Reformen bei der Fifa: Stühlerücken auf der Titanic

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Die Fifa will am Donnerstag Änderungen in ihren Statuten absegnen. Besonders ernst meint es der Weltverband mit den Reformen in eigener Sache aber offenbar nicht: Empfehlungen einer hausinternen Kommission wurden ignoriert - und deren Chef vom Fifa-Boss Blatter öffentlich gemaßregelt.

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Fifa-Boss Blatter: "Ich habe Pieth für den Job ausgewählt"

Etwas mehr als ein Jahr ist es her, da trat Mark Pieth seinen Job als Anti-Korruptions-Experte bei der Fifa an. Der Strafrechtler sollte den Fußball-Weltverband transparenter und demokratischer machen, dabei helfe "nur ständiger Druck", sagte der Schweizer damals im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Im Februar hatte das von Pieth geleitete sogenannte unabhängige Governance Komitee der Fifa dem Verband einen zweiten Bericht mit Mindestforderungen vorgelegt und darin sieben unverzichtbare Punkte genannt. Dazu zählten auch die Amtszeitbeschränkung für den Fifa-Präsidenten und die Exekutivmitglieder sowie ein unabhängiger Integritätscheck von Top-Funktionären. Am Donnerstag soll das Fifa-Exekutivkomitee in Zürich die Statutenänderungen absegnen.

Doch nur ein Teil dessen, was Pieth empfiehlt, wird wohl von der Tafelrunde des Fifa-Präsidenten Joseph Blatter akzeptiert werden - Amtszeitbeschränkung und Integritätscheck werden sehr wahrscheinlich nicht dazugehören. Blatter hat gerade seinen 77. Geburtstag gefeiert und will in zwei Jahren, zum 40. Dienstjubiläum in der Fifa, erneut Präsident werden. Sein wichtigster Verbündeter, der Erste Vizepräsident und Fifa-Finanzchef Julio Grondona, ist sogar schon 81 Jahre alt und führt seit 1979 den argentinischen Verband.

Wer bezahlt, bestimmt die Regeln

Blatter machte dem Strafrechtler Pieth schon im Vorfeld routiniert klar, wer der Chef ist. Pieth hatte in einigen Interviews angekündigt, von seinem Posten zurückzutreten, sollte das Exekutivkomitee die Mindestforderungen nicht durchwinken und dem Fifa-Kongress zur Absegnung vorlegen. Auch hatte er pikante Details aus den Verhandlungen mit dem Exekutivkomitee ausgeplaudert.

Blatter kanzelte seinen Schweizer Landsmann nun ab. "Ich habe ihn für den Job ausgewählt", sagte der Fifa-Präsident dem Magazin "Inside World Football". "Er hat uns Vorschläge zu machen. Die können wir aber unmöglich alle implementieren. Ich habe ihm nun gesagt, dass er sich nicht öffentlich äußern soll, wenn ich es ihm nicht ausdrücklich sage. Das hat er akzeptiert." Wer bezahlt, bestimmt die Regeln. Und Pieths an der Universität Basel ansässiges Institut hat seit 2011 eine Menge Geld von der Fifa erhalten. Wie viel, das wollen weder der Verband noch der Transparenz-Bevollmächtigte Pieth verraten.

Blatter lässt sich stattdessen als Reformer feiern und attackiert auf allen Fronten seinen langjährigen Verbündeten und potentiellen Herausforderer Michel Platini, den französischen Boss der Uefa, der ihm viele Flanken öffnet. Dafür nutzt der Funktionär wie immer das gesamte Arsenal der Fifa: Mehr als eine Milliarde Dollar lagern auf deren Konten. Eine hohe zweistellige Millionensumme werden in den Personenkult um Blatter, die Tätigkeit externer Berater, die Ermittlungsarbeit der Ethikkommission oder das Sponsoring für die Internationale Kriminalbehörde Interpol, das allein 20 Millionen Euro ausmacht, investiert. Es geht um den Machterhalt Blatters.

Im Kern hat sich kaum etwas geändert

Die Compliance-Experten um Mark Pieth haben sich vereinnahmen lassen. Viel zu spät schlagen sie Alarm. So sagte die Kanadierin Alexandra Wrage, die im Pieth-Komitee arbeitet, der "Süddeutschen Zeitung", die Fifa-Bosse ließen lediglich "kosmetische Verbesserungen ohne echte Veränderungen" zu. Es würden "nur die Liegestühle auf der Titanic umgruppiert".

Das alles hätte man schon 2011 wissen müssen, als Pieth seinen Job antrat. Pieth aber drängte nicht darauf, die Skandale der Vergangenheit, die bis in die Gegenwart reichen, aufzuarbeiten. Er sei kein Staatsanwalt, er könne nur Empfehlungen für die Zukunft geben, argumentierte er.

So hat sich im Kern kaum etwas geändert. Denn über das angebliche Reformpapier entscheiden im Fifa-Exekutivkomitee am Donnerstag Personen wie Issa Hayatou (Kamerun), Nicolás Leoz (Paraguay), Worawi Makudi (Thailand) oder Chuck Blazer (USA) - sowie natürlich Julio Grondona und der Architekt des weltumspannenden Systems des Gebens und Nehmens: Blatter.

  • Blazer hat sich selbst mehr als zehn Millionen Dollar Provisionen genehmigt.
  • Die märchenhaften Schwarzkonten von Grondona in aller Welt wurden nie aufgeklärt.
  • Makudi ist in zahlreiche Affären verstrickt und will Präsident der asiatischen Konföderation AFC werden.
  • Hayatou hat sich gerade wieder zu Afrikas Fußballboss gekrönt und Konkurrenten ausmanövriert, er hat einst wie Leoz vom langjährigen Fifa-Marketingpartner ISL Schmiergeld kassiert.

Mit Spannung wird nun der Bericht des Amerikaners Michael Garcia erwartet. Garcia, von Blatters Gnaden zum Chef der Ermittlungskammer der Ethikkommission ernannt, hat die ISL-Causa, die längst gerichtsfest ist, angeblich nachrecherchiert. Alles andere als eine Suspendierung von Hayatou und Leoz wäre ein Skandal. Zudem steht die nachträgliche Bestrafung der Brasilianer João Havelange (Fifa-Ehrenpräsident) und Ricardo Teixeira aus. Sie haben mehr als 20 ISL-Millionen kassiert. Blatters Mitwisserschaft am ISL-Schmiergeldsystem ist ebenfalls gerichtsfest bestätigt.

Was also macht Garcia? Möglicherweise ist diese Frage schon beantwortet. Von Blatter. Laut Fifa ist der "Reformprozess" nämlich bald beendet: mit dem Kongress Ende Mai auf Mauritius.

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Fifa-Affäre: Getürktes Sommermärchen?
Die Präsidenten der Fifa
Amtszeit Präsident
1904-1906 Robert Guérin (Frankreich)
1906-1918 Daniel B. Woolfall (England)
1921-1954 Jules Rimet (Frankreich)
1954-1955 Rodolphe W. Seeldrayers (Belgien)
1955-1961 Arthur Drewry (England)
1961-1974 Stanley Rous (England)
1974-1998 João Havelange (Brasilien)
seit 1998 Joseph S. Blatter (Schweiz)

Konföderationen der Fifa
Verband Bereich Präsident
AFC Asien Mohamad bin Hammam*
Caf Afrika Issa Hayatou
Concacaf Nord-, Mittelamerika, Karibik Jack Warner**
Conmebol Südamerika Nicolas Leoz
OFC Ozeanien David Chung
Uefa Europa Michel Platini
* nach Suspendierung vertreten durch Jilong Zhang
** nach Suspendierung vertreten durch Lisle Austin
Tabellen