Stimmung beim FC Schalke Königsblauer Zorn

"169 cm Inkompetenz." Der FC Schalke zieht in die Europa League ein - und wird von seinen Fans gnadenlos angefeindet. Im Mittelpunkt der Kritik stehen Aufsichtsratschef Clemens Tönnies und Manager Horst Heldt.

Aus Gelsenkirchen berichtet

DPA

Es waren gespenstische Szenen, die sich auf den Rängen abspielten, als der unverdiente 1:0-Sieg von Schalke 04 gegen den SC Paderborn amtlich war und der Revierklub sein - wenn auch korrigiertes - Saisonziel erreicht hatte. Fäuste flogen durch die Luft, die Mannschaft wurde wüst beschimpft. "Wir sind Schalker und ihr nicht" grölten die Anhänger, die Spieler flüchteten in die Kabine. Aber die entrüsteten Menschen auf den Rängen blieben.

Sie schimpften und zeterten weiter, was die Schalker Mannschaft zu ihrer wahrscheinlich klügsten Entscheidung des Nachmittags bewog. Sie kam wieder und setzte sich der Wut ihres Publikums aus. "Wir haben als Mannschaft beschlossen, uns den Fans zu stellen, noch einmal eine Runde durchs Stadion zu gehen, um den Emotionen der Fans freien Lauf zu lassen", sagte Torhüter Ralf Fährmann.

Es war ein Versuch, dem Eindruck der endgültigen Entfremdung entgegenzuwirken und den gigantischen Graben zwischen Fans und Mannschaft nicht noch größer werden zu lassen. So konnten die Leute ihren Frust nach dem Stimmungsboykott der ersten Spielhälfte wenigstens ausleben, der blanke Zorn war das dominierende Gefühl. "Die Herzen sind erst mal verloren, die zurückzugewinnen, da muss man sich vorsichtig rantasten", stellte Manager Horst Heldt später desillusioniert fest.

"Der Fisch stinkt vom Kopf"

Mit so viel Abneigung ist wohl noch nie eine siegreiche Bundesligamannschaft nach dem Erreichen ihres Minimalziels, der Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb, überschüttet worden. Auf einem Transparent stand: "Vermisstenanzeige: Kurve sucht Mannschaft. Finderlohn garantiert." Wobei nicht allein die Mannschaft kritisiert wurde.

Ein Plakat mit der Aufschrift "169 cm Inkompetenz" richtete sich gegen Manager Heldt, auf einem anderen Spruchband hieß es, "DER FISCH STINKT VOM KOPF", das C und das T waren rot gefärbt und bildeten die Initialen von Aufsichtsratschef Clemens Tönnies. Der große Klubpatriarch war der am übelsten beschimpfte Schalker des Nachmittags. In der zweiten Halbzeit brandeten immer wieder erbitterte "Tönnies raus!"-Chöre auf.

Der Fleischfabrikant ist der Mann, der, so ist jedenfalls der Eindruck der Fans - die Kultur dieses Klubs prägt wie kein anderer. Tönnies verantwortet - gemeinsam mit Heldt - die langfristige Konzeption, und diese ist allenfalls als misslungenes Fragment erkennbar. Zwar weist Tönnies in schwierigen Phasen wie jetzt gern darauf hin, dass er als Aufsichtsrat nur wenig mit dem operativen Geschäft zu tun hat, aber das wird ihm nicht mehr geglaubt.

Kritik an der Suspendierung von Boateng und Sam

In einem vorige Woche veröffentlichten Schreiben wird eine "Entwicklung" kritisiert, die "sich nicht erst in dieser Spielzeit abzeichnet, sondern die Strukturen und Gegebenheiten unseres Vereins seit Jahren bestimmt". Ein "ruhiges und entwicklungsorientiertes Arbeiten" sei "unter diesen Strukturen nicht möglich", heißt es dort. Nun gelte es, den "über Jahre bestehenden Kreislauf zu durchbrechen und die Personen zur Verantwortung zu ziehen, welche uns über einen sehr langen Zeitraum in diese bestehende Situation mit ihren Strukturen gebracht haben." Es ist klar, dass Tönnies gemeint ist. Und diese Forderungen sind keineswegs Hirngespinste einer kleinen Gruppe, sie sind unterschrieben von 185 Fanklubs und zwei großen Dachorganisationen der Anhängerschaft.

Dass die Mannschaft in solch einer durch und durch kontaminierten Atmosphäre "bedrückt" und "verkrampft" spielte, wie Roberto Di Matteo feststellte, ist eigentlich kein Wunder. So etwas wie Spaß am Fußball existiert derzeit nicht auf Schalke, daran haben auch der Rauswurf von Kevin-Prince Boateng und Sidney Sam sowie die vorläufige Suspendierung von Marco Höger nichts geändert. "Das sind Sachen, die Personen beschlossen haben", sagte Torhüter Fährmann, und es war nicht zu überhören, dass der mit Abstand beste Schalker dieses Tages die Maßnahmen nicht besonders gelungen fand. "Für uns als Team ist das natürlich immer hart, wenn auf einmal Spieler nicht mehr da sind. Wir haben versucht, mit der Situation umzugehen."

Wie diese Situation gelöst werden kann, weiß niemand. "Da kann ich Ihnen heute nicht viel dazu sagen, jetzt muss man erst mal die Saison zu Ende bringen", erwiderte Heldt auf entsprechende Nachfragen. Immerhin versicherte er, dass Roberto Di Matteo das Team auch im kommenden Jahr trainieren darf, offenbar hat der Manager inzwischen erkannt, dass das Schalker Hauptproblem nicht die Trainer sind.

Schalke 04 - SC Paderborn 1:0 (0:0)
1:0 Hünemeier (88., Eigentor)
Schalke: Fährmann - Höwedes (57. Barnetta), Matip, Nastasic, Kolasinac - Kirchhoff (46. Goretzka), Aogo - Farfan, Meyer, Choupo-Moting (46. Draxler) - Huntelaar.
Paderborn: Lukas Kruse - Heinloth, Strohdiek, Hünemeier, Brückner - Bakalorz, Vrancic (86. Ziegler) - Koc (76. Kachunga), Stoppelkamp - Rupp, Lakic (69. Kutschke).
Schiedsrichter: Dankert
Zuschauer: 61.973 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Farfan (2), Goretzka, Nastasic (3) - Brückner (5), Ziegler (7)

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insgesamt 82 Beiträge
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Arabsalam 17.05.2015
1. Schlackefans
Bei den Fans ist langfristiges Arbeiten in der Tat nicht möglich, ich weiß nicht, was die bei dem Kader eigentlich erwartet haben, die Meisterschaft? Aber die Fans haben bereits in den 2000er Jahren Slomka als Trainer rausgemobbt als sie n u r zweiter waren In Dortmund stehen sie immer hinter ihrer Mannschaft, auch wenn die mal 18. ist.
GustavLecter 17.05.2015
2. Erfreulich....
Da wundern wir uns zB in München manchmal warum die Schalker und die Dortmunder solche "Problem" miteinander haben. Jetzt wissen wir es... Die Schalker sehen was los ist, und zeigen mit dem Finger auf die Schuldigen. Beim BVB hingegen steht man in Nibelungentreue zu Watzke und Zorg.
kruderico 17.05.2015
3. Himmel was sind das für verwöhnte, inkonsequente Fans...
im Erfolgsfall (CL-Teilnahmen) hat sich keiner von denen beschwert. Und jetzt sorgt eine EL-Qualifikation für solch eine Stimmung? Niemand hat sich öffentlich gegen diesen Tönnies gestellt. Kein Schalke-Fan ist gegen Gazprom. Immerhin ein Unternehmen dessen Erfolg wahrscheinlich auf Mord und Totschlag aufgebaut ist...alles das war jahrelang nie ein Problem. Sowas nennt man wohl kognitive Dissonanz! So schlecht ich Tönnies und Heldt auch finde, aber diese Schalke-Fans sind doch nur noch erbärmlicher! Was haben die sich gefreut als die Millionen für die Boatengs, Choupo Moutings und Sidney Sams massenhaft aus dem Fenster geworfen wurden...dabei hat Schalke wirklich überdurchschnittlich viele und gute Nachwuchsspieler...das hätte man diesen Erfolgsfans doch gar nicht verkaufen können: Wir bauen jetzt auf die Jugend, auch wenn wir dadurch vielleicht einige Jahre der Musik hinterherlaufen und es vielleicht vier, fünf Jahre mal keinen internationalen Fußball in der Turnhalle zu sehen gibt. Die Schalke-Fans wären doch ausgerastet! Und bevor die Schreierei hier losbricht: ja - ich bin ein Borussen Anhänger...aber einer der einzig wahren Borussia, welche aus Mönchengladbach kommt!
Dieter Sonnenschein 17.05.2015
4. Das Hauptproblem sind nicht die Trainer...
...aber EIN gewichtiges Problem ist der aktuelle Trainer dennoch. Huub Stevens und Jens Keller waren hingegen, neben den Fans, die Leidtragenden der Aktionen der Hauptprobleme. Horst Heldt und auch Clemens Tönnies sind keine Schlechten und meinen es mit Sicherheit auch gut. Aber ich glaube, sie können es einfach nicht im benötigten Umfang. Ideal wäre nun wirklich ein Übereinkommen mit den o.g. 185 Fangruppierungen, dass man erst einmal für ein Jahr Huub Stevens verpflichtet - und zwar ohne "Saisonziele" vorzugeben! Zu Huub haben die Fans Vertrauen und er wird es auch richten.
motzbrocken 17.05.2015
5. Schade um Schalke
es war irgendwann anfangs der 70er Jahre als mein Vater mit einem Fernseher nach Hause kam. Schwarz/Weiss, zwei Sender (den Deutschschweizer Sender und die ARD). Samstags kam jeweils die Sportschau. Und ich als kleiner Junge fand den Namen Schalke (was bedeuted das eigentlich? Ist es der Name einer Region, kommt das aus dem Bergbau oder wie oder was) irgendwie so toll, dass ich ein Fan von denen wurde. Jahre später kam das Farbfernsehen. Und, wau, Schalke hatte ein königblaues Tenue! Der Name und blaue Tenues.... Pohhh das war's!! Und das ist geblieben. Ich habe zwar noch nicht viele Spiele dieses Clubs live geguckt. Zähle mich also nicht zu den Hardcore Fans. Und trotzdem, wenn ich die Situation angucke in welcher dieser Verein steckt, tut es weh. Und doch ist es symptomathisch für die heutige Zeit: Inkompetenz, Gier, Macht und Sturheit zeichnen die Meisten der sogenannten Eliten aus. Sei es in einem Fussballclub, sei es in der Politik. Siehe auch den HSV und zu meiner Schande so ziemlich alle Clubs in der Schweiz (bis auf Basel). Die Grössten Nieten sitzen meistens zuoberst. Zerstören aus den genannten Gründen ganze Fankulturen, am Ende sind sie es, die den Fussball zu Grabe tragen. Welcher Fan macht den so ein Theater Jahrelang mit? Das müssen schon sehr treue Seelen sein. Verliebt in den Namen und die Farbe des Leibchens.... Ich hoffe doch, aus alter Liebe heraus, dass sich die Lage bald möglichst beruhigt und Schalke wieder mit sportlichen Leistungen Schlagzeilen macht, statt mit solchen blöden Dingen.
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