Goretzka-Wechsel Schalke ist wieder Schalke

Nach einer erfolgreichen und harmonischen Hinrunde ist auf Schalke nun wieder gewohnte Unruhe eingekehrt: Die Wut der Anhänger über Leon Goretzkas Wechsel zum FC Bayern droht dem Klub größeren Schaden zuzufügen.

Leon Goretzka und Trainer Domenico Tedesco
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Leon Goretzka und Trainer Domenico Tedesco

Aus Gelsenkirchen berichtet


Es war keine besonders spektakuläre Partie, die Leon Goretzka beim 1:1 des FC Schalke 04 gegen Hannover 96 bot. Der Nationalspieler war nach einer langen Verletzungspause zurückgekehrt, ihm fehlte noch die Energie für die wuchtigen Aktionen, die ihn zu solch einem besonderen Fußballer machen. Und dennoch ließ sich an diesem Abend hervorragend beobachten, was den Gelsenkirchenern fehlen wird, wenn Goretzka demnächst seinen beschlossenen Wechsel zum FC Bayern München vollzieht.

Denn es war dieser immer noch erst 22-jährige Fußballer, der den klarsten, den ehrlichsten Blick auf die komplexe emotionale Gesamtsituation warf, die seine in der Vorwoche bekannt gewordene Entscheidung geschaffen hat. "Ja, wenn einen die eigenen Fans auspfeifen, tut das natürlich weh", sagt er, nachdem jeder seiner Ballkontakte von wütenden Unmutsbekundungen des eigenen Anhangs begleitet worden war.

Nach der Partie warb er dann aber mit klugen Worten um Verständnis für seine Schritt. "Viele Leute denken jetzt, dass das so ein Pokerspiel war", sagte er, in Wahrheit habe er aber so viel Zeit benötigt, weil er in dieser für seine Lebensplanung essenziellen Entscheidung keinen Fehler machen wollte.

Für Goretzka blieben die Proteste "im Rahmen"

"Ich habe versucht, in mich selbst reinzuhören, was ich möchte, was meine Ziele sind", berichtete er. "Und jeder, der das mal bei sich selbst versucht, wird feststellen, dass das gar nicht so einfach ist." Das klang vernünftig und ein bisschen traurig, wobei Goretzka zugleich "froh" war, dass die Proteste insgesamt "im Rahmen geblieben" seien. Man muss schon mit den traditionellen Schalker Neigungen zur Selbstzerstörung vertraut sein, um das so zu sehen.

Einige aus der Nordkurve sind derart verbohrt, dass sie den Ex-Dortmunder Andreas Möller auch dann noch beschimpft und verachtet haben, als er den Klub 2001 beinahe zur Meisterschaft geführt hätte. Ihren ehemaligen Kumpel Manuel Neuer haben sie nach dessen Wechsel nach München ausgestoßen, einige hassen den Torhüter bis heute. Es gibt kaum einen Standort, an dem die fundamentalistischen Romantiker so einflussreich sind wie hier.

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Leon Goretzka: Aus Bochum zu den Bayern

Das nächste Opfer ist nun Goretzka, und man kann darüber diskutieren, ob das Team die zähe Partie gegen Hannover ohne die Störungen gewonnen hätte. Bastian Oczipka jedenfalls fand, dass die Atmosphäre "schon anders als in der Hinrunde" gewesen sei. Es gab großflächige Transparente mit klaren Botschaften wie: "Weder Kohle noch Titel sind mehr wert als unser Verein! Wer das nicht schätzt, kann sich sofort verpissen." Und auch der Teil des Publikums, der nicht pfiff, wirkte irgendwie gelähmt.

Klubboss Tönnies gießt Öl ins Feuer

Das ist nicht ungefährlich, wohl auch deshalb, war Domenico Tedesco bemüht, das Thema klein zu halten. "Ich habe mir darüber während des Spiels keine Gedanken gemacht", sagt der Trainer, "das war sanft, nichts Brisantes, sehr fair". Pfiffe und beleidigende Plakate gegen einen eigenen Spieler als "sehr fair" zu bezeichnen, zeigt, wie groß die Angst vor den Extremisten aus den eigenen Reihen ist. Und der Aufsichtsratsvorsitzende unterstützt sie auch noch bei ihrem destruktiven Werk.

Clemens Tönnies hatte am Morgen in einer Fußball-Talkshow von seinen ersten Empfindungen berichtet, die er nach Bekanntwerden der Wechselentscheidung gehabt habe: "Du solltest das Trikot von Schalke 04 nicht mehr tragen", habe er gedacht. Und wenn die Goretzka-Unruhe nun dazu führe, dass das Publikum die Mannschaft nicht mehr so leidenschaftlich unterstütze, wie in der Hinrunde, könne es passieren, "dass Leon bis Saisonende auf der Tribüne sitzt", sagte Tönnies.

In Wahrheit zeigte dieser fußballerisch schwergängige Abend aber, wie dringend die Mannschaft einen starken Goretzka braucht, wenn sie den engen Kampf um die drei Plätze hinter dem FC Bayern erfolgreich beenden möchte. Sein durchschnittliches Spiel gegen Hannover hat gezeigt, dass er nun vor allem Spielpraxis benötigt.

Kleinigkeiten werden das Ringen um den Einzug in die Königsklasse entscheiden, der über 20 Millionen Euro wert ist, insofern verwundern nicht nur die Reaktionen von Tönnies und den einigen Fans, sondern auch die Überlegungen der Klubführung zu einem sofortigen Wechsel des Spielers.

Ein solches Szenario sei "kein Thema", sagte Manager Christian Heidel zwar, aber "wenn Karl-Heinz Rummenigge morgen anruft, dann gehe ich trotzdem ran, höre ich mir an, was der zu sagen hat, und ich kann jetzt nicht sagen, ob ich ja oder nein sage." Aber ist das klug? Denn natürlich bleibt Goretzka der beste Profi im Kader, es ist gut möglich, dass zwei, drei richtig gut Partien des Nationalspielers den entscheidenden Ausschlag zum Erreichen der Saisonziele geben würden.

Aber irgendwie gehört es zur Tragik dieses merkwürdigen Fußballstandorts, dass der ganz normale Prozess eines Spielerwechsels tatsächlich den weiteren Saisonverlauf, ja vielleicht sogar den Prozess der Erneuerung gefährdet. Denn Goretzka macht nichts Verwerfliches, er sei eben "zu dem Schluss gekommen", dass er seine Ziele "am besten mit dem FC Bayern erreichen kann." Und dieser Abend dürfte ihn in dieser Erkenntnis eher noch bestärkt haben.



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zid 22.01.2018
1. Die S04 Fans...
leben in einer Traumwelt...Goretzka hat seinen Vertrag komplett erfüllt, hat sich nichts zu Schulden kommen lassen. Lasst mal die Kirche im Dorf S04 Fans, euer Verein ist BL-Mittelmaß, Goretzka gehört nicht in eure Reihen, er ist einfach zu gut mittlerweile. Wäre traurig, wenn so eine Spieler bei Schalke bleibt und sich nicht weiter entwickelt. Hätte nicht Bayern sein müssen ok, aber für einen "grossen" Verein ist es Zeit...
hirlix 22.01.2018
2. So ein Unsinn.
Die Wut der Anhänger und Verantwortlichen hat nichts mit Verbohrtheit oder ähnlichem zu tun. Hätte der Typ im Sommer schon zu verstehen gegeben, dass eine Verlängerung eher unwahrscheinlich ist, hätte Schalke noch viel Geld verdienen und adäquaten Ersatz finanzieren können. Er hat stattdessen allen bis zuletzt Hoffnung auf eine Verlängerung gemacht. Er hat nun keine neuen Argumente gebracht, die nicht schon im Sommer galten. Selbst für mich als BVB-Fan ist klar, dass er die Wut der Anhänger verdient hat. Als Fan bin ich jedoch auch froh, dass er sich so entschieden hat.
moosi1 22.01.2018
3. Vertragstreue - für Schalke ungewohnt?
Da verhält sich jemand völlig korrekt: hält seinen Vertrag ein, informiert über seinen Anschlussvertrag, trainiert fleißig und versucht ein gutes Spiel zu machen. Was ist der Dank?
vhn 22.01.2018
4. Unverständlich
Goretzka hat seinen Vertrag erfüllt und gut. Wie jeder normale Arbeitnehmer hat er dann das Recht zu pokern. Was ist daran unsauber? Ihn jetzt als Buhmann darzustellen ist vollkommen Quatsch und lenkt nur von anderen Problemen ab. Und ob man es sich leisten kann, Goretzka für den Rest der Saison auf die Tribüne zu setzen? Ich glaube kaum.
Volker1904 22.01.2018
5. Werte & Tradition sind keine Verbohrtheit
...leider erkennen Sie als Redakteur nicht den Unterschied zwischen Kunden- oder Plastikvereinen zu Traditionsvereinen, in denen Werte & Menschen noch etwas gelten, nicht Geld = Macht. LG hat sich nicht korrekt verhalten - es gab eine von beiden Seiten vertragsreife Situation im Sommer 2017, bis sich der Bundesschalträger und wohl einige Kollegen des FCB beim Confed-Cup ihm den Kopf verdrehten. Dann wollte er die sportliche Entwicklung abwarten, was im Winter mit Platz 2 und Pokal-Überwinterung im Maximum endete. Dass er sich jetzt erst ab 01.01. in 14 Tagen entschieden hat, glaubt doch keiner. Da gab es nach dem Besuch seines Managers letzten Sommer in der Säbener Straße Absprachen und Vorverträge, was natürlich - weil Rechtsbruch - keiner zugeben wird. Somit ist Heucheln und Lügen mit einer - für das Ruhrgebiet - sanften Reaktion versehen worden. Neuer ist ein ganz anderes Kaliber, der sein ganzes Leben als "Ur-Schalker" kokettierte um am Tag seines Wechsels alle Wurzeln und Bilder auf seiner HP und Facebookseite zu löschen. Wer die Menschen und Fans (nicht Kunden) so mit Füßen tritt, bekommt die entsprechende Reaktion. Das ist in einer Werte-Gesellschaft so.
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