Fifa-Boss und DFB Deutschlands Angst vor Blatters Stürmchen

Groß war die Empörung in Deutschland über die Äußerungen von Fifa-Boss Joseph Blatter zu Mauscheleien bei der Vergabe der Fußball-WM 2006. Aber Konsequenzen wird auch dies für ihn nicht haben. Wie immer knickt der DFB in der Auseinandersetzung mit dem Schweizer ein.

Ein Zwischenruf von

Fußballfunktionäre Beckenbauer, Blatter: Alles wieder Friede und Freude
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Fußballfunktionäre Beckenbauer, Blatter: Alles wieder Friede und Freude


Friede, Freude, Eierkuchen. Deutschland und ein greiser Fußballfunktionär aus dem Dörfchen Visp im Oberwallis haben sich wieder lieb. Joseph Blatter, 76, der in der Schweizer Boulevardpostille "SonntagsBlick" darüber orakelte, dass es vor zwölf Jahren bei der Vergabe der Fußball-WM 2006 an Deutschland nicht mit rechten Dingen zugegangen sei, konterte die aufwallende Empörung im Nachbarland flink und routiniert in der "Bild"-Zeitung.

Er sei missverstanden worden, flötete Blatter in einem offenen Brief an "Fußball-Deutschland". Blatter schreibt also einem ganzen Land, in dem Rücktrittsforderungen laut wurden und sich Oppositionspolitiker dazu durchringen konnten zu fordern, was angesichts der flächendeckenden Korruption im Fifa-Reich seit Jahren auf der Hand liegt: Blatter müsse das Bundesverdienstkreuz aberkannt werden. Dies hat ihm, gegen Ende der WM 2006, die Bundeskanzlerin überreicht.

Ein Brief an "Fußball-Deutschland" - welche Hybris wird da deutlich. Blatter, der vorzugsweise mit Staatschefs verkehrt, betrachtet sich mittlerweile selbst als einen solchen. Als Präsident mehrerer hundert Millionen Fußballer auf diesem Planeten.

Umstände der deutschen Bewerbung seit langem bekannt

Es fällt auf, dass ihm jene, die halfen, die WM nach Deutschland zu holen, wieder zur Seite gesprungen sind. Außer einem etwas künstlich wirkenden Aufschrei der Empörung haben deutsche Fußballfunktionäre von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach über Franz Beckenbauer bis hin zum damaligen WM-Lobbyisten Fedor Radmann nicht viel zu sagen gehabt. Ihre WM-Bewerbung sei sauber und über jeden Zweifel erhaben gewesen, gaben sie zu Protokoll - obwohl das Gegenteil seit Jahren mehr oder weniger bekannt ist.

Die Deutschen haben über Firmen aus dem ehemaligen Reich des Medienmoguls Leo Kirch Fifa-Exekutivmitglieder und Personen im Umfeld der Fifa-Regierung mit Verträgen und Geldsummen bedient - das kann heutzutage nicht mehr ernsthaft bestritten werden. Nichts davon ist allerdings restlos aufgeklärt. Und es wird, weil nach dem neuen Ethikreglement der Fifa eine Verjährungsfrist von zehn Jahren gilt, auch nie Aufklärung geben. Jedenfalls nie aus der Fußballfamilie heraus.

"Die Familie", das ist so ein Begriff, den Blatter rauf- und runterdekliniert. Die Fußballfamilie hat gar ihre eigene Gesetzgebung und entzieht sich weiterhin etlichen strikten Antikorruptionsregeln. Da mag das Exekutiv-Komitee, das am Dienstag zusammentritt, beschließen, was es will.

Ethikkommission erhält eine neue Struktur

Die Ethikkommission, bislang mit Personen besetzt, die Blatter auserwählt hatte, soll ab sofort zwei Kammern haben: eine für Ermittlungen, eine für Verhandlungen. Als oberster Rechercheur soll der Argentinier Luis Moreno Ocampo fungieren, der sich als Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag bewährt hat. Ein großer Name. Man sollte Ocampo aber nicht an seiner Vita, sondern erst an seinen künftigen Fifa-Ermittlungen messen.

Ein anderer Mann mit großem Namen, der Strafrechtler und Compliance-Experte Mark Pieth aus Basel, ist bereits auf dem Weg, seinen guten Ruf zu verspielen, seit er für die Fifa tätig ist und das sogenannte Independent Governance Committee leitet. Das ist ein gut klingender Titel. Indes: Was hat Pieth bisher erreicht? Keinen der vielen Skandale hat er aufgeklärt, er wollte das auch gar nicht, wie er oft genug erzählt hat.

Der deutsche Fußball hat sich wie häufig in seiner Vergangenheit zweifelhaft verhalten. DFL-Chef Reinhard Rauball forderte Blatter wegen seiner Mitwisserschaft im ISL-Korruptionssystem zum Rücktritt auf - aber er steht mit seiner Forderung letztlich allein. Blatter konterte mit seiner WM-Andeutung. Daraufhin empörten sich die Deutschen ein bisschen - und schon war Ruhe.

Es gab nichts fürs Protokoll, keine wirkliche Offerte: Der DFB hätte die Einberufung eines außerordentlichen Fifa-Kongresses und Blatters Rücktritt fordern müssen. Das wäre konsequent gewesen. Doch seit 1998 der damalige DFB-Präsident Egidius Braun an der Seite seines schwedischen Freundes und Uefa-Bosses Lennart Johansson vergeblich gegen die Fifa-Präsidentschaft Blatters kämpfte, knickt der DFB regelmäßig vor dem Verbandschef ein.

Erst ging es um die WM 2006. Dann darum, die WM gut auszutragen. Und als im vergangenen Jahr der englische Verband forderte, angesichts von Gerüchten über mehrere hundert Millionen Schmiergelder bei der WM-Vergabe an Russland (2018) und Katar (2022), die Präsidentenwahl auszusetzen und die Sachen erst aufzuklären, da hielt der DFB erneut treu zu Blatter.

Theo Zwanziger, damals noch DFB-Präsident und heute einer der wenigen an Aufklärung interessierten in der Fifa, wurde im Juni 2011 in Zürich ins Exekutivkomitee aufgenommen. Er bedankte sich mit einer Lobeshymne an Blatter - heute ist ihm das durchaus peinlich. Und Franz Beckenbauer, Zwanzigers Vorgänger im Exekutivkomitee, der für die WM 2018 in Russland gestimmt haben soll, hat inzwischen einen fürstlich dotierten Vertrag als Botschafter des russischen Sports.

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insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
petrasha 17.07.2012
1. korruption
...egal wo man hinschaut. langsam kann man doch keinem mehr glauben. in welcher welt leben wir eigentlich?
aubrac 17.07.2012
2.
Zitat von sysopREUTERSGroß war die Empörung in Deutschland über die Äußerungen von Fifa-Boss Joseph Blatter zu Mauscheleien bei der Vergabe der Fußball-WM 2006. Aber Konsequenzen wird auch dies für ihn nicht haben. Wie immer knickt der DFB in der Auseinandersetzung mit dem Schweizer ein. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,844770,00.html
Apropos Mauscheleien 2006: Ich persönlich hege ja den Verdacht, dass viel Geld an Blatter direkt geflossen ist, damit er, nachdem die Argentinienspieler nach dem Abpfiff die Deutsche Elf physisch angriffen, Frings aus dem deutschen Team nimmt. Italien wünschte das so, und diese absurde Entscheidung zugunsten Italiens wurde von Blatter höchstpersönlich angeordnet. Exakt so, wie es aus Italien vorgegeben wurde. Es gibt eigentlich keine andere Erklärung für die absichtliche Schwächung des deutschen Teams. Aber das werden wir wohl nie erfahren. Blatter ist korrupt, durch und durch. Da ist selbst Berlusconi ein Waisenkanbe dagegen.
capitolversicherung 17.07.2012
3. Schnee von gestern...
Zitat von sysopREUTERSGroß war die Empörung in Deutschland über die Äußerungen von Fifa-Boss Joseph Blatter zu Mauscheleien bei der Vergabe der Fußball-WM 2006. Aber Konsequenzen wird auch dies für ihn nicht haben. Wie immer knickt der DFB in der Auseinandersetzung mit dem Schweizer ein. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,844770,00.html
Fragt lieber mal nach wie ein No-Name-Land wie Katar an die WM 2022 gekommen ist.
hwolf@gmx.net 17.07.2012
4. Fassade
Zitat von petrasha...egal wo man hinschaut. langsam kann man doch keinem mehr glauben. in welcher welt leben wir eigentlich?
In einer Welt, in der nur noch das Geld zählt. Kapitalismus pur. Wer das Geld hat, hat die Macht - und macht die Regeln - und kauft sich die "Wahrheit". Demokratie ist nur noch Fassade. Nur die Mehrheit der Bevölkerung bleibt, wie immer, doof. Sieht man an den (angeblich) hohen Zustimmungswerten für unsere Kanzlerdarstellerin.
radwal 17.07.2012
5. FIFA - Familie
Die Begriffswahl erinnert in fataler Weise an Mafia-Strukturen,und es ist auch offenkundig,dass Blatter nicht blindlings auf dieses Bild der Kernzelle jeden Zusammenhalts zurückgegriffen hat. Wer angesichts der belegten Havelange-Koruption,die Blatter als Petitesse bezeichnet,glaubt,irgendetwas in der Fifa ginge mit rechten Dingen,nach den Vorstellungen des wohlwollenden Fußballfreundes, zu,dem ist nicht zu helfen.Eine solche Geldmaschine ist zwangsläufig vielen Begierden ausgesetzt,auch von Funktionären zum Wohl ihres Privatvermögens. Man darf bezweifeln,dass sich dies wirklich ändern wird. Die heuchlerischen Erklärungen der DFB-Eliten sollte man einfach negieren!
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