FC United of Manchester: "In England haben die Fans das Feiern verlernt"

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Aus Protest gegen zu wenig Mitspracherecht und zu hohe Ticketpreise haben Fans von Manchester United einen eigenen Verein gegründet, den FC United Of Manchester. Vorsitzender Andrew Walsh ist sich sicher: Eifert die Bundesliga der Premier League nach, stirbt die deutsche Fankultur.

FC United of Manchester: Auf der Welle des Protests Fotos
Getty Images

Neidisch schauen die englischen Fußballanhänger auf die Fans der Bundesliga, auf diese hüpfenden und grölenden Menschenmassen, auf ihre Choreografien, die sich über ganze Stadionblöcke erstrecken. Mancher tritt sogar regelmäßig die Reise nach Deutschland an, um endlich wieder richtige Stadionatmosphäre zu erleben. Doch zuletzt machte sich bei den Engländern Verwunderung breit: Wo waren die schreienden Anhänger, wo das bunte Meer aus Schals, Bannern und Händen?

Nach zwölf Minuten und zwölf Sekunden die Erleichterung: Es gibt sie noch. Die deutschen Fans hatten mit ihrem Stimmungsboykott vor den Beschlüssen zum geplanten DFL-Sicherheitspapier am Mittwoch lediglich einen Vorgeschmack liefern wollen, wie sich ein Stadion ohne laute Zuschauer anhören würde. Drei Spieltage, nicht mal eine Viertelstunde. Doch die Wirkung war enorm.

"Wir waren positiv überrascht, was da in Deutschland los ist. Eine beeindruckende Aktion der Fans", sagt Andrew Walsh, Vorsitzender des englischen Siebtligisten FC United of Manchester. "Dass sich Anhänger derart Solidarität verschaffen können: Davon kann man im englischen Profifußball nur noch träumen."

In der Premier League sind die von den deutschen Fans befürchteten Szenarien seit über zwei Jahrzehnten real. Als Reaktion auf die Hillsborough-Katastrophe, bei der 1989 auf grauenvolle Weise 96 Fußballfans ums Leben gekommen waren, hatte die britische Regierung die Stehplätze in den Stadien abgeschafft und stattdessen teure, personalisierte Sitzplatz-Tickets eingeführt. Zudem schrieb der damalige Liga-Verband seinen Vereinen Alkohol- und Pyrotechnikverbote vor.

"Keiner würde freiwillig zurückgehen"

Der englische Fußball, Geburtsstätte der Fankultur im vergangenen Jahrhundert, veränderte über Nacht sein Gesicht. Die Fans verloren ihr Mitspracherecht, immer weniger konnten sich einen Stadionbesuch und den aufgezwungenen Sitzplatz leisten. Als dann auch noch Medienmogul Rupert Murdoch 1998 Manchester United kaufen wollte, hatte eine Gruppe von ManUnited-Fans genug. Sie plante, einen eigenen Verein zu gründen, in dem für sie keine Regeln gelten sollten außer den eigenen.

Da der Murdoch-Coup nicht zustande kam, wurde der Plan zunächst verworfen, doch sieben Jahre später - diesmal machte der US-amerikanische Unternehmer Malcolm Glazer Ernst und übernahm den Traditionsverein - wurde der FC United of Manchester geboren. "Die Clubs der Premier League nahmen uns nicht mehr wahr, keiner sprach mit uns", sagt Walsh. "Die waren nur noch an ihrem Profit interessiert."

Als Beleg führt er die geringe Begeisterung der Vereine an, als Fans des FC Liverpool vor rund zehn Jahren darum gekämpft hatten, die Stehplätze wieder einzuführen. Die Clubs hätten den Vorstoß nur halbherzig unterstützt, weil sie nie mehr auf ihre teuren Sitzplatz-Tickets verzichten wollten, sagt Walsh.

Falscher Weg, die Premier League zu kopieren

Seit 2005 ist der FC United deshalb der Zufluchtsort für diejenigen, die sich vom modernen Fußball verraten fühlen. Den Anhängern und Amateuren der Red Rebels ist es völlig egal, dass sie wohl nie in der höchsten Liga spielen werden. Trotzdem: "Keiner von uns würde freiwillig zurückgehen", sagt Walsh.

Ins FC-United-Heimstadion, das Gigg Lane nördlich von Manchester, passen 11.840 Zuschauer, die meisten von ihnen verfolgen die Spiele von den Stehplätzen aus. "Wir haben manchmal Probleme mit Ordnern und der Polizei, weil wir ihnen erklären müssen, dass sich unsere Fans anders verhalten dürfen und sollen. Das kennen die von den sonstigen Sportveranstaltungen im Stadion nicht", sagt Walsh. Meist ließen sich die Vorbehalte der Sicherheitsleute schnell ausräumen.

Denn aggressiv seien die FC-United-Anhänger laut Walsh nicht, sie würden sich nie gegen ihren eigenen Club wenden. Die spezielle Fan- und Mitgliederkultur beruht darauf, dass sämtliche Entscheidungen von den 2800 Mitgliedern getroffen werden, jedes Mitglied hat das gleiche Stimmrecht. "Das Wichtigste ist für uns, dass alle Beteiligten miteinander sprechen", sagt Walsh.

Er dachte immer, dass das auch in den deutschen Profiligen sehr gut funktioniere. Dass sich nun auch die deutschen Anhänger von ihren Vereinen ausgeschlossen fühlten, ist für Walsh ein alarmierendes Zeichen. "So hat es bei uns angefangen. Und ihr seht, wohin es geführt hat. Wenn die Bundesliga die Premier League kopieren will, ist sie auf dem Holzweg."

Wollten die Verantwortlichen die deutsche Fußballkultur nicht sterben lassen, müssten sie extrem vorsichtig sein: "Schaut nach England: Hier haben die Menschen verlernt, wie man den Fußball wirklich feiern kann."

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insgesamt 55 Beiträge
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1. Fan? Wovon?
Klothilde Stubenrein 11.12.2012
Die Fussballvereine sind heutzutage nach knallharten wirtschaftlichen Prinzipien geführte Firmen. Wie kann man von so etwas ein Fan sein? Dazu kommt (vor allem in der englischen Premier League) dass die Mannschaften in ihrer personellen Zusammensetzung jeden Bezug zu ihrer Stadt verloren haben. Man glaubt auf den ersten Blick, es würden Teams aus Afrika gegeneinander spielen. Dann noch Auswüchse wie ein Rio Ferdinand, der sich in Indonesien für eine Werbekampagne für Zigaretten gut bezahlen liess. Wie gesagt: Fan? Wovon?
2. Kultur?
frank_g. 11.12.2012
Wenn es jemals ein totales Oxymoron gegeben hat, dann muss es ohne Zweifel das Wort "Fankultur" sein.
3.
suaheli4711 11.12.2012
Zitat von sysopAus Protest gegen zu wenig Mitspracherecht und zu hohe Ticketpreise haben Fans von Manchester United einen eigenen Verein gegründet, den FC United Of Manchester. Vorsitzender Andrew Walsh ist sich sicher: Eifert die Bundesliga der Premier League nach, stirbt die deutsche Fankultur. FC United of Manchester - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/fc-united-of-manchester-a-871909.html)
solange die sog. Fankultur nicht einsieht, dass Pyrotechnik nichts in Menschenmassen zu suchen hat, solage die sog.Ffankultur es nicht hinbekommt die paar Bekloppten zu benennen und auszuschließen solange die sog. Fankultur sich nicht gesammelt gegen die Chaoten stemmt, solange hat sie versagt! stattdessen zählt man scheinbar in dieser Gemeinschaft zum Verräter wenn man Ross und Reiter benennt. wo ist da die KULTUR? Und bitte warum soll ich diese Kapital-giganten von Vereinen auch noch mit meinen steuergeldern unterstützen? wer bezahlt denn die Hundertschaften rund um die stadien und Bahnhöfen?- Von mir aus sollte man die vereine daran viel stärker beteiligen... Einfach nach dem Verursacherprinzip abrechnen und schon hätten die Vereine ein viel stärkeres Interesse daran solche Chaoten fernzuhalten.
4. Kenn ich woanders auch...
Andreas Rolfes 11.12.2012
Zitat von Klothilde StubenreinDie Fussballvereine sind heutzutage nach knallharten wirtschaftlichen Prinzipien geführte Firmen. Wie kann man von so etwas ein Fan sein? Dazu kommt (vor allem in der englischen Premier League) dass die Mannschaften in ihrer personellen Zusammensetzung jeden Bezug zu ihrer Stadt verloren haben. Man glaubt auf den ersten Blick, es würden Teams aus Afrika gegeneinander spielen. Dann noch Auswüchse wie ein Rio Ferdinand, der sich in Indonesien für eine Werbekampagne für Zigaretten gut bezahlen liess. Wie gesagt: Fan? Wovon?
Kennen Sie etwa keine Fans von Apple, Mercedes, CocaCola usw.??? Und falls es Sie beruhigt, selbst die Nationalmannschaften europäischer Staaten sehen heute so aus als kämen sie aus Afrika (allen voran Frankreich und England gefolgt von den Niederlanden und Belgien). Und selbst die deutsche Elf spielt mittlerweile in weiß UND schwarz... und macht Werbung für NUTELLA! Fußball ist nur der grausame Spiegel einer noch grausameren Gesellschaft.
5. total
k1ck4ss 11.12.2012
Zitat von frank_g.Wenn es jemals ein totales Oxymoron gegeben hat, dann muss es ohne Zweifel das Wort "Fankultur" sein.
wenn es jemals ein totales Beispiel für totale Ignoranz gegeben hat, dann ist es dieser total-Beitrag.
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