Fernsehausfall Uefa hatte kein sicheres Notstromsystem

Der peinliche Fernsehausfall im EM-Halbfinale hatte eine schlichte Ursache: Das Stromgenerator-Notsystem der Uefa war fehlerhaft. Weil ein Gewitter die Leitungen kurz lahmlegte, stürzte alles ab. Die ARD arbeitet nun an einem Krisenplan fürs Finale, die Sender prüfen Regressforderungen.


Berlin - "Mikroausfälle" nennen es die Experten. Doch was sich nach einem winzigen Problem anhört, hatte am Mittwochabend drastische Folgen: kein Bild vom dramatischen EM-Halbfinale zwischen Deutschland und der Türkei, mindestens sechs Minuten lang - immer wieder, wegen eines Gewittersturms über Wien, wo das internationale EM-Fernsehzentrum IBC liegt.

ZDF-Reporter Réthy: Das Gesicht, das jetzt ganz Deutschland kennt
DPA

ZDF-Reporter Réthy: Das Gesicht, das jetzt ganz Deutschland kennt

"Es gab drei Mikroausfälle von jeweils weniger als einer Millisekunde Dauer", sagte Uefa-Vertreter Alexandre Furtois an diesem Donnerstag zu den Ursachen. Das reiche aus, dass im Master Control Room ein Rebooting stattfinde. Soll heißen: Wenn der Strom kurz weg ist, müssen die Computer neu gestartet werden. Das Schutzsystem der Unterbrechungsfreien Stromversorgung (USV) sei fehlerhaft gewesen, sagte Furtois, es habe die Mikroausfälle nicht erkennen können - wobei dieses System schon bei der WM 2006 im Einsatz gewesen sei.

Der Fußballverband Uefa war für einen solchen Stromausfall einfach nicht gewappnet: "Für das heutige Spiel und für das Finale haben wir die Stromversorgung auf den Generator mit hundertprozentiger Redundanz umgestellt." Das bedeutet, dass komplett mit einer eigenen Stromversorgung gearbeitet wird.

Dass eine solche Lösung angesichts des "gewaltigen Gewitters über Wien" (Furtois) am Mittwoch nicht gleich genutzt wurde, begründete der Uefa-Sprecher damit, dass solche Mikroausfälle "nach Aussage des Stromversorgers sehr, sehr unwahrscheinlich" seien. Schon am Mittwochmorgen hatte es Furtois zufolge Mikroausfälle gegeben, die aber vom Versorger nicht als kritisch eingestuft worden seien. Bis zu den Ausfällen am Abend habe alles bestens funktioniert. "Es tut uns leid, dass diejenigen, die zugeschaltet haben, die wenigen Minuten verpasst haben."

Wie viele Staaten von den Ausfällen betroffen waren, ist noch nicht klar. Sie dauerten je nach Land bis zu 18 Minuten lang. In Deutschland wäre unter anderem das Führungstor von Miroslav Klose beinahe nicht gezeigt worden. Nur weil das ZDF sich eilig an die Direktverbindung des Schweizer Fernsehens ins Basler Stadion klemmte, konnten Millionen Fans die zweite Halbzeit doch weitgehend verfolgen.

Der Vorfall könnte drastische finanzielle Folgen für die Uefa haben. Die betroffenen Rundfunkanstalten erwägen, Entschädigungen dafür zu verlangen, dass der Verband seinen Übertragungsverpflichtungen nicht nachgekommen ist.

"Das hat es in Jahrzehnten noch nicht gegeben"

Die ARD verweist darauf, dass die Uefa das technische Netz als "unterbrechungsfrei mit Backup durch Diesel-Generatoren zugesichert" habe. Der Sender, der am Sonntag das Finale überträgt, will sich nun mit einer "Ersatzregie in München" absichern, "die im Notfall mit den Kollegen in den Stadien telefonisch in Verbindung treten könnte", sagte der Technische Leiter Helmut Kormann vom BR. "In unserer jahrzehntelangen Erfahrung mit Großveranstaltungen aller Art hat es einen Ausfall des 'unterbrechungsfreien' Stromnetzes noch nicht gegeben."

ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz spricht von der "ärgerlichsten anzunehmenden Panne". Am Donnerstag berieten die Verantwortlichen des Senders über weitere Schritte. Die Panne könnte laut Gruschwitz einen deutschen Fernsehquotenrekord verhindert haben: Im Schnitt sahen 29,43 Millionen (81,5 Prozent Marktanteil) die dramatische Partie - das ist EM-Rekord, aber Platz zwei hinter dem Halbfinale Deutschland - Italien 2006 (29,66 Millionen). Gruschwitz: "Ich verstehe nicht, warum das Notstromaggregat in Wien nicht funktioniert hat."

Werner Rabe, EM-Sprecher der ARD, deren Hörfunkprogramme auch betroffen waren, will "erst mal schauen, dass bei den letzten beiden Spielen nichts passiert. Aber finanzielle Regressforderungen sind nicht auszuschließen". Wie die Sponsoren reagieren werden, deren Werbebotschaften nicht mehr transportiert wurden, stand am Morgen nach dem Blackout auch noch nicht fest. Die Uefa prüft ihrerseits, ob sie ihren Stromlieferanten verklagen wird.

Eigentlich durften die Schweizer Bilder nicht gezeigt werden

Die Panne hatte kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit fassungsloses Staunen ausgelöst: Bild und zeitweise auch Ton fielen aus. Als schließlich nach einigen Minuten wenigstens eine Tonleitung stand, schilderte Reporter Béla Réthy im Stil eines Hörfunkkommentators die Spielszenen. Erst nach mehr als sechs Minuten klappte auch die Bildübertragung wieder, es gab aber immer neue Ausfälle. Während das ZDF die Schweizer Bilder einspielte, gab es außerdem eine Videoverzögerung: Réthy kommentierte unter anderem Kloses Tor ein paar Sekunden früher, als es auf dem Bildschirm zu sehen war.

Dem ZDF zufolge sind außer dem Schweizer Fernsehen eigentlich alle anderen Sender verpflichtet, die Bilder der Uefa aus Wien zu verwenden. Neben dem ZDF übernahm schließlich auch der ORF per Satellit das Signal des Schweizer Fernsehens. Andere Sender, etwa der französische Kanal TF1, zeigten Archivbilder. Die Uefa-Verpflichtung habe nun ihre entscheidende technische Achillesferse offenbart, sagte Gruschwitz: "Darüber wird noch zu reden sein."

Uefa-Sprecher Furtois wollte nicht beurteilen, ob es wirklich eine Verpflichtung zu dem Uefa-Signal gibt. Aber er lobte die Reaktion des ZDF: In der Notsituation sei es ein "Akt der Solidarität" zwischen den Fernsehanstalten gewesen.

Gegen Mitternacht wurde wegen des Unwetters in Wien auch noch das Pressezentrum der Fußball-EM evakuiert. Das Wetteramt hatte vor einem Orkan mit Böen mit Spitzengeschwindigkeit bis zu 130 Kilometern pro Stunde gewarnt. Die Zeltkonstruktion neben dem Ernst-Happel-Stadion ist nur für Geschwindigkeiten bis 120 Kilometer pro Stunde ausgelegt.

mak/plö/cai/itz/AP/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.