Union Berlin vor dem Aufstieg? Oste es, was es wolle

RB Leipzig ist seit einem Jahr erstklassig. Aber erst, wenn der Berliner Zweitligist FC Union aufsteigen sollte, wird das Oberhaus wieder einen Ostklub haben, der dieses Prädikat verdient. Bald könnte es so weit sein.

DPA

Von


Dort, wo Frank, Stefan, Denise, Wumme und Michael erst noch hinwollen, da kommt Felix Kroos schon her. Er hat schon gegen die Bayern gespielt, gegen Dortmund, Schalke, den HSV, Gladbach und Leverkusen. Jetzt spielt Kroos in der zweiten Liga, er spielt gegen Sandhausen, Aue und Heidenheim, und ihm geht es so gut wie nie zuvor.

Und genauer gesagt: Er spielt noch gegen Sandhausen, Aue und Heidenheim. Denn wenn es so weiter geht mit seinem Verein, dem 1. FC Union Berlin, dann wird er bald wieder gegen die Bayern antreten und gegen den BVB.

Union hat die vergangenen fünf Spiele gewonnen, am Abend geht es in der natürlich ausverkauften Alten Försterei gegen den 1. FC Nürnberg (20.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), und bei einem Sieg wären die Berliner, die alle die Eisernen nennen, Tabellenführer der zweiten Liga. Und Frank, Stefan, Denise, Wumme und Michael dürften mehr denn je davon träumen, dass ihr Klub zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in die 1. Bundesliga aufsteigt - und der Text der Vereinshymne wahr wird: Immer weiter, ganz nach vorn, immer weiter mit Eisern Union.

"Mit nichts anderem zu vergleichen"

"Der Verein war noch nie oben, und wer jetzt diese Chance nicht wahrnehmen will, dem kann man wahrscheinlich auch nicht helfen", sagt Kroos. Fünfeinhalb Jahre hat er bei Werder Bremen in der Bundesliga gespielt, fünfeinhalb Jahre zwischen Ersatzbank und Platz, nie so ganz groß herausgekommen wie sein berühmter Weltmeister-Bruder Toni, dann ging er in die zweite Liga. Und was manche als Rückschritt werten würden, war für Kroos ein Glücksfall. Bei Union gehört er zu den Leistungsträgern, und so einen sportlichen Höhenflug wie jetzt mit den Berlinern hat er in Bremen nie erlebt. "Bei diesem Verein zu sein, das ist schon was Besonderes, das ist wahrscheinlich mit nichts anderem zu vergleichen."

Solche Sätze hören sie gerne in der Alten Försterei in Köpenick, wo sie tatsächlich viel dafür tun, anders zu sein. Bei dem Klub, an dem vor Weihnachten Tausende ins Stadion kommen, um Stille Nacht zu singen, dem Klub, dessen Pressesprecher den mutmaßlich imposantesten Bart im deutschen Fußball vor sich herträgt und das auch als Statement versteht. Dem Verein, dessen Anhänger besonders streng hinschauen, wenn irgendetwas dem Verdacht der Vermarktung unterliegt. Union tanzt seit Jahren auf dem Seil zwischen trotziger Unangepasstheit und Kommerz, und bisher ist das noch weitgehend gut gegangen.

"Als ich das erste Mal hier war, wusste ich sofort, dass ich immer wieder hierherkommen würde", sagt Stefan. Er gehört zu den Getreuen, Dauerkarte seit Jahren, bei jedem Spiel dabei, seiner vorigen Liebe, Borussia Dortmund, hat er ganz schnell Adieu gesagt. An diesem Abend ist er wie Frank, wie Michael, wie Denise mit nach Zehlendorf gekommen, wo Union ein Testspiel beim Oberligisten Hertha 03 absolviert.

Zehlendorf, das ist tiefster Westen von Berlin, der bürgerlichste aller bürgerlichen Stadtteile von Berlin, hier ist die CDU so unangefochten, dass sie sich schon selbst zerfleischen muss. Zehlendorf und Köpenick liegen 29 Kilometer auseinander, das ist einmal quer durch die Stadt, aber in Wirklichkeit liegen Welten dazwischen, in Kilometern nicht messbar.

Union ist auch eine Weltanschauung

Union, für viele Fans ist das immer noch eine Weltanschauung, "hier ist jeder noch für jeden da", sagt Stefan, "wenn man mal einen braucht, der was im Garten macht, muss man nur herumfragen, irgendeiner hilft." Hier gibt es nur Vornamen, den Frank, den Michael oder Spitznamen wie den von Wumme, der seit Ewigkeiten die Stadionmusik an der Alten Försterei macht und den man tödlich beleidigt, wenn man ihn DJ nennt.

Michael kam mit seinem Großvater an die Alte Försterei, das war 1968, wenn man ihn fragt, wovon er in der Bundesliga träumt: "Die Bayern schlagen." Nicht das Berliner Derby gegen Hertha BSC? Michael schaut, als ob man ihm gerade ein unmoralisches Angebot gemacht hätte. "Derby? Watt fürn Derby? Icke sehe hier weit und breit keen Derby." Hertha, das ist der Westen, Union, das ist der Osten.

Wenn es so weit käme, wenn Union tatsächlich aufsteigt, dann hätte die erste Bundesliga tatsächlich wieder einen echten Ostklub. Kaum anzunehmen, dass RB Leipzig in der Vereinshymne den Satz stehen hätte: "Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen?" Antwort: "Eisern Union, Eisern Union!"

Keller hat Erwartungshaltung mitgebracht

Es gehört zu den Fußnoten, dass der Verein in dieser Spielzeit von einem wach geküsst wurde, von dem man gar nicht gedacht hätte, dass er hierhin passt. Trainer Jens Keller hatte zwei mehr oder minder unglückliche Jahre auf Schalke, irgendwie fremdelte der Schwabe von Anfang bis Ende mit diesem Verein, mit seiner Tradition, seinen Fans. Und jetzt Union, wieder so eine Wärmestube des Traditionsfußballs wie auf Schalke.

Aber während Keller in Gelsenkirchen vor allem an dem übergroßen Erwartungsdruck scheiterte, fand er in Köpenick einen Klub vor, dem er den Erwartungsdruck erst selbst einhauchen musste. Union hatte sich in acht Jahren zweite Liga im fußballerischen Unterhaus eingerichtet. Erstligaaufstieg als Ziel - das hat erst Keller formuliert, mit Spielern wie Kroos, wie Damir Kreilach oder dem erst im Winter aus England zurückgeholten Sebastian Polter hat er die Spieler zur Verfügung, um dieses Ziel jetzt auch anzugehen.

Und wenn es klappt mit dem Aufstieg und man dann merkt, dass man mit den Besten dort oben sportlich doch nicht mithalten kann? "Dann haben wir einfach mal ein Jahr Urlaub in der Bundesliga gemacht", sagt Michael. Gegen ein Jahr Urlaub hat niemand etwas einzuwenden.

"Bisher hatte ich immer höchstens von der Relegation geträumt, und dann am liebsten gegen den HSV", sagt Frank, Unioner seit 1975, "aber jetze, jetze würde ich auch den ersten Platz nehmen." Heute Abend könnte er ihn bekommen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 88 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
anchises 20.03.2017
1.
So so, einen Ostklub mit Prädikat. Schlußendlich sind das doch alles zusammengekaufte Söldnertruppen. Die spielen für den der das Meiste zahlt. Heute hier morgen da. Lächerlich, sich da auf Landesteile zu berufen.
wolleb 20.03.2017
2.
Leipzig ist also kein echter Ostklub? Lieber Herr Ahrens, versuchen Sie es doch mal mit anderen Themen. Wenn Sie über Fußball philosophieren, weis ich nicht ob ich Lachen oder Weinen soll.
tomkey 20.03.2017
3. Eisern Union
So geht Aufstieg! Sportlicher Erfolg lockt Geld und nicht umgekehrt. Und vor allem ist es ein Ostverein mit Hintergrund und kein Werbeprojekt eines Brausemilliardärs aus Österreich. Da können DFL, DFB oder die Hofschranzenmedien in und um Leipzig noch soviel ostdeutsche Aura Rasenball Leipzig anhängen. Union wäre der seit Jahren mal wieder ein ostdeutscher Verein in der 1. Bundesliga.
comeback0815 20.03.2017
4.
Zitat von anchisesSo so, einen Ostklub mit Prädikat. Schlußendlich sind das doch alles zusammengekaufte Söldnertruppen. Die spielen für den der das Meiste zahlt. Heute hier morgen da. Lächerlich, sich da auf Landesteile zu berufen.
Ihre Argumentation hinkt dahingehend, dass es nicht um das OB geht, sondern um das WIE. Sie kritisieren das OB, indem Sie kritisieren das alle kaufen. Richtig in Bezug auf Rasenballsport Leipzig ist das WIE. Während andere teilweise über Jahrzehnte arbeiten müssen, bekommt Rasenballsport den Hintern vollgeblasen und lässt sich dann noch für diese "Leistung" feiern. Aktuelles Beispiel? Rasenballsport Leipzig spielt gerade unterirdisch. Bei diesen Möglichkeiten darf man erwarten, dass sie nicht drei Mal in Folge verlieren. Freiburg dagegen, der andere Aufsteiger, zeigt - ich weiß nich das wievielte Jahr in Folge - was richtige Arbeit ausmachen kann. Die aktuelle Platzierung der Freiburger wird deshalb auch stets höher einzuschätzen sein, als die der Leipziger. Und wenn Sie das weiterdenken, werden Sie auch erkennen, warum die Anhänger der Freiburger in Liga 2 weiter kommen werden, während Rasenballsport Leipzig von nun an nur noch zum Erfolg verdammt sein wird. Bis die Zeit vorbei ist, ist der Fußball sowieso durchkapitalisiert und vollends dem Fansein entwichen - oder wieder bei seinen Anfängen. Was das mit Union zu tun hat? Nur insofern, dass Union eher Freiburg ist, denn Leipzig. Und das ist gut so und deshalb ist der Teaser des Artikels vollkommen legitim.
semolina 20.03.2017
5.
Bitte nicht nochmal schreiben - zeugt von Ahnungslosigkeit. "Union" stets ohne bestimmten Artikel verwenden. "Union steigt auf": Genauso sagt man das hier in Ostberlin.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.