Nach Korruptions-Vorwürfen Blatters Angriff aus der Ecke

Hat Deutschland bei der Vergabe der WM 2006 getrickst? Das zumindest deutet Fifa-Boss Joseph Blatter an. Die Gerüchte sind nicht neu, lenken aber von der katastrophalen Rolle des Schweizers in der ISL-Affäre ab. Ob nun wirklich eine umfassende Aufklärung folgt, erscheint fraglich.

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AP

Bei der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland soll es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Das hat Joseph Blatter, Präsident des Weltfußballverbandes Fifa, zwar so nicht gesagt, aber vielsagend angedeutet. In einem Interview mit dem "SonntagsBlick". Jener Schweizer Boulevard-Zeitung also, bei der Blatters Kommunikationsdirektor Walter de Gregorio mal Sportchef war.

Und plötzlich haftet dem deutschen Sommermärchen der Makel der Korruption an. Plötzlich? Nicht wirklich. Denn die Vorwürfe sind nicht neu, lenken aber wunderbar von der heftigen Kritik ab, der sich Blatter seit Tagen ausgesetzt sieht. Der Ruf des Schweizers und der Fifa ist ruiniert, der Verband steht als Synonym für eine Ganovenfamilie - Blatter gilt in der Öffentlichkeit als Witzfigur und Serienlügner. "Den nimmt doch niemand mehr ernst", sagt ein Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), der namentlich nicht genannt werden will. Aus all diesen Gründen ging der in die Ecke gedrängte Blatter zum Angriff über.

Was war passiert? Nachdem am Mittwoch die Einstellungsverfügung zum ISL-Bestechungssystem veröffentlicht werden musste, ist klar: Blatter hat durch seine Misswirtschaft und mangelnde Organisation als Fifa-Generalsekretär von 1981 bis 1998 und ab 1998 als Präsident des Verbandes Korruption befördert und Kenntnis von dubiosen Transaktionen gehabt. Und das ist noch höflich formuliert. Denn das Treiben der einstigen Marketingagentur ISL, die Anfang der achtziger Jahre aus dem Reich des Sportartikelkonzerns Adidas hervorging, prägte seine Karriere.

Blatter im Geflecht zwischen Adidas und ISL

Der einstige Adidas-Boss und ISL-Gründer Horst Dassler, 1987 verstorben, holte Blatter 1975 zur Fifa. Er bezahlte ihn einige Monate aus der Adidas-Kasse und stellte ihm in seiner Dependance in Landersheim im Elsass ein Büro zur Verfügung. Dassler und Blatter waren beste Freunde. Der eine hatte am 12. März Geburtstag, der andere am 10. März - also feierten sie gemeinsam am 11.

Im Reich von Adidas und ISL sind auch Franz Beckenbauer und dessen Intimus Fedor Radmann verortet. Beide waren die Strippenzieher, als es darum ging, die WM 2006 nach Deutschland zu holen. Und beide regen sich jetzt mächtig über Blatters Andeutungen auf, bei der WM-Vergabe sei es nicht mit rechten Dingen zugegangen.

Deutsche Fußballfunktionäre und Blatter beharken sich öffentlich immer mal wieder. Das ist bislang alles nicht wirklich ernst zu nehmen, weil es selten Substanz hatte oder über Geplänkel hinausging.

Beckenbauer und Radmann könnten, anstatt sich zu empören, Aufklärung schaffen, in dem sie etwa jene Vorgänge erläutern, die im Frühjahr 2003 das "Manager Magazin" und die "Süddeutsche Zeitung" enthüllten: Wie die WM-Bewerber einst mit dem Geld des Medienunternehmers Leo Kirch Fifa-Exekutivmitglieder wie den Thailänder Worawi Makudi bedienten.

Blatter wurde zur Untersuchung der Vorfälle gedrängt

Als die Geschichten vor neun Jahren publik wurden, soll Blatter nach Informationen von SPIEGEL ONLINE von engsten Mitarbeitern gedrängt worden sein, die Vorfälle zu untersuchen. Er hat dies nicht getan, denn er wollte die WM in Deutschland nicht gefährden. Die DFB-Bewerbung hatte den Zuschlag bekommen, mit 12:11 Stimmen gegen Südafrika.

Blatter hat Deutschland auch geholfen, als im Sommer 2000, vier Wochen nach der WM-Vergabe, die dabei geschlagenen Südafrikaner mit einem prominenten Anwalt in Zürich auftauchten und vor das Fifa-Schiedsgericht ziehen wollten. Blatter machte ihnen klar, dass sie auch bei einem Gerichtsgang nie die WM bekommen würden. Kurz vor dem Fifa-Sonderkongress zogen die Südafrikaner um Danny Jordaan ihre Drohung zurück. Deutschland hatte Ruhe, Blatter war zufrieden - und die WM 2010 wurde nach Südafrika vergeben.

Natürlich muss die WM-Vergabe an Deutschland aufgeklärt werden. Auch die von Korruptionsgerüchten überschatteten WM-Vergaben an Russland (2018) und Katar (2022) müssen überprüft werden. Doch während sich Russland und Katar vor Untersuchungen fürchten müssen, kann Deutschland die WM natürlich nicht mehr entzogen werden. Außerdem sind im Fifa-Reich eventuelle Bestechungen, die bis zum Sommer 2000 stattgefunden haben könnten, auch unter den neuen Regeln verjährt. Der Imageschaden wäre für Deutschland aber immens.

Blatter, der das System Fifa seit Mitte der siebziger Jahre prägt, darf am Dienstag in Zürich wieder den Reformer geben. Das Exekutivkomitee soll die Mitglieder und Chefs der ab sofort aus zwei Kammern bestehenden Ethikkommission ernennen. Neben Blatter wird der Vizepräsident und Finanzchef Julio Grondona aus Argentinien sitzen.

Dann sind auch der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger und Joseph Blatter wieder engste Verbündete. Denn, so absurd das klingt, Zwanziger, der seine Reformen durchsetzen will, hält Blatter für den Einzigen im 24 Menschen umfassenden Exekutivkomitee, der sich für Statutenänderungen interessiert. Anders gesagt: Zwanziger glaubt, ohne Blatter, den Hauptverantwortlichen für das kolossale Fifa-Dilemma, habe der Fußball-Weltverband keine Zukunft.

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Seite 1
frubi 16.07.2012
1. .
Zitat von sysopAPHat Deutschland bei der Vergabe der WM 2006 getrickst? Das zumindest deutet Fifa-Boss Joseph Blatter an. Die Gerüchte sind nicht neu, lenken aber von der katastrophalen Rolle des Schweizers in der ISL-Affäre ab. Ob nun wirklich eine umfassende Aufklärung folgt, erscheint fraglich. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,844546,00.html
Es war zwar ein rauschendes Fußballfest im Jahre 2006 aber mich würde es nicht wundern, wenn auch damals getrickst und korrumpiert worden wäre. Man bekommt in dem Laden noch nicht einmal Klopapier, ohne die entsprechenden Kontakte zu haben und die entsprechenden Umschläge durchzureichen. Und uns wurde die WM zugesprochen, weil wir so nette Leute sind?
orangswiss 16.07.2012
2. ...wo blieb die eine Stimme..?
Was genau ist da abgelaufen.....um die WM 2006?? Weiche auch sie vom Thema ab ??
Cotti 16.07.2012
3.
Zitat von sysopAPHat Deutschland bei der Vergabe der WM 2006 getrickst? Das zumindest deutet Fifa-Boss Joseph Blatter an. Die Gerüchte sind nicht neu, lenken aber von der katastrophalen Rolle des Schweizers in der ISL-Affäre ab. Ob nun wirklich eine umfassende Aufklärung folgt, erscheint fraglich. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,844546,00.html
Dann muss das Motto dieser Farce wohl rückwirkend umbenannt werden: "Zu Gast bei Korrupten".
deus-Lo-vult 16.07.2012
4. ...
Zitat von sysopAPHat Deutschland bei der Vergabe der WM 2006 getrickst? Das zumindest deutet Fifa-Boss Joseph Blatter an. Die Gerüchte sind nicht neu, lenken aber von der katastrophalen Rolle des Schweizers in der ISL-Affäre ab. Ob nun wirklich eine umfassende Aufklärung folgt, erscheint fraglich. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,844546,00.html
Angstbeißer Blatter. Korrupt durch und durch. Dann soll er doch mal erklären, wie man OHNE Schmiergelder an einen WM Zuschlag kommen soll!
derpolokolop 16.07.2012
5. Sowas aber auch, in Deutschland!!??
Also wer so blauäugig ist und denkt wirklich dass die WM 2006 nicht gekauft worde ist nicht mehr zu helfen. Südafrika war favorit und plötzlich hat Deutschland die Austragungsrechte bekommen. Dafür gabs auch für Blatter den Bundesverdienstkreuz. Gibt`s zu, ihr wussten das auch schon, nur damals war`s auch egal, hauptsache WM bei uns!
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