Schalke vor Duell mit Galatasaray Schön spielen sollen die anderen

Zwei Schritte vor, einer zurück: Auf Schalke fragt man sich, in welche Richtung sich die Saison entwickelt. Gerade das Toreschießen bereitet Probleme. Sinnbildlich für die Krise steht ein Nationalspieler.

Matija Nastasic, Jewhen Konopljanka und Sebastian Rudy (v. l.)
REUTERS

Matija Nastasic, Jewhen Konopljanka und Sebastian Rudy (v. l.)

Von Tobias Escher


Nicht einmal 30 Minuten waren auf Schalke gespielt, da war die Laune im Stadion bereits im Keller. 55 Prozent Ballbesitz hatten die Schalker gegen Hannover 96 zu diesem Zeitpunkt gesammelt. Torchancen? Null. Ideen im Spiel nach vorne? Fehlanzeige. Pässe im gegnerischen Drittel? Drei. Die Zuschauer quittierten die Leistung mit Pfiffen. Am Ende durften die kritischen Schalker Anhänger einen 3:1-Sieg ihrer Elf bejubeln.

Drei Schalker Tore in einem Spiel: Das gab es in dieser Saison noch nicht. Trainer Domenico Tedesco wies nach dem Spiel stolz auf die zuletzt starke Bilanz hin. Von den vergangenen acht Pflichtspielen gewann Schalke fünf und verlor nur eins. Damit sind die ärgsten Sorgen nach dem historisch schlechten Saisonstart vergessen (fünf Bundesligaspiele, fünf Niederlagen).

Ballbesitzspiel bleibt die große Baustelle

Dass dennoch nicht alles eitel Sonnenschein ist auf Schalke, beweisen die frühen Pfiffe. Schalke präsentierte sich wie so oft in dieser Saison ideenlos im Spiel nach vorne. Die Wende kam erst, nachdem Nabil Bentaleb seine Schalker per Elfmeter in Führung brachte. Danach konnten die Hausherren gegen überforderte Hannoveraner auf Konter lauern. Das Ballbesitzspiel, das beim Stand von 0:0 gefragt war - es bleibt die große Baustelle des Schalker Spiels. Und auch in der Champions League geht es gegen Galatasaray (21 Uhr; TV: Sky; Liveticker SPIEGEL ONLINE) beim Stande von 0:0 los.

Dabei sollte in dieser Saison eigentlich alles anders werden. Die Vizemeisterschaft der vergangenen Saison verdankten die Schalker ihrer Defensive. Den Verantwortlichen war bewusst: Reproduzieren lässt sich solch eine Saison kaum. Praktisch jede enge Partie entschieden die Schalker für sich, meist dank Kampf und ihrer enormen Stärke nach Standards. Fast fünfzig Prozent ihrer Tore erzielten sie nach ruhenden Bällen. Schon vor der Saison erklärte Domenico Tedesco im Interview mit der "Welt am Sonntag": "Wir müssen schneller reagieren, wenn der Gegner im Spiel umstellt. ... Auch müssen wir schneller ein Gegengift entwickeln, wenn der Gegner uns durchschaut."

Bislang ist dieser Vorsatz gescheitert. Gerade nach der Krise zu Beginn der Saison hatte Tedesco versucht, seine Mannschaft taktisch flexibler einzustellen. In der Vorsaison agierte Schalke praktisch durchgängig mit einer Fünferkette. Diese Saison wählte der Trainer auch Varianten mit einer Viererkette. Doch weder in einer Rautenformation (2:0 gegen Düsseldorf) noch einem klassischen 4-2-3-1 (0:2 gegen Werder) überzeugte Schalke restlos.

Mittlerweile setzt Tedesco wieder auf ein 5-3-2. Es gehe jetzt nicht darum, "einen Schönheitspreis zu gewinnen", so der Trainer. Seit der Rückkehr zur Erfolgsformation kassierte Schalke in vier Pflichtspielen nur zwei Gegentore. Sie schossen allerdings auch nur vier - drei davon in der zweiten Halbzeit gegen Hannover. Sobald sich der Gegner weit zurückzieht, fehlen Schalke Impulse aus dem Mittelfeld.

Eigentlich sollte Sebastian Rudy in diesem Punkt Abhilfe schaffen. Schalke verpflichtete den Nationalspieler vor der Saison für 16 Millionen Euro vom FC Bayern München. Seine magere Bilanz: sieben Pflichtspiele für Schalke, davon zweimal aus- und einmal eingewechselt. Obwohl Rudy die Rolle des Sechsers im 5-3-2-System aus seiner Zeit bei Hoffenheim kennt, tut er sich schwer im System der Schalker.

Dass auf Schalke zuletzt zumindest die Ergebnisse stimmten, lag ausgerechnet an einem Konkurrenten von Rudy: Bentaleb brachte Schalke gegen Hannover mit seinem Elfmetertor auf die Siegesstraße. Schon im Pokal gegen den 1. FC Köln gelang ihm ein Treffer vom Punkt. Auch im Spiel mit Ball zeigt sich Bentaleb präsent. Das belegen seine SPIX-Werte. Hier ragte er gegen Hannover im Spielaufbau (91), aber auch in der Kategorie Balleroberung (85) heraus. Eigentlich hatte man sich von Rudy versprochen, dass er das Spiel diktiert - und nicht etwa Bentaleb.

Doch auch der Algerier kann die Schwächen des Schalker Spiels allenfalls kaschieren. Sobald der Gegner kompakt im Mittelfeld steht, fällt Schalke nicht viel ein außer Querpässen und langen Bällen ins Sturmzentrum. Die Achter, jene Mittelfeldspieler vor Sechser Bentaleb, tauchten zuletzt ab. Die Zugänge Omar Mascarell (durchschnittlicher SPIX diese Saison: 41) und Suat Serdar (45) überzeugen bisher nicht. Ironischerweise belebte zuletzt ausgerechnet ein Stürmer das lahmende Mittelfeld der Schalker: Nachdem Mark Uth gegen Hannover auf die Achter-Position wechselte, entwickelte Schalke mehr Zug zum Tor. Er brachte mit seinen Läufen aus der Tiefe eine neue Facette ins Schalker Spiel.

Dass diese so effektiv waren, lag auch am Spielstand. Nach dem Rückstand musste Hannover offensiver antreten, ließ Räume für Konter. Das schnelle Umschalten beherrschen die Schalker. Gegen Galatasaray lautet die Frage daher wieder: Gelingt es Schalke diesmal, die defensive Formation des Gegners zu knacken? Durchaus möglich, dass die Schalker Fans nach 30 ideenlosen Minuten wieder pfeifen.

Wir haben die Staatsangehörigkeit von Nabil Bentaleb im Text korrigiert.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
lektra 06.11.2018
1.
In der Schilderung wird unterschlagen, dass der Elfmeter (der gegen H96 der "Dosenöffner" war) das Ergebnis einer Schwalbe von Mark Uth war.
gaxe04 06.11.2018
2. Unterschlagung
@ Nr. 1. In ihrem Kommentar unterschlagen Sie dass Schalke in der ersten Halbzeit ein eindeutiger Elfer aberkannt wurde.
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