Garcia-Report der Fifa Der wahre Schatz bleibt verschlossen

Die Fifa hat den lange unter Verschluss gehaltenen Garcia-Report veröffentlicht. Vielleicht aus PR-Gründen - und weil der Weltverband weiß: Anklagereif ist das Papier nicht. Die wohl brisanten Anhänge bleiben geheim.

Ermittler Michael J. Garcia (l.), Richter Hans-Joachim Eckert (r.)
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Ermittler Michael J. Garcia (l.), Richter Hans-Joachim Eckert (r.)


Von Mitte 2012 bis zum Herbst 2014 hat der ehemalige US-Staatsanwalt Michael Garcia, heute Richter am Berufungsgericht des Bundesstaates New York, gemeinsam mit dem Schweizer Juristen Cornel Borbély im Auftrag der Fifa intern zur Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar ermittelt.

Am Ende, im November 2014, fällte der Münchner Strafrichter Hans-Joachim Eckert als Vorsitzender der Richterkammer der Fifa-Ethikkommission eines seiner mitunter merkwürdigen Urteile im fürstlich entlohnten Fifa-Nebenjob: Katar und Russland wurden quasi Freibriefe erteilt.

Wieder einmal wurde der damalige Fifa-Präsident Joseph Blatter, Drahtzieher dieser obskuren doppelten WM-Vergabe und Architekt des globalen korrupten Fifa-Netzwerks, mit einer Art Heiligenschein ausgestattet. Gebrandmarkt und verleumdet wurden im Eckert-Papier allerdings zwei Whistleblowerinnen: Bonita Mersiades aus Australien und Phaedra Al Majid aus Katar, die beide ihre Existenz aufs Spiel gesetzt hatten - zeitweise musste Al Majid sogar um ihr Leben fürchten und flüchtete in die USA, wo sie unter FBI-Schutz stand.

Michael Garcia war in der einflussreichen juristischen Society der US-Ostküste, aus der regelmäßig die höchsten Posten in Regierung, Justiz und Geheimdiensten rekrutiert werden, wegen seines weichen Fifa-Kurses in die Kritik geraten. Er bemühte sich daher, als Opfer einer Verschwörung dazustehen. Laut Garcia hatte Eckert grandiose Ermittlungsergebnisse kolossal fehlinterpretiert.

Whistleblowerin Bonita Mersiades
imago/Martin Hoffmann

Whistleblowerin Bonita Mersiades

Gemeinsam mit den Fifa-Exekutivmitgliedern, viele nachweislich korrupt, einige nachweislich schwer kriminell, verhinderte Eckert eine Veröffentlichung des Garcia-Reports. Schon lange vor den hausinternen Fifa-Ermittlungen hatte die US-Justiz - Staatsanwälte, die Bundespolizei FBI und die Steuerbehörde IRS - auf der Grundlage des RICO-Gesetzes zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität erste Verfahren eingeleitet.

Ausgangspunkt dafür waren Enthüllungen in Medien, etwa durch den Briten Andrew Jennings. Der erste Kronzeuge des FBI, das langjährige Fifa-Exekutivmitglied Chuck Blazer, zeichnete schon im Sommer 2012 bei den Olympischen Spielen in London seine Gespräche für das FBI auf. Da hatten Garcia und seine Helfer kaum mit der Arbeit begonnen. Gemessen daran ist die Qualität dessen, was Garcia im September 2014 vorlegte und was bis Juni 2017 nicht öffentlich wurde, eher beschämend.

An den Garcia-Bericht ist nun die "Bild"-Zeitung gelangt. Manche Indizien weisen auf die Fifa als Quelle hin, wo sich Präsident Gianni Infantino, schon zu seinen Zeiten als Uefa-Generaldirektor ein erwiesener Reformblocker, einen PR-Schub erhoffte. Die Quellen können aber auch im arabischen Raum liegen, wo ein Saudi-arabischer Spin-Doktor einige Tage vor der Vorab-Meldung der "Bild"-Zeitung von Zürich aus auf Twitter "good news" ankündigte. Parallel stellte der Mann ein dürres, sogenanntes Dossier gegen den vermeintlichen Sport- und Terror-Schurkenstaat Katar online.

Auch die "Bild"-Serie fokussierte sich auf Katar und die dubiose WM-Vergabe. Die Zeitung bezeichnete den Garcia-Bericht als "brisantestes Dokument der Sport-Gegenwart". Dass der Garcia-Report die Aufregung nicht wert sein würde, war allerdings schon 2014 kurz nach seiner Fertigstellung gewiss. Nachdem die Amerikaner dann mit der Schweizer Bundesanwaltschaft kooperierten, Ende Mai 2015 in Zürich die spektakuläre erste Verhaftungswelle von Fifa-Funktionären durchzogen und die Anklageschrift veröffentlicht wurde, verkam der Garcia-Report eher zu einer sporthistorischen Fußnote.

Deutlich interessanter sind aber die Anklageschriften und andere Unterlagen der US-Justizbehörden.

Blatter präsentiert 2010 Katar als WM-Ausrichter 2022
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Blatter präsentiert 2010 Katar als WM-Ausrichter 2022

In diesen Papieren wird der Nachweis eines schwer kriminellen Systems geführt. Zahlreiche ehemalige Fifa-Vorständler erwarten Haftstrafen von mehreren Jahrzehnten. Rund 300 Millionen Dollar einer gigantischen Schadenssumme haben die angeklagten Funktionäre und Firmen bisher zurückgezahlt. Und die Ermittlungen erstrecken sich mittlerweile in den Machtbereich des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), wo Ende April 2017 einer der mächtigsten Funktionäre des Weltsports, Scheich Ahmad Al-Sabah, von der US-Justiz als Schmiergeldzahler enttarnt wurde - was Ahmad, der wichtigste Verbündete des IOC-Präsidenten Thomas Bach, bestreitet.

In Sachen Katar bleibt Garcia zum Beispiel auch weit hinter den Enthüllungen der "Sunday Times" aus dem Jahr 2014 zurück. Das gigantische Schmiergeldsystem des ehemaligen katarischen Fifa-Vorstands Momamed Bin Hammam habe laut des Garcia-Report nichts mit der WM 2022 zu tun gehabt. Eine Aussage, die, nach allem, was man inzwischen weiß, geradezu absurd anmutet. Und da die WM-Gastgeber Katar und Russland die Hauptaufgabe der internen Ermittlungen waren, muss die Arbeit von Garcia als gescheitert betrachtet werden.

Im Grunde war Garcias Verpflichtung von Beginn an ein gigantisches Rettungsmanöver von Blatter - das erfolglos blieb. Blatter musste 2015 abtreten, wurde inzwischen von Eckerts Ethikkammer gesperrt, die Schweizer Bundesanwaltschaft führt ein Strafverfahren gegen Blatter, womöglich steht er bald auch in den USA unter Anklage. Eckert wiederum wurde von Blatters Nachfolger Infantino abserviert.

Die Fifa versucht in enger Kooperation mit dem Department of Justice weiterhin, den Opferstatus zu erhalten - anders als Dutzende ehemalige Führungskräfte, die als Täter geführt werden. Diese juristische Feinheit bleibt überlebenswichtig für den Fußball-Weltverband.

Die Veröffentlichung des Garcia-Reports, mit der urplötzlich alle vorherigen angeblichen juristischen Bedenken über Bord geworfen wurden, ist auch ein erneutes Betteln um das Wohlwollen der US-Justiz. Doch es gibt wenig Anzeichen dafür, dass die Ermittler nachlassen. Die Anklageschrift gegen einen ozeanischen Fifa-Funktionär vom April, in dem der IOC-Scheich und der Vizepräsident des Schwimm-Weltverbandes Fina als Schmiergeldzahler enttarnt werden, gibt die Richtung vor.

Beckenbauer und Radman
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Beckenbauer und Radman

Die Ermittlungen werden vernetzt, auch mit den Strafverfahren in Brasilien und Frankreich zur olympischen Korruption und zur Bildung von kriminellen Netzwerken. In der Schweiz, eigentlich bekannt als sicherer Hafen für Sportganoven, hat die Bundesanwaltschaft zahlreiche Verfahren auf dem Tisch, darunter gegen die deutsche Ikone Franz Beckenbauer und dessen Adlatus Fedor Radmann. Wer nach Illustrationen und pikanten Details dafür sucht, wie Beckenbauer und Radmann ihre lukrativen Geschäfte im Fifa-Umfeld durchgezogen haben, der wird im Garcia-Report durchaus fündig.

Letztlich hat dieser Report doch eine Stärke: Aus diesen vielen Episoden, die das Bild vom Fifa-Reich vervollkommnen, sollten sich weltweit neue Ermittlungen von Medienvertretern ergeben, die im besten Falle wiederum strafrechtliche Verfahren befruchten könnten.

Dazu müsste die Fifa allerdings auch Tausende Dokumente veröffentlichen, die Garcia und Co. als Anhänge zu ihren drei Berichten auf insgesamt 434 Seiten erstellt haben. Diese Anhänge aber bleiben unter Verschluss. Soweit geht die Transparenz nun doch nicht.

insgesamt 2 Beiträge
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ludwig49 28.06.2017
1. Man kann nicht länger verbergen...
...oder leugnen, daß die FIFA eine international tätige kriminelle Vereinigung ist, der endlich der Boden entzogen gehört. Die FIFA in dieser Form muß aufgelöst werden, die Vergabe der WM 2018 und 2012 wäre damit hinfällig. Es bedarf einer gläsernen Organisation, die regelmäßig der Öffentlichkeit gegenüber Berichte abzulegen hat.
spon_3084003 28.06.2017
2. typisch deutsches Medium?
'hallo???': Ihr Argument führt ins Leere. Denn der Autor dieser Analyse des Garcia-Reports (Jens Weinreich) hat im SPIEGEL und auf SPIEGEL ONLINE mit exklusiven Enthüllungen zur WM 2006 den DFB ins Wanken gebracht und die deutschen Steuerermittlungen sowie Ermittlungen im Ausland gegen Beckenbauer und Radmann ausgelöst, auch hat er das geheime Millionen-Honorar von Oddset für Beckenbauer enthüllt - alles hier im Archiv nachzulesen. Zudem hat er im Juli 2010 in Deutschland als erster ausführlich über die Tätigkeit von Radmann für Australien berichtet. Es geht also beides: den Garcia-Report kritisch zerpflücken, wie es sich gehört, gleichzeitig aber die Feinheiten des Berichts goutieren und in künftige Berichterstattung einfließen zu lassen. Niemand zeigt hier "saubermannmässig mit dem Finger auf andere", wie Sie formulieren.
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