Fifa im Zwielicht So muss der Verband reformiert werden

Weg mit dem Fifa-Filz - aber wie? In seiner aktuellen Zusammensetzung kann der Fußball-Weltverband keinen Neustart schaffen. Funktionäre, Strukturen, Ermittlungen: Das muss sich ändern.

Von , Zürich

Prinz Ali Bin Al Hussein (l.), Joseph Blatter: Neuanfang ohne alte Protagonisten
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Prinz Ali Bin Al Hussein (l.), Joseph Blatter: Neuanfang ohne alte Protagonisten


Großaufräumen in der Fifa ist angesagt - aber es wird nicht einfach, egal mit welchem Chef. Grund sind die Strukturen des Fußball-Weltverbands. Was also wäre für einen Neubeginn nötig? Fünf Vorschläge:

1) Rücktritt der kompletten Führungsmannschaft

Der wichtigste Schritt wäre zunächst der Rücktritt des Fifa-Exekutivkomitees und der sechs Kontinentalföderationen - natürlich inklusive der Europäischen Fußball-Union (Uefa), die ebenfalls schwer belastet ist von Korruptionsvorwürfen.

Auch sämtliche Führungspositionen in den Administrationen dieser sieben Verbände müssten neu besetzt und die Ämter zunächst übergangsweise geleitet werden - und zwar entweder von unabhängigen Personen, die keine Verbindung zum Sportbusiness, dafür aber Kompetenz in der Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität haben. Diese Personen ließen sich finden. Oder man nimmt internes Fachpersonal aus der zweiten und dritten Reihe: Hier gibt es gerade in den Administrationen von Fifa und Uefa viele gute Leute, die das Tagesgeschäft problemlos übernehmen könnten.

Der Fußball nähme davon keinen Schaden, wenn die Direktoren, Exekutivmitglieder und Kommissionschefs zurücktreten würden. Natürlich müssen sämtliche Gehälter von Exekutivmitgliedern und Managern offengelegt werden - auch dagegen verwahren sich Blatter und die Seinen bislang.

2) Transparenz

Ein zweiter Schritt wäre die Öffnung aller Verbandsarchive, Konten und der Buchhaltung für unabhängige Ermittler. Das sollten erfahrene Fahnder machen, Experten für Korruption. Zum Team könnten auch Vertreter von Nichtregierungsorganisationen mit Fachexpertise und investigative Journalisten wie der Schotte Andrew Jennings gehören, die die sportpolitischen Komponenten und das Machtgefüge durchschauen.

Figuren wie dem Amerikaner Michael Garcia, jenem ehemaligen Bundesanwalt, der in den vergangenen Jahren für eine Millionensumme im Fifa-Auftrag recherchierte, ist dagegen nicht zu trauen. Sie sind belastet. Auch sämtliche Ethik- und Audit-Kommissionen sind neu zu besetzen.

3) Juristische Aufklärung

Parallel dazu wird es in den USA ohnehin zu Prozessen gegen derzeit 14 Funktionäre und Manager aus der Fifa und aus Marketingfirmen kommen. Das ist derzeit am schmerzhaftesten für die Fifa und die größte Hoffnung der Öffentlichkeit auf weitere Aufklärung. Die Bundespolizei FBI und die Steuerbehörde IRS ermitteln seit 2011, diese Recherchen werden ohnehin ausgeweitet, wenn sich aus den Vernehmungen der Betroffenen und den Prozessen weitere Anhaltspunkte ergeben.

Die beiden Söhne des schwer korrupten langjährigen Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner (Trinidad) und das ehemalige Exekutivmitglied Chuck Blazer (USA) haben bereits viele Vergehen gestanden und mit den Behörden kooperiert, in der Angst, Jahrzehnte in Bundesgefängnissen verbringen zu müssen.

Ähnliches ist vom aktuellen Vizepräsidenten Jeffrey Webb von den Cayman Islands zu erwarten. Bei dem Banker liefen seit 15 Jahren viele Fäden zusammen. Dort muss und wird weiter angesetzt werden. Nur knallharter Druck mit dem vollen Instrumentarium des Strafrechts wirkt, das haben die Ereignisse dieser Woche einmal mehr bewiesen.

Nach Monaten der Untätigkeit hat nun das Serious Fraud Office (SFO), die britische Strafverfolgungsbehörde, angekündigt, sich der Fifa-Themen annehmen zu wollen. Ähnliche Äußerungen gab es mehrfach, nur keine Taten. Ohne eine derartige Aufklärung ist ein Neuanfang unmöglich.

4) Aufarbeitung der WM-Vergaben

In der Schweiz läuft außerdem seit einigen Wochen ein Ermittlungsverfahren wegen der mutmaßlichen und in Teilen bereits belegten Korruption bei der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar. Viel ist da allerdings nicht zu erwarten. Die Zugriffsmöglichkeiten der Schweizer Justiz in Russland, Katar und anderen Ländern sind gering, selbst wenn die Ermittlungen tatsächlich mit allem Nachdruck vorangetrieben werden sollten.

Auf Fifa-Kongressen wurden in den vergangenen Jahren die meisten jener Vorschläge abgeschmettert, die von sogenannten Reformkommissionen ausgearbeitet worden waren. Diese Vorschläge zu Satzungsänderungen müssen überarbeitet und neu zur Abstimmung gebracht werden. Dazu zählen auch Fragen der Amtszeitbegrenzung und die Altersregeln.

5) Neues Fifa-Wahlsystem

Einer der wichtigsten Punkte aber wäre, das Prinzip one country, one vote aufzubrechen. Dieses System wurde in den vergangenen 40 Jahren nachweislich missbraucht. Es gibt in anderen Föderationen gute Beispiele für ein Verhältniswahlrecht, etwa im Welt-Skiverband (Fis), wo die Nationalverbände je nach Größe, Erfahrung und Erfolgen eine Stimmen-Gewichtung erhalten. Das allein löst nicht alle Probleme, aber es wäre ein wichtiger Anfang.

Die Protagonisten der Fifa-Krise
Jeffrey Webb
REUTERS 
Jeffrey Webb von den Cayman Islands gilt als Vertrauter von Fifa-Boss Joseph Blatter. Jetzt wird sich der Schweizer wohl von ihm lossagen müssen. Webb, auch Fifa-Vizepräsident, ist ins Visier der Behörden geraten. Er gehört zu denen, die am Morgen in Zürich abgeführt wurden.
Eugenio Figueredo
dpa 
Auch gegen Eugenio Figueredo gehen die Ermittler vor. Er gehört ebenfalls zu den Festgenommenen. Der 83-jährige Funktionär aus Uruguay ist einer der einflussreichsten Strippenzieher in Südamerika.
José Maria Marin
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José Maria Marin, ebenfalls 83, konnte sich im Vorjahr noch im Glanz der Fußball-WM in Brasilien sonnen. Jetzt musste auch er der Polizei ins Präsidium folgen. Der Brasilianer ist im Dunstkreis von Ex-Fifa-Chef João Havelange groß geworden. Havelange ist wegen Korruption längst aus dem IOC ausgeschlossen worden.
Rafael Esquivel
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Rafael Esquivel aus Venezuela ist der dritte Südamerikaner, der von den Festnahmen betroffen ist. Seine Konten wurden von Schweizer Behörden derweil eingefroren.
Eduardo Li
REUTERS 
Auch Eduardo Li wurde in der Früh in Zürich im Hotel Baur Au Lac festgenommen. Li ist Chef des Fußballverbands von Costa Rica.
Jack Warner
REUTERS 
Wenn von Korruption und Fifa die Rede ist, fällt eigentlich immer schnell der Name von Jack Warner (Foto). Der ehemalige Vizepräsident des Weltverbands gilt als Pate der Bestechung im Weltfußball. Ob er im Rahmen der Festnahmen auch betroffen war, ist offen. Dafür wurde sein Attaché, Costas Takkas, festgenommen.
Julio Rocha
REUTERS 
Bekannt ist dagegen, dass Julio Rocha (l.), der ehemalige Präsident des Verbands von Nicaragua, am Morgen abgeführt wurde. Nur an einem prallt wieder alles ab.
 
 
Joseph Blatter ist laut seinem Sprecher "nicht involviert". Wie gehabt.
Video: "Betrübt, traurig, empört" - Warum Platini die Fifa satthat

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insgesamt 91 Beiträge
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Seite 1
magic88wand 30.05.2015
1. Punkt 5 mit Abstand am wichtigsten
Punkte 1 bis 4 sind gut und schön, ändern aber nichts an den Rahmenbedingungen, die zu den jetzigen Verhältnissen geführt haben. Punkt 5 greift den Kern des Problems auf: Die Macht in der FIFA liegt bei fußballerisch unbedeutenden Ländern, teils Zwergstaaten, teils Länder wo man sich für den Sport kaum interessiert. Afrika hat mehr Stimmen als Europa, obwohl es noch nie auch nur einen Halbfinalisten gestellt hat. Von den 32 Finalisten in der Geschichte der WM waren 22 Europäer und die übrigen 10 verteilten sich auf nur drei Länder: Brasilien, Argentinien und Uruguay. Vier der sechs Kontinentalverbände haben noch nie einen Finalisten gestellt. Und wenn die Mehrheit in der FIFA nicht zustimmt, muss die UEFA halt aussteigen und mit den drei Südamerikanern einen neuen Weltverband gründen. Die Erfolgsaussichten stehen gut, da die Rest-FIFA dann fußballerisch irrelevant wäre.
eule_neu 30.05.2015
2. FIFA-Reformen
Solange Blatter im Amt ist, werden sich keine Reformen ergeben, es sei denn, die Filzokratie Blatters wird noch gefestigt. Wenn die Kronzeugenregelung in den USA greift, wird es eng für Blatter, so dass eigentlich anzunehmen ist, dass er seine Amtsperiode vorzeitig beenden muss ...
winkler00 30.05.2015
3. Es lebe die Kommune
Es lebe die freie Rat Gemeinschaft. Glaubt der Verfasser, was er da von sich gibt. Der Kommunismus hat solch Thesen nicht hin bekommen, aber die FIFA schafft es. Wer sagt den Ast ab, auf dem er sitzt. In der Politik schafft das keiner und im Sport erst recht nicht. Wer soll freiwillig auf seinen Einfluss verzichten, nur weil in Europa ein paar Mio mehr Mitglieder sind. Perfides System das sich etapliert hat. Geld regiert die Welt.
dragondeal 30.05.2015
4. Mir stellen sich weitere wichtige Fragen
Was hat Herr Weinreich genommen? Wo kriegt man das? Gibt es davon noch mehr? Und was kostet es?
citi2010 30.05.2015
5. Ein anderer hat es schon gesagt...
... die UEFA und der unsägliche Platini sind genauso korrupt.
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