Fifa-Prozess in New York Die Halsabschneider

Schmiergeld in dreistelliger Millionenhöhe, ein toter Beschuldigter, ein Kronzeuge in Angst: Der Prozess um frühere Fifa-Funktionäre in New York offenbart den ganzen Sumpf der Fußball-Korruption.

Ehemalige Fifa-Funktionäre Marin, Naput und Burga
AFP

Ehemalige Fifa-Funktionäre Marin, Naput und Burga

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Die Geste ist eindeutig, man versteht sie auf der ganzen Welt. Wer sich mit dem Finger quer über den Hals fährt, will damit jemandem drohen, dass sein Leben auf dem Spiel stehe. Es ist die Geste eines Halsabschneiders. Manuel Burga hat diese Geste am Donnerstag gemacht, Burga ist Angeklagter im großen New Yorker Schmiergeldprozess um illegale Zahlungen im Weltfußball, und er tat dies in Richtung des Zeugen, der ihn und seine Mitangeklagten vor Gericht schwer belastet.

Wenn es um die Fifa geht, erinnert mittlerweile vieles an einen schlechten Mafiafilm.

Seit Dienstag sitzen im New Yorker Stadtteil Brooklyn die Paten des südamerikanischen Fußballs auf der Anklagebank. Burga, der ehemalige Fußballchef Perus, der mittlerweile 85-jährige ehemalige brasilianische Verbandsboss Jose Maria Marin und Jose Maria Napout, ehemaliger Fifa-Vizepräsident und Chef des südamerikanischen Kontinentalverbandes Conmebol. Einst mächtige Männer, alle drei sind den US-Ermittlern im Rahmen ihrer Fahndung in Sachen Fifa-Korruption ins Netz gegangen, und schon die ersten Prozesstage offenbaren, welch Sumpf sich dort auftut.

160 Millionen Dollar Schmiergeld

Dass es zu diesem Prozess überhaupt kommt, haben die Ermittler auch Alejandro Burzaco zu verdanken. Auch kein Kind von Traurigkeit. Er war Chef der Sportmarketingfirma Torneos y Competencias, die mit Fernsehrechten der WM-Turniere dealt. Auch der Argentinier steckte tief drin im Sumpf. Aber er hat irgendwann beschlossen: Wenn er auspackt und sich als Kronzeuge zur Verfügung stellt, dann kann er sich vielleicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf herausziehen.

Also redete Burzaco seit 2015, und er redet jetzt auch vor Gericht. Satte 160 Millionen Dollar will er seit 2004 an Schmiergeld gezahlt haben, damit die TV-Rechte da landen, wo sie landen sollten, sagte er am Freitag. Alle an der Spitze der Verbände hätten die Hand aufgehalten, Burga, Napout, Marin, vor allem aber Julio Grondona, der Landsmann von Burzaco. Grondona war über Jahre so etwas wie die rechte Hand von Fifa-Boss Joseph Blatter, er kümmerte sich als Vizepräsident der Fifa-Exekutive passenderweise um die Finanzen des Weltverbands.

Juan Angel Napout erscheint in Begleitung vor Gericht
AFP

Juan Angel Napout erscheint in Begleitung vor Gericht

Grondona kann nicht mehr belangt werden, er ist 2014 gestorben. Aber andere dürfen durchaus fürchten, was Burzaco noch alles zu erzählen hat. Nicolas Leoz zum Beispiel, auch ein Big Boss früherer Zeiten, einer vom Stamme Nimm, Mitglied der berüchtigten Fifa-Exekutive, Verbandsboss in Paraguay. Der 89-Jährige hat sich bisher mit Händen und Füßen gegen eine Auslieferung in die USA gewehrt. das wird ihm nichts mehr nützen. Ein Gericht in Asunción hat am Mittwoch dem Ersuchen der US-Behörden stattgegeben.

Was Burzaco weiß und was er sagt, kann daher nicht nur dem Trio, das derzeit auf der Anklagebank sitzt, nicht gefallen. Insgesamt sind 42 frühere Fußballfunktionäre angeklagt, das Netzwerk der Schamlosigkeit, das sie betrieben, reicht weit über Südamerika hinaus, es reicht nach Trinidad, wo der Blatter-Vertraute Jack Warner Selbstbereicherung in größtem Stil betrieb, es reicht nach Afrika, es reicht in die Fifa-Zentrale nach Zürich. Es geht schließlich nicht nur um TV-Rechte, auch die umstrittene Vergabe der Fußball-WM 2022 an Katar ist Gegenstand der Verhandlung. Leoz, Grondona und der frühere brasilianische Fifa-Funktionär Ricardo Teixeira sollen sich ihre Abstimmung pro Katar mit einer Millionenzahlung haben bezahlen lassen, sagt Burzaco.

Ungeklärter Todesfall in Argentinien

Einer der Beschuldigten, der Argentinier Jorge Delhon, kann nicht mehr vor Gericht erscheinen: Er hat sich, so heißt es zumindest, in dieser Woche vor den Zug geworfen. Ob es wirklich ein Suizid war, das weiß niemand. Die Vorsitzende Richterin in New York, Pamela Chen, hat jedenfalls Zweifel an der offiziellen Version angemeldet. Vielleicht sollte auch ein lästiger Zeuge unschädlich gemacht werden. Man hält mittlerweile alles für möglich.

Der Prozess im Schwurgerichtssaal von Brooklyn ist über Monate angelegt, fast täglich wird verhandelt, und jeden Tag kommen neue Unappetitlichkeiten ans Tageslicht. Da ist noch kein Ende abzusehen.

Der Verteidiger von Manuel Burga hat übrigens abgestritten, dass sein Mandant die Halsabschneidergeste gemacht habe. Burga habe sich lediglich am Hals gekratzt, er leide an einer Hautkrankheit. Um Ausreden sind diese Fußballfunktionäre nie verlegen.



insgesamt 38 Beiträge
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sir wilfried 17.11.2017
1. Sanktionen wären das Mindeste
Wird eine kriminelle Vereinigung nicht normalerweise verboten, ihre Mitglieder verhaftet und ihr gesamtes Vermögen eingezogen? OK, ein Anfang wird immerhin gemacht - nach Jahrzehnten, in denen die Machenschaften der FIFA und der ihr angeschlossenen Verbände offensichtlich waren. Kein öffentlich-rechtlicher Sender sollte auch nur einen Euro für Übertragungsrechte mehr zahlen dürfen. Solche Sanktionen wären effektiver, als der Hydra den einen oder anderen Kopf abzuschlagen.
spon-facebook-10000523851 17.11.2017
2. Da gibt's nur eins....
professionellen "Sport" mit seinen Soeldnerheeren und Grossverdienern einstampfen. Egal wo man hinsieht, von den Plympiade buis hin zur NFL, FIFA, FI usw.....nur Korruption, Bestechung und ungerechtfertigte Bereicherung. Es geht doch da gar nicht mehr um Sport sondern nur noch um Kohle. Sport ist das notwendige Beiprodukt.
GerhardFeder 17.11.2017
3. Und wir alle sind Mitschuldige ...
... denn mit unseren Steuergeldern und "Rundfunkbeiträgen" wird dieser ganze Sumpf mitfinanziert. Wann wacht die für unser Geld verantwortliche Kleinstaaten (d.h. Bundesländer) Politclique endlich auf und macht Schluss mit Schwindel, Betrug, Korruption, Kriminalität etc.
Hebbe29 17.11.2017
4. Warum?
Warum sind es eigentlich nur die Amerikaner, die sich um die mafiösen Verhältnisse in der FIFA kümmern? War Korruption wirklich nur in Südamerika? Wie sieht es in Deutschland aus? Werden bei uns auch Gerichte aktiv oder gibt es bei uns nur weiße Westen? Es haben ja nicht nur Südamerikaner und Afrikaner für Katar gestimmt.
Warum 17.11.2017
5. Ecuador
Fehlt noch Luis Chiriboga Acosta aus Ecuador. Expresident des Ecuadorianischen Fussballverbandes. Der sitzt in Hausarrest da er über 65Jahre alt ist und so nicht ausgeliefert werden kann. Die Liste lässt sich unendlich weiterspinnen.
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