Fifa-Chef Blatter vor Wiederwahl Historische Chance vertan

So angeschlagen wie im aktuellen Fifa-Skandal war Joseph Blatter noch nie. Doch weil die Uefa sich nicht einigen kann, wird der Fifa-Präsident nun wohl wiedergewählt. Auch ein einflussreicher Scheich ist schuld.

Eine Analyse von , Zürich


In der Parallelgesellschaft Fifa ist es manchmal wie im richtigen Leben. Oder besser: wie auf dem Fußballplatz. Wer einen Meter vor dem leeren Tor steht und den Ball nicht im Netz versenkt, muss sich nicht wundern, wenn er ein Spiel verliert. Demjenigen darf man durchaus Unfähigkeit attestieren.

Die Europäische Fußball-Union (Uefa) hat eine historische Chance verspielt, Fifa-Präsident Joseph Blatter zu stürzen. So angeschlagen wie am Mittwoch, als erst im Hotel Baur au Lac in Zürich Schweizer Polizeibeamte sieben Fifa-Funktionäre festnahmen und später die amerikanische Justizministerin Loretta Lynch sowie die Direktoren von FBI und IRS die Fifa als kriminelle Organisation beschrieben, so angeschlagen war Blatter wohl noch nie.

Uefa-Präsident Michel Platini, einst ein Günstling von Blatter, hätte mit seinen Truppen den Fifa-Kongress in Zürich boykottieren und die für Freitag geplante Wiederwahl des Fifa-Präsidenten verhindern müssen. Er hat es nicht getan. Die Uefa handelt, natürlich, uneins. Die Uefa hat, selbstverständlich, ebenfalls immense Korruptionsprobleme. Acht ihrer Führungskräfte sitzen sowohl im Uefa- als auch im Fifa-Exekutivkomitee.

Und nur einer hat das Mindeste getan, was getan werden musste: Der Brite David Gill kündigte an, er werde die Position im Fifa-Exekutivkomitee nicht übernehmen, sollte Blatter gewinnen. Blatter wird aber gewinnen gegen Prinz Ali Bin Al-Hussein aus Jordanien. Der persönliche Boykott des David Gill ist ehrenwert, wird aber nichts daran ändern. Es hätte wirkungsvollerer Maßnahmen bedurft.

Die Protagonisten der Fifa-Krise
Jeffrey Webb
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Jeffrey Webb von den Cayman Islands gilt als Vertrauter von Fifa-Boss Joseph Blatter. Jetzt wird sich der Schweizer wohl von ihm lossagen müssen. Webb, auch Fifa-Vizepräsident, ist ins Visier der Behörden geraten. Er gehört zu denen, die am Morgen in Zürich abgeführt wurden.
Eugenio Figueredo
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Auch gegen Eugenio Figueredo gehen die Ermittler vor. Er gehört ebenfalls zu den Festgenommenen. Der 83-jährige Funktionär aus Uruguay ist einer der einflussreichsten Strippenzieher in Südamerika.
José Maria Marin
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José Maria Marin, ebenfalls 83, konnte sich im Vorjahr noch im Glanz der Fußball-WM in Brasilien sonnen. Jetzt musste auch er der Polizei ins Präsidium folgen. Der Brasilianer ist im Dunstkreis von Ex-Fifa-Chef João Havelange groß geworden. Havelange ist wegen Korruption längst aus dem IOC ausgeschlossen worden.
Rafael Esquivel
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Rafael Esquivel aus Venezuela ist der dritte Südamerikaner, der von den Festnahmen betroffen ist. Seine Konten wurden von Schweizer Behörden derweil eingefroren.
Eduardo Li
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Auch Eduardo Li wurde in der Früh in Zürich im Hotel Baur Au Lac festgenommen. Li ist Chef des Fußballverbands von Costa Rica.
Jack Warner
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Wenn von Korruption und Fifa die Rede ist, fällt eigentlich immer schnell der Name von Jack Warner (Foto). Der ehemalige Vizepräsident des Weltverbands gilt als Pate der Bestechung im Weltfußball. Ob er im Rahmen der Festnahmen auch betroffen war, ist offen. Dafür wurde sein Attaché, Costas Takkas, festgenommen.
Julio Rocha
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Bekannt ist dagegen, dass Julio Rocha (l.), der ehemalige Präsident des Verbands von Nicaragua, am Morgen abgeführt wurde. Nur an einem prallt wieder alles ab.
 
 
Joseph Blatter ist laut seinem Sprecher "nicht involviert". Wie gehabt.
Die Schwäche der Uefa hat System. Nur wenige Beispiele: Russlands Sportminister Witali Mutko, Vorstand in Uefa und Fifa, ist ein treuer Blatter-Gefährte. Mutko richtet die skandalumwitterte WM 2018 aus - und Blatter hat ihm und Russlands Präsidenten Wladimir Putin gegen alle Widerstände und Boykottforderungen bedingungslose Unterstützung zugesagt.

Oder Platini selbst, dessen Sohn seit 2011 für Firmen und Staatsfonds aus Katar werkelt. Platinis Kampagnen-Manager für diesen unbeholfenen Fifa-Wahlkampf heißt Mike Lee - und arbeitet mit seiner Firma Vero Communications gleichzeitig für die WM 2022 in Katar, und zwar schon seit 2009. Alles ist mit allem verwoben in diesem Geschäft. Jeder paktiert mit jedem, wenn es sein muss. Demokratie und Transparenz bleiben auf der Strecke.

Stimmenverteilung bei Fifa-Wahl
SPIEGEL ONLINE

Stimmenverteilung bei Fifa-Wahl

Es gab am Donnerstagnachmittag, nachdem die Uefa wieder einmal eingeknickt war, noch eine vage Option, die erneute Amtsbestätigung des Fifa-Herrschers Blatter zu verhindern. Nur dann, wenn Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah, einer der mächtigsten Stimmendealer der Sportwelt, umgeschwenkt wäre zu Prinz Ali, dem er 2011 in Doha schon einmal zur Fifa-Vizepräsidentschaft verholfen hatte.

Jener Scheich Ahmad also, der 2013 den Deutschen Thomas Bach bei der Wahl zum IOC-Präsidenten unterstützt hatte. Jener Scheich Ahmad, der als Präsident der Weltvereinigung aller Nationaler Olympiakomitees (ANOC) und des Olympic Council of Asia (OCA) fungiert. Jener Scheich Ahmad aus Kuwait, der am Freitag ins Fifa-Exekutivkomitee einzieht, als hätte er in IOC, ANOC und OCA nicht schon genug zu tun. Scheich Ahmad will vor allem: mit Macht spielen und nie verlieren. Ahmad ist für seine Skrupellosigkeit bekannt, auch mal von Favoriten zu lassen, wenn der Wind sich dreht.

Im Fall Blatter aber hält der ehemalige Opec-Boss Kurs. Arabischen Journalisten hat er am Donnerstag Unsinn über eine angebliche amerikanische Verschwörung in der Fifa berichtet - er meinte die Ermittlungen der Bundespolizei FBI und der Steuerbehörde IRS und die Festnahmen in der Schweiz.

Prinz Ali, sein ehemaliger Zögling, habe ihm angedeutet, dass kurz vor der Fifa-Wahl etwas passieren würde, sagte Ahmad. Attacken aus dem Westen mag er nicht, ob es sich nun um Polizeiermittlungen handelt oder um belegte Korruptionsenthüllungen über die WM-Vergabe an Katar, wie im vergangenen Jahr von der Londoner "Sunday Times". Letztere bezeichnete Scheich Ahmad als "Rassismus".

Scheich Ahmad hält sich selbst alle Optionen offen. Im Weltsport stehen ihm in den kommenden Jahren die höchsten Ämter offen: Er könnte, wenn er wollte, spätestens 2025 IOC-Präsident werden. Er könnte aber auch, das ist momentan wahrscheinlicher, Blatter als Fifa-Präsidenten beerben. Spätestens 2019. Oder früher, sollte Blatter das Ende seiner fünften Amtszeit nicht erleben. Warum also sollte er diese Optionen gefährden, indem er einen jordanischen Prinzen auf den Fifa-Thron hebt?

So wird also Blatter weiter mehr schlecht als recht amtieren und das von ihm aufgebaute Fifa-System verwalten. Die Fifa hat genau den Präsidenten, den sie verdient.



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soisses007 28.05.2015
1. Nero Blatter
Ein unsäglicher Abgang.... Scheidet er nur durch den Tod aus dem Amt? Wie lange muss man sich dieses Schmierentheater noch ansehen? Warum äußert sich die Kanzlerin nicht und spricht aus, was die Mehrheit der Bevölkerung erwartet? Rücktritt jetzt. Schluß mit der Korruption ÜBERALL!
Nonvaio01 28.05.2015
2. sorry aber die UEFA
kann an der wiederwahl nichts machen, Blatter hat die stimmen der ganzne kleinen in der hand, bei dieser wahl zaehlt die einzelne stimme, und die wahl ist geheim. Was helfenw uerde ist ein boykott der UEFA and der WM, denn dann fehlen einfach die wichtigsten mannschaften. Die sponsoren z.b. sind fuer ca 30% der einnahmen verantwortlich, der grosse teil kommt von den TV Geldern, aber auch da sind die vertraege langfristig.
schwaebischehausfrau 28.05.2015
3. Einer so korrupt wie der Andere..
...und die europäischen Funktionäre sind keinen Deut besser, wie das Beispiel Platini eindrucksvoll zeigt. Es gibt wahrscheinlich kein WM-Austragungsland in den letzten 30 Jahren, bei dem nicht mit Geld-Kuverts nachgeholfen wurde. Ausser natürlich bei der WM 2006 in Deutschland - da war alles sauber :-).
pingjong 28.05.2015
4. Der Fisch stinkt vom Kopf
Ich lach mich schlapp über die Rede des feinen Herrn Blatter. Ich vermute er glaubt seine Märchen noch selber. Hoffentlich sagt einer der Beschuldigten gegen ihn aus, denn Blatter gehört definitiv hinter Gitter. Man sollte, sofern es dann so kommt die nächste WM in Katar einfach mal boykottieren! Aber der Mensch will ja lieber unterhalten werden....
schleuderfritzwaldorf 28.05.2015
5. Foul!! Scheich Ahmad.
Bitte nicht immer Rassismus bemühen wenn etwas nicht zum Vorteil der islamischen bzw. arabischen Welt läuft. Übrigens macht es die Mitspieler misstrauisch,wenn im entscheidenden Moment,immer die selbe Trumpfkarte gezogen wird. Doch menschlich irgendwie verständlich,denn dieser Trick funktioniert seit Jahrzehnten phantastisch. So wie das System FIFA.
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