Ermittlungen gegen Fifa-Präsident "Ihr Journalisten sucht Ärger"

Vor drei Wochen wurde der Chefermittler des Fußball-Weltverbands Fifa geschasst. Nun erfuhr der SPIEGEL: Die Ermittlungen gegen Gianni Infantino führten weiter als bislang bekannt.

Gianni Infantino
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Ermittlungen der Ethikkommission? Gegen ihn? Als ein britischer Journalist Gianni Infantino am Nachmittag des 11. Mai dazu befragte, gab sich der Fifa-Präsident ahnungslos. Davon wisse er nichts, erklärte er nach dem Kongress des Fußball-Weltverbands in der bahrainischen Hauptstadt Manama.

Der kurze Wortwechsel war aus zweierlei Gründen interessant: erstens, weil Infantino kurz zuvor für die Absetzung der Ethik-Chefs Cornel Borbély und Hans-Joachim Eckert gesorgt hatte. Und zweitens, weil der SPIEGEL bereits im April über Ermittlungen gegen den Fifa-Chef berichtet hatte.

Der Verdacht, den Beobachter in Bahrain schöpften: Infantino habe Borbély und Eckert abgesetzt, um sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen. Wie der SPIEGEL erfuhr, führten die Ermittlungen gegen den Fifa-Chef zum Zeitpunkt der Absetzung der Ethikchefs viel weiter als bislang bekannt.

Es ging nicht nur um die Beeinflussung der Präsidentschaftswahl des afrikanischen Kontinentalverbands CAF. Die Ethiker untersuchten auch, ob es geheime Absprachen mit Funktionären aus Afrika gab - zum Beispiel mit Chabur Goc Alei, dem Ex-Präsidenten des südsudaneschen Fußballverbands SSFA.

Infantinos Verbindung zum Südsudan

Hatte Infantino dem Mann Posten bei der Fifa versprochen? Nach SPIEGEL-Informationen wurde Alei für Mai schriftlich als Zeuge nach Zürich geladen. Weil Borbély, Chef der Ermittlungskammer, entmachtet wurde, ist das Verfahren aber ausgesetzt, die Ladung nichtig. Borbélys Nachfolgerin, die kolumbianische Juristin María Claudia Rojas, nimmt gerade erst ihre Arbeit auf. Ob eine Untersuchung gegen Infantino lief, wollten die abgesetzten Ethik-Chefs nicht verraten, sie sprachen aber von Hunderten Verfahren, die nun gefährdet seien.

Eine der interessantesten Personalien ist Goc Alei. Der Südsudanese war der erste afrikanische Verbandschef, der vor der Fifa-Präsidentschaftswahl 2016 offen seine Unterstützung für Infantino bekundete. Und Südsudan war der erste Mitgliedsverband, den Infantino nach seiner Wahl besuchte. Bei seinem Aufenthalt in der Hauptstadt Juba im März 2016 lachte er gemeinsam mit Alei in die Kameras. Kurz darauf verkündete er seinen Plan, sich für einen Sitz im Fifa-Rat bewerben zu wollen, dem Führungsgremium des Weltverbands. Dort hätte er direkt mit Infantino zusammengearbeitet und 300.000 US-Dollar jährlich plus Tagegeld kassiert. Hatte sich Infantino dafür eingesetzt, hatte er Alei gar Versprechungen gemacht? Entsprechende Fragen des SPIEGEL beantwortete die Fifa nicht.

Aleis Aufstieg fand dann ein abruptes Ende. Am 30. November 2016 wurde er vom Verwaltungsrat seines Verbands suspendiert. In dem Beschluss, der dem SPIEGEL vorliegt, heißt es unter anderem, Alei habe im März 2015 vom Verbandskonto 400.000 US-Dollar auf ein unbekanntes Privatkonto überwiesen. Außerdem kontrolliere er die gesamte Kommunikation seines Verbands mit der Fifa und CAF zum Thema Finanzen, ohne den Verwaltungsrat zu informieren.

"Ihr Journalisten sucht Ärger"

Alei beteuerte seine Unschuld - und plötzlich schaltete sich Fatma Samoura, die Generalsekretärin der Fifa, persönlich ein. Per Brief forderte sie den SSFA-Verwaltungsrat auf, Alei Gehör zu verschaffen. Und trotz seiner Sperre lud ihn die Fifa im Februar zu einem Führungskräftetreffen nach Johannesburg ein. Gastgeber: Gianni Infantino. Die neue SSFA-Spitze zog ihre Teilnahme wegen Aleis Anwesenheit "förmlich zurück", wie der Verband mitteilte.

Warum Alei dabei sein durfte? Man habe versucht, im Streit zwischen Verwaltungsrat und Ex-Präsident schneller zu einer Einigung zu kommen, so die Fifa. Bleibt die Frage: Haben die Fifa-Chefs nichts Wichtigeres zu tun, als sich in Personalentscheidungen in einem von 211 Mitgliedsverbänden einzuschalten?

Gebracht hat ihr Einsatz jedenfalls nichts, Alei ist bis heute suspendiert, seine Kandidatur für den Fifa-Rat musste er zurückziehen. Und er bekam Post aus Zürich, von der Ethikkommission. Borbély und seine Kollegen wollten wissen, was da mit Infantino lief. Nach den Ereignissen in Bahrain gibt es aber eine noch viel wichtigere Frage: Hat Alei Infantino über seine Vorladung informiert? Und falls ja, hat Infantino Borbély deswegen abserviert? Infantino sagt dazu nichts. Und Alei? Er habe Infantino nicht informiert, schrieb er dem SPIEGEL. Ob ihm Infantino einen Sitz im Fifa-Rat versprochen hatte? "No", lautete die Antwort: "Ihr Journalisten sucht Ärger."



insgesamt 29 Beiträge
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garfield53 24.05.2017
1. mmm
Kann man die MAFIA, etwas anderes zur Bezeichnung dieser Organisation wäre Untertreibung ) oder das Selbstverständnis der Schweizer zu ihren zu tiefst kriminellen Bankensystem, welches sogar staatlicherseits bis in die Geheimdienste geschützt wird, "reformieren"? Da weder bei Ersteren und schon gar nicht bei den Regierenden in der Schweiz, irgend ein Interesse besteht, sich selbst zu enteignen bzw. Macht zu verlieren, bleibt alles so wie es ist. Und die FIFA, was wurde reformiert, geändert, die Außenvermarktung, der Schein, ein paar Köpfe geopfert, hohle Sprüche und Phrasen gekopft, das "vereinseigene" Kontrollorgan, weil dieses das Reformgeschwätz ernst nahmen, "entsorgt", aber am kriminellen System, nichts. Dafür sorgen schon die "großen" Vereine weltweit und ihre nationalen Funktionäre, das die Geldquellen für Wenige nicht versiegen. Eben, organisierte Kriminalität, MAFIA, unter der Tarnung eines internationalen "Sportverbandes"! Und die deutschen "Familienmitglieder", Frühere, wie Aktuelle, sind um keinen Deut besser, nur werden sie, wie auch sonst, medial nur besser verkauft. Sport, Politik und organisierte Kriminalität, der Abstand ist so weit wie zwischen Tapete und der Wand, nur muß man eben auf der richtigen Seite "kleben".
tomkey 24.05.2017
2. Das ist nicht mein Fußball
Ich empfinde nichts als ekel vor diesen Typ(en). Ob FIFA, UEFA oder DFB (die hängen da ja auch mit drinnen): dieser Fußball ist nicht das, was ich mir vom Fußball vorstelle. Die Glotze bleibt aus bei diesen "Event"-Gebolze. Dann lieber Sportplatz. Und Danke Kaiserslautern für die Absage als EM-Spielort. Dortmund, bitte nachmachen (andere Städte bitte auch).
kerstinalpers 24.05.2017
3. Was ist noch uninteressanter als die UEFA / FIFA Mafia ?
Alles geht immer so weiter wie bisher. Fussball ist kommerz, damit absolut langweilig !
aurichter 25.05.2017
4. Es wird Zeit
das der ganze Verbändeeck, sowohl FIFA,als auch UEFA gründlich aufgeräumt wird. Was dort abgeht, dass sind ganz perfide Mafia-Manieren, die nur noch durch unabhängige Ermittler vollkommen aufgedeckt werden können. Infantino sieht gern TV und liest sehr genau politische Nachrichten, denn nur so sind die Vorwürfe in Richtung Journalismus zu erklären. Der Mann bzw die verstrickten Cliquen handeln nach dem gleichen Strickmuster wie Erdogan, Putin, Trump! Die aufklärende Presse wird in eine Ecke manövriert und soll als "Lügenpresse" dargestellt werden, also ein Muster, welches man aus der politischen Landschaft hier in DE ebenfalls gut kennt. Warum werden diejeweiligen Staaten, hier allen voran die europäischen Länder nicht aktiv? Weshalb geniessen diese Verbandskriminellen diesen nicht mehr nachvollziehbaren Status? Da werden Untersuchungen, Nachforschungen nach Lust und Laune von Verbandsfürsten abgewürgt, obwohl jeder weiss, dass dort Machenschaften von höchster Fragwürdigkeit durchgezogen werden. Inwieweit steht dieser Infantino noch unter dem Einfluß eines Blätter und seinen Vasallen weltweit? Sollte mich nicht wundern, wenn dort über Seilschaften diese Herrschaften weiterhin am Wirken sind. Infantino ist ein Blättergewächs und hätte niemals soweit kommen dürfen, aber auch wieder Parallelen zur aktuellen Politik, nur noch korrupte Menschen an den Schaltstellen der Macht und des großen Geldes. Spiegel bitte am Ball bleiben, da gibt es noch allerhand auszugraben, aber nichts Gutes.
AufJedenFall 25.05.2017
5.
Was der Trump kann, kann ein Indantino doch schon lange. Am schlimmsten an der ganzen Sache ist doch, dass die FIFA "gemeinnützig" ist und somit keine Steuern zahlt
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