Fifa-Chef Infantino Im Geldrausch

Fifa-Präsident Gianni Infantino sieht in seinem Amt vor allem eine Aufgabe: dem Verband mehr Geld zu beschaffen. Dafür ist ihm kein Vorschlag zu abseitig. Seine Gefolgschaft jedoch bröckelt.

Fifa-Boss Gianni Infantino
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Fifa-Boss Gianni Infantino

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Gianni Infantino hat es auch nicht leicht. Zu Zeiten seiner Vorgänger war es noch bequemer, Mehrheiten im Fußball-Weltverband (Fifa) zu organisieren. Da half auch mal ein Briefumschlag, der den Besitzer im Hinterzimmer wechselte, um sich Unterstützung und Stimme eines wichtigen Funktionärs zu gewährleisten. Das ist mittlerweile nicht mehr so einfach in Zeiten, in denen dem Fußballweltverband verstärkt auf die Finger geschaut wird.

Der Fifa-Präsident muss sich also andere Wege suchen, um seine Wiederwahl im kommenden Jahr zu sichern. Das Mittel, das Infantino dabei einsetzt, ist allerdings immer noch das alte. Geld. Nur: Es funktioniert nicht mehr so geschmiert wie früher. Infantinos Versuche der letzten Zeit, dem Weltverband immer mehr Geld zuzuschanzen, stoßen selbst in der Fifa-Familie zunehmend auf Widerstand.

Zu genervt sind die Funktionäre von Infantinos Alleingängen, es ist zu offensichtlich, dass es dem Schweizer nur um eines geht. Wie es die "Süddeutsche Zeitung" vor Tagen in einem Artikel über die Fifa titelte: "Geld her! Woher? Egal!"

Infantino schweigt über die Geldgeber

Im März überraschte er das Fifa-Council bei seiner Sitzung mit einem Angebot in Höhe von märchenhaften 25 Milliarden US-Dollar, die eine Investorengruppe zu zahlen bereit wäre, wenn der Weltverband einen neuen globalen Nationen-Wettbewerb und eine aufgeblähte Klub-WM mit 24 Teilnehmern ins Leben rufen würde. Wer die Geldgeber sind, verriet Infantino bis heute nicht. Er behauptet, er habe sich zur Verschwiegenheit verpflichtet. Seitdem wird spekuliert, ob China oder Saudi-Arabien oder beide hinter der Offerte stecken.

Offenbar hatte der Fifa-Boss erwartet, dass ihm die Funktionäre der anderen Kontinentalverbände dankbar die Füße küssen würden, dass er dem Verband eine solche Geldsumme hat vermitteln können. Stattdessen jedoch erntete er eisige Ablehnung: Noch mehr Spiele, noch mehr Termine, noch ein neuer Wettbewerb ohne sportliche Relevanz - die Funktionäre ahnten wohl, dass sie das den Vereinen und der Öffentlichkeit daheim schlecht vermitteln konnten.

Die Geheimnistuerei des Präsidenten empfinden sie zudem als Misstrauensvotum des Verbandschefs ihnen gegenüber. Dass Infantino ihnen darüber hinaus nur eine Bedenkzeit von 60 Tagen für den Vorschlag einräumte, als ginge es um ein Ultimatum in einem schlechten Krimi, hat die Kontinentalchefs zusätzlich brüskiert.

Gianni Infantino (l.), Alejandro Dominguez
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Gianni Infantino (l.), Alejandro Dominguez

Seitdem blocken Europa, Afrika, Nordamerika und Asien Infantinos Projekt. Als der Schweizer am Montagabend die Kontinentalverbände in die Fifa-Zentrale beorderte, um über das Angebot zu diskutieren, schickten die Kontinentalverbände demonstrativ nur ihre Generalsekretäre. Lediglich Südamerikas Verband Conmebol, skandalerprobt in vielen Jahrzehnten, war durch seinen Chef Alejandro Dominguez vertreten. Dominguez steht noch treu zu Infantino, ansonsten ist es schon recht einsam um den Präsidenten geworden.

Dass die Infantino-Administration versucht, mit Satzungstricks die WM-Bewerbung 2026 zugunsten der USA und gegen Marokko vorzuentscheiden, hat den Schweizer in Afrika die Sympathien gekostet. In Europa hat er auch fast keine Freunde mehr, der Kontinentalverband Uefa mit der lukrativen Champions League und der neuen Nations League versteht sich ohnehin mehr und mehr als Konkurrenz zum Weltverband.

Nur Südamerika steht zu Infantino

Infantinos kürzlich vorgenommener Vorstoß, bereits die WM 2022 in Katar auf 48 Teams auszuweiten, war ebenfalls kein Befreiungsschlag. Das Kalkül des Fifa-Bosses: Mehr WM-Spiele bedeutet mehr Fernsehgeld. Wieder war es nur Dominguez, der ihm Rückendeckung gab - kein Wunder, von den zehn südamerikanischen Teams wären dann im Optimalfall sieben für die WM qualifiziert. Vor allem in Europa, wo die mächtigen Vereine sitzen, stößt die Idee dagegen auf Widerstand. Die Katar-WM ist gerade mühsam in den Terminkalender der Saison 2022 eingegliedert worden - sie findet bekanntlich mitten in der Spielzeit im November des Jahres statt, weil es im Sommer einfach zu heiß wäre.

Mehr Teilnehmer würde heißen, auch wieder über eine zeitliche Ausdehnung der schon auf 25 Tage heruntergedimmten Katar-WM zu sprechen. Da machen vor allem die Klubs der Premier League nicht mit. In England brauchen sie schließlich jeden Tag, um ihre Liga weltweit noch besser und intensiver zu vermarkten. Zwei mächtige Geldjäger treffen da aufeinander, und im Zweifelsfall ist die Premier League mittlerweile der mächtigere.

Infantino ist dermaßen versessen darauf, neue Geldquellen aufzutun, weil die alten nicht mehr so sprudeln wie gewohnt. Das miese Image der Fifa, die umstrittenen WM-Vergaben an Russland und Katar haben viele Sponsoren scheu gemacht. Geldgeber wie McDonalds haben sich zurückgezogen, schon bei der WM in Russland tun sich Löcher bei den Sponsoren auf. Russische und chinesische Konzerne springen derzeit noch ein, aber die Kuh Weltfußball ist nicht mehr so einfach zu melken wie zu Zeiten von Joseph Blatter. Großkonzerne wollen mit der so offensichtlich korrupten Fifa nicht mehr automatisch in einem Zusammenhang genannt werden, weil sie um ihren eigenen Ruf fürchten.

Der Fifa fällt ihre eigene Vergangenheit auf die Füße. Der Verband bräuchte, um sich wieder ein neues Gesicht zu geben, einen Reformer. Er hat stattdessen Gianni Infantino.



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Epsola 02.05.2018
1.
Es gibt bereits eine "Mini-WM", die sich Europameisterschaft nennt. Das Problem der europäischen Dominanz verhindert auch eine echte Club-WM, die Club-WM heißt Championsleague. Ich befürchte der Zug ist abgefahren, aber was die FIFA macht oder auch die NHL mit ihrem Kampf gegen Olympia ist nichts anderes als ein Kulturgut, dass einem nicht gehört zu verkaufen durch Monopolbildung. Die höchsten Verbände sollten unter dem Dach der UN beheimatet sein mit einem klarem nicht-kommerziellen Auftrag und zwar in Abstimmung der unterschiedlichen Sportarten untereinander. Aber wie gesagt, das Kind ist ins Brunnen gefallen. Ich werde wohl keine Besserung mehr erleben. Reformen sind ausgeschlossen. Der einzige Weg wären Neugründungen von Weltverbänden. Letztlich hätte man aber bestenfalls eine Situation wie im Boxen mit mehreren Verbänden von denen sich keiner durchsetzen kann.
zensurgegner2017 02.05.2018
2.
Solange sich der Steuerabzockerstaat Schweiz dazu hergibt, mit fragwürdigen Deals und Gesetzen und betsimmungen den Steuerverschiebebeschiss zu belohnen, sonlange haben Funktionäre, Vereine und Co ein Interessse an Tricks, Mauschelei, Betrug und Co Wo sitzen denn die ganzen Verbände? In Steueroasen Warum gibts Probleme: Weil das Maxime des Betriebes der Grundsatz ist, die Gelder VOR Steuer in die Steueroase Schweiz zu schaffen Was bedeutet das: Um das ganze hinzubekommen werden Scheinfirmen, Briefkästen und Co gergründet, wird mit STrohmännern verschleiert etc etc etc Natürlich werden Mitwissen (Mitarbeiter und Familien) bestochen äh als Geschäftsführer.... Dass solch ein lukratives Steuersparnest auch noch die abstrusesden Ideen hervorbringt das ist normal
henninghuno 02.05.2018
3. Beginn einer Kampagne?
Nachdem Blatter weggemobbt wurde, scheint jetzt Infantino dran zu sein. Worum geht es in Wirklichkeit? Ist das der (vorvor) letzte Versuch, die WM in Rußland doch noch zu verhindern? Stecken wie immer die USA dahinter? Der Verweis auf China deutet in diese Richtung. Man prügelt den Sack und meint den Hund (oder wie war das nochmal?)
alaba27 02.05.2018
4. Wofür braucht die FIFA
denn das ganze Geld ? Mehr als 365 Tage hat das Jahr nicht. Aber es müssen nicht jeden Tag alle Top-Teams 'ran. Das braucht und will auch kein Mensch. Außer Infantino (und seine ominösen Geldgeber, die wahrscheinlich vom Fußball so viel kennen wie ich vom Hochseeangeln - ich weiß, dass es sowas gibt).
gandhiforever 02.05.2018
5. Gemeinnuetzig
http://www.spiegel.de/forum/politik/Die FIFA ist laut schweizer Recht gemeinnuetzig, doch geht Infantino der Profit ueber alles, weshalb noch mehr Mannschaften an einer WM teilnehmen sollen. Ich she die FIFA als ein Wirtschaftsimperium, dass keine Steuern zahlt, aber mit dem "gemeinnuetzigen" Geld sehr grosszuegig umgeht.
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