Korruptionsskandal Fifa-Ermittler beantragen Sperre für Sepp Blatter

90 Tage Sperre für den Fifa-Präsidenten: Joseph Blatter soll auf Antrag der Fifa-Ethikkommission vorläufig vom Amt suspendiert werden. Blatters Vertrauter bestätigte den Schritt, die Sperre sei aber noch nicht in Kraft.

Sepp Blatter (im Mai): Der Fifa-Chef soll gelassen auf die Nachricht reagiert haben
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Sepp Blatter (im Mai): Der Fifa-Chef soll gelassen auf die Nachricht reagiert haben


Joseph Blatter will bis zum Ende seiner Amtszeit Fifa-Präsident bleiben - doch dem könnte die Weltfußballorganisation selbst nun frühzeitig ein Ende bereiten: Nach übereinstimmenden Berichten der BBC, des "Guardian" und der "Welt" fordert die Untersuchungskammer der Fifa-Ethikkommission, Blatter provisorisch für 90 Tage zu sperren.

Blatters Vertrauter Klaus J. Stöhlker bestätigte der BBC die geplante Sperre, die Neuigkeit sei dem Fifa-Präsidenten am Nachmittag überbracht worden. Blatter sei gelassen geblieben; die Sperre ist laut Stöhlker aber noch nicht in Kraft, Blatter wolle am Donnerstag im Büro erscheinen - in das er nicht mehr dürfte, sollte die Sperre gelten.

Die Ethikkammer äußerte sich zur temporären Suspendierung nicht, sie dürfe satzungsgemäß konkret laufende Verfahren nicht kommentieren, sagte Marc Tenbücken, Sprecher der rechtsprechenden Kammer. "Die Ethikkommission führt ihre Verfahren immer sorgfältig, unabhängig und ohne Ansehen der Person oder ihrer Funktion durch", erklärte er allgemein.

Noch bis Freitag tagt die Kommission in Zürich hinter verschlossenen Türen und wird dabei neben Noch-Fifa-Boss Blatter auch über den ins Zwielicht geratenen Uefa-Chef Michel Platini befinden. Das geht aus einer Erklärung des Kommissionsmitglieds Abdoulaye Makhtar Diop hervor, die am Mittwoch in der senegalesischen Hauptstadt Dakar veröffentlicht wurde.

Über derartige Anträge muss die rechtsprechende Kammer unter dem Vorsitz des deutschen Richters Hans-Joachim Eckert befinden. Eckert wolle die Entscheidung laut BBC bereits am Donnerstag verkünden.

Blatters US-Anwalt Richard Cullen betont, der Präsident sei nicht offiziell von dem Antrag in Kenntnis gesetzt worden. "Wir würden von der Ethikkommission erwarten, dass sie vom Präsidenten und seinen Anwälten hören wollen und die Beweise sorgfältig untersuchen, bevor sie irgendeine Empfehlung für disziplinarische Aktionen abgeben", teilte er mit.

Platinis Ambitionen auf das Fifa-Amt womöglich hinfällig

Gegen Blatter hatte die Schweizer Bundesanwaltschaft ein Strafverfahren unter anderem wegen des Verdachts der "ungetreuen Geschäftsbesorgung" eingeleitet. Sollte der 79 Jahre alte Schweizer suspendiert werden, dürfte er keine fußballbezogene Aktivität mehr ausüben - sein ebenfalls skandalumwitterter Vize Issa Hayatou aus Kamerun würde satzungsgemäß vorerst das Amt übernehmen.

Auch Platini droht Ärger. Im Korruptionsskandal um den Fußball-Weltverband war der Franzose von den Schweizer Behörden als Auskunftsperson vernommen worden. Der Chef der Europäischen Fußball-Union muss nun den Fifa-Ethikern erklären, warum er für Dienste zwischen Januar 1999 und Juni 2002 erst knapp neun Jahre später von Blatter bezahlt wurde. 2011 unterstützten die Uefa-Verbände unter der Führung von Platini den Schweizer im Wahlkampf gegen den Katarer Mohamed bin Hammam. Platini verteidigte die empfangene Zahlung mehrfach öffentlich. Bei einer Suspendierung wären seine Ambitionen auf das Fifa-Amt hinfällig.

Der frühere senegalesische Sportminister Diop betonte zudem, dass das Ethik-Gremium auch den Fall von Chung Mong Joon prüfen will. Der Südkoreaner strebt wie Platini beim Wahl-Kongress am 26. Februar die Nachfolge des scheidenden Fifa-Präsidenten Blatter an.

Chung selbst rechnet mit einer langen Sperre durch die Ethikkommission und würde damit aus dem Rennen um Blatters Nachfolge ausscheiden. Ihm werden Verstöße im Zusammenhang mit Südkoreas gescheiterter Bewerbung für die WM 2022 vorgeworfen. Er war bis 2011 auch Mitglied im Fifa-Exekutivkomitee.

Er wolle "Herrn Blatter wegen Veruntreuung vor Gericht verklagen", sagte der Südkoreaner am Mittwoch in London. "Die Fifa hat sich zu einer korrupten Organisation entwickelt, die den Interessen von einigen wenigen dient", kritisierte er und bezeichnete Blatter als "Heuchler und Lügner".

Blatter hält am Amt fest

Der Fifa-Boss selbst ist sich auch weiterhin keiner Schuld bewusst und verteidigte sich mit der gewohnten Strategie. "Die Lage ist nicht erfreulich. Man verurteilt mich vor, ohne Beweise für irgendein Fehlverhalten meinerseits. Eigentlich ist das ungeheuerlich", sagte er in der am Donnerstag erscheinenden Ausgabe der Zeitschrift "Bunte". Er wolle bis zum außerordentlichen Kongress im Amt bleiben, betonte Blatter. "Ich versichere Ihnen, dass ich am 26. Februar 2016 aufhören werde. Dann ist definitiv Schluss. Aber keinen Tag früher", sagte er. Bis dahin werde er kämpfen: "Für mich. Für die Fifa."

Bundesinnenminister Thomas de Maizière forderte schnelle Konsequenzen aus den Vorgängen bei der Fifa. "Als Politiker bin ich zurückhaltend, mich zu Interna bei internationalen Verbänden zu äußern. Hier ist aber ein Zustand erreicht, wo nicht mehr die Zeit da ist, bis Februar zu warten", sagte de Maizière. Die Not sei so groß, dass "jetzt hoffentlich entschlossen" Reformen geschehen. Der CDU-Politiker sieht dringenden Handlungsbedarf. "Die Strukturen waren für mich seit Längerem ein Problem", sagte de Maizière. Nur diese Strukturen hätten Blatter im Amt gehalten.

sun/dpa



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micromiller 07.10.2015
1. Ethikkommission ??
Das Synonym für die Abteilung Unterhaltung & Realsatire nicht nur in der Fussballunterhaltungsindustrie sondern auch bei VW und den meisten Bankstern, Hedgern und anderen Garanten des Wohlergehens unserer Gesellschaft.
Skakesbier 07.10.2015
2. Drei
Anmerkungen: 1) Was eine in diversen BRD-Regierungsämtern aufgeflogene Pfeife wie "die Misere" äußert, interesiert niemanden. 2) In der FIFA stinkt evidentermaßen alles - von Blatter über Ali Dingens bis Platini. 3) Ohne Eliminierung der kompletten, während der letzten 20 Jahre tätigen Führungsriege wird es weder a) einen "Verbesserung" noch gar b) einen wirklichen Neuanfang geben. Im Prinzip wäre die Lösung relativ simpel: a) Begrenzung aller Mandate auf vier Jahre, b) exakte Rechenschaftsablegung plus deren regelmäßige jährliche Überprüfung durch unabhängige Fachleute wie PWC oder Ähnliches, c) Sitze/Stimmen nicht nach UNO-Prinzip, sondern nach Relevanz (= Erfolg) des jeweiligen Verbandes.
joG 07.10.2015
3. Wenn sich deutsche Amtsträger .....
....sich hätten einbringen wollen, so doch damals, als die Meisterschaft nach Deutschland kam. Damals wäre recht gewesen zu moralisieren und zu fordern. Jetzt ist das nur peinlich.
Eppelein von Gailingen 07.10.2015
4. Wer von der alten Garde oder Gilde in der Fifa ist überhaupt unbelastet
Den Haufen kann man von oben bis unten wenden, dazwischen halten sich immer wieder welche versteckt, die irgendwann in ihrer Laufbahn etwas Korruptes begangen haben. Von Südkorea rund um den Erdball durch alle Kontinente, bis auf die Antarktis und Spitzbergen. Nur wird dort kein Fußball gespielt, eher das bayerische Eisstockschießen, wenn es glatte Eisflächen gäbe. Platini glaubt auch, alle Welt ist so blöd, ihm abzunehmen, er hätte auf diese 2 Mio. € ganze neun lange Jahre gewartet? Holt einen neuen Vorsitzenden von den Fidschi Inseln, der bislang nur als Fischer unterwegs war. Selbst die Mormonen aus Utah sind nicht frei von Korruption. Den Blatter Sepp muss eine Fifa-Ethikkommission für seine gewünschte Restlaufzeit sperren. Was will der Unbeugsame eigentlich noch bis 2016 herumwurschteln? Scheinbar liegen noch für seine Verwendung ein paar Millionen irgendwo geheim herum, die er einsacken will. Mittlerweile ist das Theater um dieses Korruptionsvorbild von einer Fifa so lustig geworden, dass man den Ernst der Lage vergisst.
Eppelein von Gailingen 07.10.2015
5. Trotz alledem, die WM in Katar läuft
Oder machen die Nachfolger einen Rückzieher und entziehen Katar und Putin seine unrechtmäßig erworbene WM? Putin merkt es gar nicht, der ist viel zu viel mit Syrien und seinem Kriegsgang beschäftigt.
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