiburg (2:0), Wolfsburg (1:0) und Mainz (1:0) zuletzt lange schwer tat, ist kein Zufall.

Schalke mag es, dem Gegner das Spiel zu überlassen. Auf Ballbesitz legt der Tabellenzweite mit 48,8 Prozent im Schnitt keinen gesteigerten Wert. Das zeigt sich auch beim Blick auf die Torschüsse. S04 schießt nur 11,6 Mal pro Partie auf das gegnerische Tor, die Konkurrenz auf den Champions-League- und Europa-League-Rängen ist da, mit Ausnahme von Frankfurt, deutlich gefährlicher.

Tedesco setzt seit seinem Amtsantritt im Sommer 2017 andere Prioritäten: Disziplin und Effizienz statt Dominanz und Spektakel. Seine Vorgänger waren daran gescheitert, der Defensive Stabilität zu verleihen. Dem 32-Jährigen ist es gelungen. Doch das derzeit funktionierende Kollektiv könnte schon bald Risse bekommen. Leon Goretzka, Schalkes wohl talentiertester und wertvollster Spieler, wechselt im Sommer zum FC Bayern. Die Zukunft von Max Meyer, einem wichtigen Baustein im System von Tedesco, soll Gerüchten zufolge ebenfalls nicht mehr im Ruhrgebiet liegen.

Mit einem Sieg im Derby kann der BVB die Saison retten

Schalke spielt zwar eine solide Saison - wäre jedoch mit einer vergleichbaren Punktzahl (52) in den vergangenen Jahren weiter hinten gelandet. Angesichts der tabellarischen Situation herrscht dennoch große Zufriedenheit. Anders sieht es in Dortmund aus.

Doch mit nur einem Sieg im Derby könnte der BVB eine turbulente Saison retten und Wiedergutmachung für das 4:4 im Hinspiel betreiben. Für Dortmund spricht die individuelle Klasse. Mit Marco Reus und Michy Batshuayi hat man zwei Profis in den eigenen Reihen, die eine Partie mit Einzelaktionen entscheiden können.

Obwohl sich die Mannschaft zahlreiche Aussetzer leistete und in drei Bundesliga-Spielen mindestens vier Gegentore kassierte, könnte es dem Klub gelingen, zum vierten Mal seit 2013 Vizemeister zu werden. Dortmunds Spiel ist trotz schwacher Auftritte immer noch ballorientierter als das der Schalker. 57,2 Prozent Ballbesitz ist der zweitbeste Wert der Liga, auch im Kreieren von Chancen gehört die Borussia noch zu den besten vier Teams. Im Schnitt geben Spieler des BVB drei Schüsse mehr ab als Profis des S04.

Das weiß auch Tedesco: "Ich höre oft, dass Dortmund in der Krise ist. Wenn man von 14 Ligaspielen nur eins verliert, dann ist man weit weg von einer Krise", so der Schalke-Coach vor dem Derby. Wohl wahr.

So weit, wie es den Anscheint macht, ist Schalke dem Konkurrenten dann doch noch nicht enteilt.

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insgesamt 6 Beiträge
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hamburger.jung 15.04.2018
1.
Mal sehen wie heute die "Körperlichkeit in der Halbspur" bei Schalke ist.:-))).
hardy_knorrig 15.04.2018
2. Tedesco holt mehr aus weniger
Das ist doch der springende Punkt. Die zum Teil etwas überzogenen Jubelarien beziehen sich auf das, was auf dem Platz passiert, nicht auf die Punkte. Jedenfalls seitens derer, die darauf achten und auch die Taktik sehen, nicht nur das Spektakel. Schalke hat auch in Spielen, die unglücklich verloren wurde (Bremen, München Rückrunde f.e) sehr gut performt. Und in jeder Halbzeit besteht eine hohe Chance, das Tedesco eine passende Korrektur herbei coacht. Natürlich ist der Abstand zwischen BVB und Schalke nicht so enorm, wie derzeit kolportiert. Aber wer hätte vor einem Jahr noch von dem Ausmaß des Abstands fabuliert, den der BVB HINTER Schalke zurück liegt? Eben.
lancerfoto 15.04.2018
3. Ich habe den Eindruck,
dass wiedermal ein pro BvB Beitrag geschrieben wurde. Schade! Für mich liegt der BvB ausgesprochen glücklich auf Platz drei der BuLi. Schalke dagegen überzeugte mich in deutlich mehr Partien (und ist mir auch von der Fankultur her bedeutend lieber). Ich bin kein "Anhänger" von Schalke, aber erst recht nicht vom BvB. Möge der Bessere und nicht der Glücklichere gewinnen.
hnf0506 15.04.2018
4. Schalke spielt (für nicht-Fans).....
....Fußball zum Abgewöhnen.
hoppelkaktus 15.04.2018
5. Derzeit alles ziemlich gleichgültig im deutschen Fußballkuckucksheim
Welche Vereine sich diesmal auch immer für die Champions-League (und das unattraktivere Eurodingens) qualifizieren: es darf befürchtet werden, dass sie - abgesehen vom FCB - als schieres Kanonenfutter in den europäischen Wettbewerb starten. Leckere Tappas, Antipasti, Snacks, Entrees - nahrhafte Bundesliga-Appetithäppchen für Europa eben, mehr nicht. Insofern macht es drum auch keinen wirklich großen Unterschied, ob im Ausgang dieser Spielzeit nun Schalke, Dortmund oder - als lachender Dritter auf dem Zweiten - Leverkusen sich direkt hinter den Bayern in der Schlusstabelle wiederfinden wird. Und das Resultat des heutigen "Pütt-"Derbys? Na, ich tippe, es wird, nach einem hoffentlich trotz allem ansehbaren Spielchen, mit einem Unentschieden ausgehen.
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