Fifa-Boss Blatter: Ist der Ruf erst ruiniert

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Jetzt ist es aktenkundig: Mächtige Fifa-Funktionäre wurden in der ISL-Affäre über Jahre geschmiert, die Spitze des Fußball-Weltverbands hat davon gewusst. Anderswo würde das für einen Rücktritt des Vorsitzenden reichen. Aber Joseph Blatter wird auch diesen Skandal überstehen.

ISL-Affäre: Vermarktung dank Schmiergeld Fotos
REUTERS

Hamburg - Es wird wieder einmal peinlich für Joseph Blatter. Die Offenlegung der Akten zur Korruptionsaffäre um die Vermarktungsagentur ISL hat den Fifa-Boss in Erklärungsnot gebracht. Der 76-Jährige wird in dem Dokument zwar namentlich nicht erwähnt, dafür findet sich darin jedoch der Satz: "Es steht nicht in Frage, dass die Fifa Kenntnis von Schmiergeldzahlungen hatte." Die Fifa - das war bereits zum Zeitpunkt der ISL-Affäre in den Neunzigern Joseph Blatter, damals Generalsekretär und ab 1998 der Vorsitzende des Fußball-Weltverbandes.

Seine Mitwisserschaft um die millionenschweren Bestechungszahlungenan die früheren Fifa-Granden João Havelange und Ricardo Teixeira ist damit quasi aktenkundig. Neu sind die Vorwürfe allerdings nicht, sondern seit Jahren belegt durch die Recherchen von Journalisten wie dem Briten Andrew Jennings, dem Schweizer Jean-François Tanda oder SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Jens Weinreich. Der Vorsitzende des Fußball-Weltverbands steht nun ganz offiziell da als einer, der über die Schmiergelder an die beiden brasilianischen Sportfunktionäre Bescheid wusste, aber nichts unternahm. Anderswo wäre das ein Grund für den Vorsitzenden, zu gehen. Anderswo ist nicht die Fifa.

Havelange, Vorgänger Blatters im Amt und mittlerweile 96 Jahre alt, soll insgesamt 1,25 Millionen Euro von der ISL kassiert haben. Teixeira, Havelanges damaliger Schwiegersohn und langjähriger Boss des brasilianischen Fußballverbands, gar 10,6 Millionen Euro - im Gegenzug sollten sie sich dafür starkmachen, dass die ISL die Vermarktung der Fernsehrechte für Fußball-Weltmeisterschaften erhält. Und was sagt die Fifa dazu? Sie sei erfreut, dass die Akten nach dem Urteil des Schweizerischen Bundesgerichts jetzt zur Veröffentlichung frei seien. Und: "In seinem Urteil bestätigte das Bundesgericht, dass der Fifa-Präsident nicht in den Fall verwickelt ist."

Aus juristischer Sicht ist die Angelegenheit beendet

Juristisch ist Blatter in Sachen ISL tatsächlich nicht zu belangen. Das Verfahren ist seit 2010 beerdigt. Die Fifa hat damals viel Geld bezahlt, um die Einstellung der Angelegenheit vor Gericht zu beschleunigen. Seitdem waren die Akten unter Verschluss. Blatter selbst hatte vor einem Jahr vollmundig verkündet, die Dokumente offenlegen zu wollen. Passiert war aber nichts. Der Schweizer hat lediglich elegant dafür gesorgt, dass beide Brasilianer von ihren einflussreichen Posten entfernt wurden.

In seinen nunmehr 14 Jahren an der Fifa-Spitze hat Blatter viele Skandale und Skandälchen überlebt, er wird auch diesen überstehen. Der Ruf, den die Fifa auch dank seiner Amtsführung in der Öffentlichkeit genießt, ist mittlerweile dermaßen ruiniert, dass niemand mehr überrascht reagiert, wenn Meldungen über Korruption im Weltverband auftauchen. Das ist wie mit Doping-Meldungen im Radsport. Es fällt schwer, sich noch darüber zu erregen. Dass Blatter beim EM-Finale in der Ukraine wie selbstverständlich neben dem umstrittenen Machthaber Wiktor Janukowitsch auf der Ehrentribüne Platz nahm - wen wundert es noch?

Blatter sitzt ein Jahr nach seiner dritten Wiederwahl fest im Sattel. Seine internen Widersacher wie den Katarer Mohammed Bin Hammam hat der Korruptionsskandal des Vorjahres hinweggefegt. Blatters möglicher Thronfolger, Uefa-Chef Michel Platini, ist durch den Disput um die Torlinientechnologie aktuell geschwächt. Um den deutschen Vertreter im Fifa-Exekutivkomitee, Ex-DFB-Chef Theo Zwanziger, ist es still geworden.

Die lautesten Kritiker Blatters saßen zuletzt im Vorstand des FC Bayern München. FCB-Präsident Uli Hoeneß und Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sind immer für ein scharfes Wort gegen den Weltverband zu haben. Letztlich tun sie es allerdings nur, weil sie als Vertreter eines Großvereins die Fifa als Konkurrent bei Vermarktung und Kommerz ansehen. Eine echte Revolte gegen Blatter ist auch von dieser Seite nicht zu erwarten.

So wird es wohl auch diesmal so sein, wie es oft war: Es gibt ein paar Tage Aufregung, und dann regiert Blatter weiter wie bisher. Mal als Blockierer, mal als Aussitzer, neuerdings auch mal im Gewand des Reformers. Der Schweizer selbst hat sich nach der Offenlegung der ISL-Dokumente über seinen neuerdings bevorzugten Kommunikationskanal Twitter geäußert: "Das Urteil hat das bestätigt, was ich immer gesagt habe: Ich stand nicht auf der Liste." Damit hat sich die Sache für Blatter erledigt.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. das Thema Blatter, Havelange etc wäre sehr schnell
pepe_ 12.07.2012
erledigt. Die großen Fußballnationen müssten lediglich eine neue FIFA gründen und die Stimmrechte der Länder nach Turniererfolgen vergeben (ähnlich Champions-League). Präsidentschaften nach Rotationsprinzip. Dann wäre Ruhe.
2.
regensommer 12.07.2012
Ich kann sowieso nicht verstehen wie sich jemand die Dauerwerbeveranstaltungen von FIFA und UEFA reinzieht. Diese sogenannten EMs und WMs sind sowas wie QVC für Couchfußballer. Sport sollte Vorbildfunktion haben. Mit der FIFA wird das nicht gelingen. Da kann ich dem Vorposter nur zustimmen. Es sollte eine neue Organisation gegründet werden.
3. .
TS_Alien 12.07.2012
Zitat von pepe_erledigt. Die großen Fußballnationen müssten lediglich eine neue FIFA gründen und die Stimmrechte der Länder nach Turniererfolgen vergeben (ähnlich Champions-League). Präsidentschaften nach Rotationsprinzip. Dann wäre Ruhe.
Wenn es nur die FIFA wäre, dann wäre Ihre Idee richtig. Aber so ist es nicht. Die FIFA wird vermutlich diverse Dokumente besitzen, die andere Verbände und Menschen niemals veröffentlicht sehen möchten. Sobald viel Geld fliesst für wenig Gegenleistung (die Regeln festlegen und die Meisterschaften vergeben ist nun sicherlich keine Arbeit, die so viele Einnahmen rechtfertigt), sobald also viel Geld zum Verteilen verfügbar ist, ist Bestechung und Korruption nicht weit.
4. Überraschung?
kbank 12.07.2012
Überrascht ist doch nun wirklich niemand, jedem denkendem Menschen sollte solches doch schon lange zumindest klar sein!!!!! Dabei geht es nicht um war oder ist - es ist einfach so! Bin in keinem Fußballverein mehr, also interessiert mich dieses eigentlich auch nicht und Korruption ist ja nun wirklich nicht auf Fußballverbände konzentriert. Die ganze Gesellschaft ist voll davon!
5. Mich wundert nichts mehr
mamasliebling 12.07.2012
Als Oliver Kahn neulich bei Erwin Pelzig war und Pelzig Kahn das Buch FIFA-Mafia schenken wollte, hat sich Kahn etwas pikiert gegeben. Das hat mich doch sehr gewundert. Kahn hat das Buch auch nicht mitgenommen........ Warum eigentlich? *grübel* Ich bin, wie einer meiner Vorredner der Meinung, dass viele "Dreck" am Stecken haben, von denen wir nichts ahnen........
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