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Blatter im Fifa-Machtkampf: Wie es ihm gefällt

Aus Zürich berichtet

Fifa-Chef Blatter: "Werde das Ansehen der Fifa wieder herstellen" Zur Großansicht
Getty Images

Fifa-Chef Blatter: "Werde das Ansehen der Fifa wieder herstellen"

Realitätsfern und selbstverliebt trat Joseph Blatter nach einer Sitzung der Fifa-Exekutive auf. Und präsentierte seine ganz eigene Interpretation der vergangenen Skandaljahre. Seinen Gegner Michel Platini ließ er abblitzen.

Simon Brodkin hatte zweifellos den spektakulärsten Auftritt am Montagnachmittag im Home of Fifa. Der britische Komiker ließ vor der Pressekonferenz des Fußball-Weltverbands Geldscheine auf Joseph Blatter herabregnen. Eine Szene, die unvergessen bleiben dürfte.

Brodkin war mit einer Journalisten-Akkreditierung in den Saal gelangt und hatte Blatter mit dem Falschgeld beworfen, um damit die Vergabe der Fußball-WM 2026 nach Nordkorea zu sichern, wie er später twitterte. Blatter rief erst nach seiner Security, dann verschob er die Pressekonferenz um einige Minuten. Er wolle erst den Raum säubern lassen, erklärte Blatter. Und ab diesem Moment war nicht mehr Brodkin der Komiker, sondern der 79-jährige Schweizer, der am 2. Juni an gleicher Stelle seinen Rücktritt als Fifa-Präsident angekündigt hatte.

Er sei doch gar nicht zurückgetreten, sagte Blatter wenig später: "Ich bin noch immer Präsident, und ich werde das Ansehen der Fifa wieder herstellen." Sein Auftritt war eine One-Man-Show, kein anderes Exekutivmitglied präsentierte sich. Blatters rechte Hand, Generalsekretär Jérôme Valcke, bei derlei Terminen sonst stets auf dem Podium, war bereits in St. Petersburg. Dort werden am Samstag die Gruppen für die WM-Qualifikation 2018 ausgelost.

Auch Blatter fliegt nach Russland, dort darf er sich sicher fühlen. Auf eine Reise zur Frauen-WM nach Kanada hatte er dagegen verzichtet, aus Angst, in die Fänge der US-amerikanischen Justiz zu geraten. "Nur weil der Präsident nicht gereist ist, standen die Räder in der Fifa doch nicht still", sagte Blatter. Er habe nur mal eben "den Ball ins Aus gespielt, damit sich im Fußball etwas ändern kann". Nun sei die Fifa auf dem richtigen Weg.

Wenn man Blatter richtig versteht, dann waren die Jahre seit den skandalumtosten WM-Vergaben an Russland und Katar und den vielen belegten Korruptionsfällen, die das Bild vom kriminellen Fifa-System vervollständigten, ein einziger großer Reformprozess - geführt von ihm, gegen die Widerstände aus Europa.

Und dann fielen die bekannten Vokabeln "meine Mission" (noch nicht beendet), "Emotion" (gern zeigt er dabei auf seine Unterarme, doch Gänsehaut hatte er diesmal nicht), "Hoffnung" und "Frieden". Es war ein typischer Blatter. Es war einer seiner wenigen absurd-souveränen Auftritte. Es war bizarr. Es war ein Panoptikum. Es war ein Kontrapunkt mehr zu den Bekanntmachungen der Schweizer Bundesanwaltschaft, die wegen Korruptionsverdacht, Geldwäsche und letztlich Wirtschaftskriminalität ermittelt, zur Resolution des Europaparlaments, zur Anhörung im US-Senat vergangene Woche in Washington, als die Fifa vom demokratischen Senator Richard Blumenthal als Mafia-artiges Verbrechersyndikat bezeichnet wurde, und zu den Stellungnahmen einer Allianz verschiedener Nichtregierungsorganisationen und Kampagnengruppen wenige Stunden zuvor in Zürich.

DPA

Die Initiative New Fifa now, der Weltgewerkschaftsbund IGB, Transparency International und das Netzwerk Avaaz fordern Blatters sofortigen Rücktritt, die Neubesetzung aller wichtigen Funktionen und vor allem die Einsetzung einer unabhängigen Kommission, die die Fifa in die Legalität überführen soll.

All dies wurde von Blatters Auftritt karikiert. Sein realitätsferner, selbstverliebter Auftritt vor der Weltpresse bewies letztlich auch, dass es in der Fifa-Führung keine ernstzunehmende Opposition gibt. Uefa-Präsident Michel Platini, der Katar-Sympathisant, der gern Fifa-Präsident werden will, und sein Vertrauter Wolfgang Niersbach blieben einmal mehr stumm. Niersbach und Platini, der seinen Propagandachef Pedro Pinto sprechen ließ, verkauften die Dringlichkeitssitzung sogar irgendwie als Erfolg.

Doch die verbalen Kapriolen der Uefa-Truppe kann man getrost vergessen. Blatter hat sie einmal mehr vorgeführt, gemeinsam mit den Afrikanern. Nun wird mal wieder eine Kommission einberufen, es müsste die siebte in wenigen Jahren sein, die all jene Satzungsänderungen, die maßgeblich von der Uefa (inklusive Niersbach) boykottiert wurden, bis zum außerordentlichen Kongress zur erneuten Abstimmung vorlegen soll. Dazu zählen die Amtszeitbeschränkung für den Präsidenten und andere Würdenträger, Altersbegrenzungen und der sogenannte Integritätscheck, den derzeit gewissermaßen das FBI und die Schweizer Justiz übernehmen.

Nicht schon im Dezember, auch nicht im Januar, wie zwischenzeitlich diskutiert wurde, sondern erst am 26. Februar 2016 wird der neue Fifa-Präsident gewählt. Blatter ließ sich immerhin die Sätze entlocken, dass er nicht antreten und sich ab dem 27. Februar 2016 anderen Themen widmen werde. Er wolle als Radiojournalist arbeiten und sich geopolitischen Themen widmen. Im März 2016 wird er 80 Jahre alt, er muss dann auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) verlassen, dessen Mitglied er als Fifa-Boss automatisch ist.

Platini will sich bis Ende August bekennen

Der Wahltermin fällt nun auf eines von vielen Blatter-Jubiläen. Denn Ende Februar 1976 hat er einst mit einem Entwicklungshilfe-Seminar in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba sein erstes größeres Projekt für die Fifa begonnen. An jene Tage kurz vor dem Afrika-Cup 1976 hat Blatter oft erinnert. Zum 40. Jahrestag tritt er ab, und man kann sich vorstellen, dass ihn der Kongress einmal mehr als Heilsbringer feiern wird. Die Fifa ist und bleibt eine Parallelgesellschaft.

Platinis Kommunikationschef Pedro Pinto versprach in Zürich eine baldige Entscheidung seines Arbeitgebers, ob er für den Fifa-Vorsitz zur Verfügung steht. Bis zur Auslosung der Champions League Ende August wird er sich bekennen - vor einem Jahr wich er dem Kampf gegen Blatter aus.

Will Platini nun kandidieren, und hat er sich tatsächlich mit dem einflussreichen Scheich Ahmad Al-Sabah aus Kuwait arrangiert? Das sind Fragen, die ein Teil der internationalen Presse hingebungsvoll debattiert. Aber es sind in diesen Tagen nicht die entscheidenden Fragen: Die Fifa wird von den Ermittlungen der Bundesbehörden in den USA und in der Schweiz getrieben. Die derzeitige Fifa-Führung hat ihr Schicksal nicht mehr in der Hand, so sehr Blatter in Zürich nun auch den Eindruck erwecken wollte, den Prozess angeblicher Reformen beeinflussen zu können.

Über die Zukunft der Fifa entscheidet letztlich die Justiz. Und das ist eine gute Nachricht für den Fußball.

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1. Das grösste Dilemma ist
Erich91 20.07.2015
das sich in dem ganzen Verbund weit und breit kein annähernd geeigneter Kandidat für die Vorsitz befindet, und auch der Restvorstand normalerweise neu bestellt werden müsste. Und die großen Blabla Mäner, auch Herr Niersbach gehört dazu, eigtl. nix zur Neuordnung beitragen können. Also machen wir wie gehabt weiter, es sei denn die Justiz beendet irgendwann dieses Schmierentheater. Leider ist damit aber auch nicht zu rechnen, weil die Schweizer ermitteln schon seit 20 Jahren. Leider wollten oder sollten die auch nichts finden. Die Hoffnung beruht leider nur auch den Ermittlungen der USA. Und da ist immer noch das Allheilmittel, Geld heilt alle Wunden.
2. Diese Schmierenkomödie...
Airkraft 20.07.2015
Diese Schmierenkomödie wird vermutlich erst enden wenn man ihn raus trägt oder er an die "AMIS" ausgeliefert worden ist ;-)
3.
kuac 20.07.2015
Kann denn niemand dieses Blatter-Spiel beenden?
4. schlechter Kommentar und voller Neid
nofreemen 20.07.2015
Kein Blatter Nachfolger weit und breit in Sicht. Aber man will unbeding einen anderen Präsidenten. Den werdet ihr erhalten. Viel Glück.
5. Nochmals
slade 20.07.2015
wenn welt-sponsoren sich distanzieren( was ja bereits geschieht) wird eine veränderung stattfinden: ich spreche aber direkt, als deutsches unternehmen, adidas (hr. hainer) an. Hier muss schleunigst stellung bezogen werden. Und wenn der DFB (hr. niersbach) mal kante zeigt, und dies nicht nur von U-X Verteidigern fordert, ist vieles moralisch möglich
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Die Präsidenten der Fifa
Amtszeit Präsident
1904-1906 Robert Guérin (Frankreich)
1906-1918 Daniel B. Woolfall (England)
1921-1954 Jules Rimet (Frankreich)
1954-1955 Rodolphe W. Seeldrayers (Belgien)
1955-1961 Arthur Drewry (England)
1961-1974 Stanley Rous (England)
1974-1998 João Havelange (Brasilien)
seit 1998 Joseph Blatter (Schweiz)


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