Zweite Liga Fünf Gründe für St. Paulis Erfolgsserie

Der FC St. Pauli ist innerhalb weniger Monate von einem Abstiegs- zu einem Aufstiegskandidaten geworden. Trainer Ewald Lienen hat die effizienteste Mannschaft der zweiten Liga geformt - und ein Sperrgebiet für gegnerische Stürmer geschaffen.

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Als der damalige Tabellenletzte der zweiten Bundesliga FC St. Pauli am 16. Dezember 2014 Ewald Lienen als Trainer verpflichtete, waren die Zweifel groß. Nach Stationen bei Panionios Athen, Olympiakos Piräus, AEK Athen und Otelul Galati stand Lienen, trotz der Erfahrung von über 200 Bundesligaspielen als Trainer, einfach nicht mehr auf dem Zettel.

Seitdem haben die Hamburger unter Lienen 41 Punkte geholt, keine andere Mannschaft der zweiten Liga war im gleichen Zeitraum erfolgreicher. Der 61-Jährige führte St. Pauli zunächst zum Klassenerhalt - und steht aktuell auf einem Aufstiegsplatz. Von einer Rückkehr in die Bundesliga will am Millerntor noch niemand sprechen, aber in dieser ausgeglichenen Liga mit den schwächelnden Favoriten Kaiserslautern, Paderborn und Düsseldorf scheint nichts unmöglich.

Lienen formte aus einer ungeordnet und oft hektisch agierenden Mannschaft ein starkes Kollektiv mit verschiedenen taktischen Ideen. Und obwohl St. Pauli im Sommer fast nur ablösefreie Spieler verpflichtete und mit Marcel Halstenberg einen wichtigen Spieler an RB Leipzig verlor, stimmt die Mischung im Kader. Mit einem Durchschnittsalter von knapp über 24 Jahren gehört St. Pauli zudem zu den jüngsten Mannschaften der zweiten Liga.

Die Sache mit dem Potenzial

Lienens größtes Verdienst ist die Leistungsexplosion einiger Talente, die vor seiner Zeit ihr Potenzial höchstens mal angedeutet hatten. In der Innenverteidigung harmonieren Lasse Sobiech und Philipp Ziereis, Enis Alushi spielt auf der Doppelsechs als wichtiger Stratege mit dem richtigen Blick für das Spieltempo, und auch Sebastian Maier überzeugt als Spielmacher mit Übersicht und guter Schusstechnik.

St. Paulis Spielmacher Maier: Potenzial abgerufen
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St. Paulis Spielmacher Maier: Potenzial abgerufen

Den größten Sprung hat allerdings Mark Rzatkowski gemacht. Lienen beorderte den offensiven Mittelfeldspieler auf die Doppelsechs neben Alushi, wo er den offensiveren Part übernimmt. Trotzdem hat der 25-Jährige das Spiel nun vor sich, was eine Steigerung fast aller statistischen Daten zur Folge hat. Rzatkowski gewinnt mehr Zweikämpfe, seine Passquote ist von 65 auf 75 Prozent gestiegen, und er hat jetzt schon mehr Torbeteiligungen als in der gesamten Vorsaison.

Die funktionierende Stammelf

Auch wenn mit Kapitän Sören Gonther (Muskelbündelriss) und dem vom FC Arsenal verpflichteten Ryo Miyaichi (Kreuzbandriss) zwei wichtige Spieler noch länger fehlen werden, ist St. Pauli bisher vom großen Verletzungspech verschont geblieben. Auch deshalb konnte Lienen eine Achse installieren, die er bisher nur in Nuancen verändern musste. Im Zentrum sind das Torhüter Robin Himmelmann, die Innenverteidiger Sobiech und Ziereis, die Doppelsechs Rzatkowski und Alushi sowie in der Offensive Maier und der zum Stoßstürmer umfunktionierte Lennart Thy.

Beim 1:0-Erfolg gegen den 1. FC Heidenheim musste Alushi mit einer muskulären Verletzung früh ausgewechselt werden, mit Christopher Buchtmann als Vertreter war zunächst kein Leistungsabfall zu erkennen. Doch insgesamt wirkt der Kader in der Breite nicht gut genug - Lienen muss weiterhin auf geringe Ausfallzeiten in seiner Stammelf hoffen.

Die beste Abwehr der zweiten Liga

Mit Marc Hornschuh (3 Spiele) und Davidson Drobo-Ampem (0) verpflichteten Lienen und Sportdirektor Thomas Meggle zwar spät zwei Abwehrspieler, doch die Viererkette bestand bisher überwiegend aus Spielern, die schon in der vergangenen Saison im Kader standen. Umso erstaunlicher ist es, dass St. Pauli mit vier Gegentoren in acht Spielen die beste Defensive der Liga stellt.

Die Hamburger verteidigen im Kollektiv sehr gut, ließen in den bisherigen acht Saisonspielen erst 31 Schüsse auf das Tor von Himmelmann zu. Laut Datenlieferant opta hatten die Innenverteidiger Sobiech und Ziereis zusammen schon 90 klärende Abwehraktionen - damit gehört das kopfballstarke Duo zu den besten Abwehrspielern der zweiten Liga. St. Pauli musste bisher noch kein Gegentor durch einen Stürmer hinnehmen.

Die taktische Flexibilität

Lienen hat seiner Mannschaft weiterhin ein anpassungsfähiges System mit auf den Weg gegeben. St. Pauli kann sehr dominant auftreten - wie beispielsweise beim 0:0 gegen Eintracht Braunschweig mit über 63 Prozent Ballbesitz. Beim 3:2-Sieg gegen Greuther Fürth betrug der Ballbesitzanteil dagegen nur unglaubliche 36 Prozent, St. Pauli konterte im eigenen Stadion. Erfolgreich.

Die Flexibilität wird auch im Angriff sichtbar. Im obligatorischen 4-2-3-1 rotieren die Offensivspieler viel, wechseln immer wieder die Positionen und sind für die Gegner nur schwer zu fassen.

Die Effizienz

Wer mit neun erzielten Toren 17 Punkte sammelt, muss mit dem Saisonverlauf zufrieden sein. Nur gegen den MSV Duisburg wurde mit mehr als zwei Toren Unterschied gewonnen. St. Pauli fehlt zwar ein Torgarant - nicht umsonst fielen schon fünf Treffer durch Distanzschüsse -, das macht den Tabellenzweiten aber auch schwerer berechenbar.

Es ist noch früh in der Saison. Aber die vergangenen Jahre mit den Aufsteigern Darmstadt 98, SC Paderborn oder Eintracht Braunschweig haben gezeigt, dass Überraschungsteams aufsteigen können. Man muss Lienen und St. Pauli wieder auf dem Zettel haben.

insgesamt 18 Beiträge
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lini71 24.09.2015
1. Mit Chewald
in Demuth nach oben.... Aber nichts überstürzen Die Saison ist frisch, aber der Abstand nach unten beruhigt erstmal..
der_seher59 24.09.2015
2. Braunschweig: Bochum 5:0
wollte ich nur mal so erwähnen. Wurde in HH offenbar nicht wahrgenommen
BettyB. 24.09.2015
3. Tja, wat mut, dat mut
Wenn der HSV nicht absteigt, muss eben St. Pauli aufsteigen...
paulaschwarz 24.09.2015
4. Der Aufstieg ist unrealistisch,
die Saison noch lang. Freuen wir uns wenn es diesmal eine gute Saison mit weniger 'Herzattacken-Situationen' wird. Nach wie vor glaube ich an Platz 4- 7. Hoffentlich gibt man der Mannschaft die Zeit die sie zum reifen braucht. Ein teures Abenteuer in Liga1 braucht St. Pauli nicht.
Gidorah 24.09.2015
5.
Ich habe aber kein Bock auf Liga 1 !!!!!
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