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Wettmanipulation: "Der Fußball muss seine Naivität ablegen"

Fifa-Sicherheitschef Mutschke: "Wir sind nicht die Weltpolizei" Zur Großansicht
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Fifa-Sicherheitschef Mutschke: "Wir sind nicht die Weltpolizei"

Bedrohte Spieler, getötete Funktionäre, immer neue, brutalere Syndikate - im Interview schildert Fifa-Sicherheitschef Ralf Mutschke, wie tief die Organisierte Kriminalität mittlerweile im Bereich der Spielmanipulation angekommen ist.

SPIEGEL ONLINE Fußball
33 Jahre lang hat Ralf Mutschke die Schwerbrecher der Organisierten Kriminalität gejagt. Der in Kaiserslautern geborene Pfälzer arbeitete in leitenden Funktionen für das Bundeskriminalamt (BKA), später auch für die Weltpolizei Interpol in Lyon. Allein zehn Jahre seiner Karriere ermittelte Mutschke im Bereich der Drogenkriminalität, mit synthetischem Rauschgift als Schwerpunkt. Auch die Aufklärung von Wirtschaftsdelikten und von Korruptionsfällen gehörte in sein Portfolio. Genau diese Vielseitigkeit im Bereich der Verbrechensbekämpfung und seine bei Interpol geknüpften internationalen Netzwerke machten ihn für den Fußballweltverband Fifa interessant.

Als Chris Eaton Anfang 2012 seinen Abschied erklärte, übernahm Mutschke wenige Monate später die Stelle als Sicherheitschef der Fifa. Der 54-Jährige tauschte die Dienstwaffe gegen einen Schreibtisch und zog nach Zürich. Sein Aufgabenprofil ist weit gefasst, er ist für die "Wahrung der Integrität des Fußballs" verantwortlich, kümmert sich damit intensiv um alle Manipulations- und Betrugsfälle. Seitdem gibt es bei der Fifa auch eine neue Sicherheitspolitik.

Während Eaton viele Spielmanipulationen selbst aufzuklären versuchte, sieht Mutschke seine Aufgabe verstärkt in der Präventionsarbeit. So installierte er als eine seiner ersten Amtshandlung ein telefonisches Meldesystem für von Manipulationsversuchen betroffene Spieler. Die Stärkung von Netzwerken zwischen den einzelnen Verbänden, Vereinen und Polizeien sowie Staatsanwaltschaften hat für ihn höchste Priorität.

Mutschke spielte früher selbst Fußball, mit den Sportfreunde Seligenstadt, Rot-Weiß Frankfurt und dem SV Wiesbaden schaffte er es dabei bis zur höchsten Amateurklasse.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren 33 Jahre beim BKA tätig. Welche inhaltlichen Parallelen gibt es zwischen dem Drogengeschäft und der Wettmanipulation?

Mutschke: Beim Kokainhandel gab es mit Pablo Escobar eine Person, die im kriminellen Bereich das Maß der Dinge war. Bei der Spielmanipulation ist es anscheinend Dan Tan. Wobei die beiden nicht auf ein Niveau zu stellen sind, da gibt es schon erhebliche Unterschiede. Aber die Art, wie ihre Netzwerke funktionieren, ist ähnlich.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie neben dem Singapurer Syndikat um Dan Tan weitere global operierende Wettbetrugsklans?

Mutschke: Auf jeden Fall. Es ist zudem so: Wenn ein Spielfixer - auch aus den Führungszentren - verhaftet wird, ist sofort ein anderer da, der die Rolle ausfüllt. Wir sehen Syndikate in Asien, Europa und auch in Amerika. Dan Tan war zudem keineswegs der große Kopf dieser Gruppe.

SPIEGEL ONLINE: Viele Ermittler sehen das anders. Für sie ist Tan das Hirn hinter dem Singapurer Syndikat.

Mutschke: Als Finanzier besitzt er sicher eine entscheidende Funktion und seine Leute manipulierten weltweit Fußballspiele. Aber über ihm gibt es andere Entscheidungsträger, die bislang öffentlich noch kein Gesicht haben. Diese werden sich nun jemand anderen suchen, den sie für ihre Zwecke einspannen können.

SPIEGEL ONLINE: Perumal, Ante Sapina, Dan Tan und auch der große asiatische Wettbetrüger Rajendran Kurusamy sind direkt nach ihren Haftstrafen wieder zu Wettbetrügern geworden. Wie kann man diese Rückfälle verhindern?

Mutschke: So wie Rauschgifthändler zurückkommen, so kommen auch Wettbetrüger irgendwann zurück. Wann sie zurückkommen hängt lediglich von der Dauer ihrer Haftstrafe ab. Und da aufgrund der undefinierten Gesetzeslage jeder noch so große Wettmanipulateur viel milder bestraft wird als der kleinste Rauschgifthändler, können Spielfixer die Gefängnisse eben deutlich schneller verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Das wirkt, als gäbe es gar kein Rezept gegen Wettbetrug.

Mutschke: Trotzdem wehren wir uns. Die Fifa arbeitet im Präventionsbereich sehr akribisch und erfolgreich. Wir schaffen Netzwerke, die einen Austausch zwischen Spielern, Vereinen, Verbänden und der Polizei und Staatsanwaltschaft ermöglichen. Wir bieten sogar über Interpol Fortbildungen für Strafermittlungseinheiten an.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Kritiker, die sagen, die Fifa würde das Thema Spielmanipulationen zu wenig angehen und zu langsam Ergebnisse liefern.

Mutschke: Ich habe hier in den vergangenen Monaten ein Mammutprogramm abgespult, wir nehmen das Thema sehr ernst. Aber die Fifa kann nicht die kriminellen Organisationen dieser Welt jagen oder strafrechtlich belangen. Wir sind nicht die Weltpolizei. Wir müssen uns auf die Anwerbung von Spielmanipulationen konzentrieren, auf die Sportler, die Geld annehmen. Diese können wir sportrechtlich belangen.

SPIEGEL ONLINE: Wie läuft denn die Präventionsarbeit konkret ab?

Mutschke: Ich sage den Vereinen und Verbänden immer: Schaut euch in eurem Umfeld um. Wer gehört hier nicht hin? Wer ist neu? Macht diese Personen ausfindig, sprecht mit uns darüber. Wir haben in einem Verband ganz tolle Ergebnisse erzielt, weil ein Manipulateur, der dem Team ständig hinterher gereist ist und sich in den gleichen Hotels und Bars wie die Spieler aufgehalten hat, abfotografiert wurde. Uns wurden diese Bilder zur Verfügung gestellt, und wir konnten die Person anhand unserer Vorergebnisse identifizieren und dies der Polizei weitergeben. Am Ende wurden sogar strafrechtliche Konsequenzen gezogen.

SPIEGEL ONLINE: Sind solche Ergebnisse eher die Ausnahme?

Mutschke: Wir haben schon einige solcher Treffer. So haben uns japanische Schiedsrichter ein Fax geschickt und uns darüber informiert, dass sie angesprochen wurden. Diese Reaktion muss die Regel und nicht die Ausnahme darstellen. Unsere Präventionsarbeit besteht darin, den Fußball wachzurütteln. Auch gegenüber neuen Sponsoren, die viel versprechen, wie beispielsweise Transfers von leistungsstarken Spielern. Dass dies zum Bumerang werden kann, haben wir zuletzt durch die Unterwanderung einzelner Clubs gesehen. Der Fußball muss seine Naivität ablegen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es denn mit der Naivität der Fifa aus? Immerhin kooperieren Sie seit einiger Zeit mit dem englischen Wettunternehmen Samvo. In den Akten der Bochumer Staatsanwaltschaft finden sich unzählige Hinweise darauf, dass mindestens zwei Mitarbeiter der Firma in die Wettmanipulationen der Gruppe um Ante Sapina involviert waren.

Mutschke: Die Einbindung der Wettanbieter ist ein wichtiger Bestandteil unserer Initiative. Sie stellen für uns eine Informationsquelle dar und helfen beim Monitoring von Fußballspielen. Wir kooperieren mit Samvo und wissen, dass sie ebenfalls sehr daran interessiert sind, die schwarzen Schafe aus dem Unternehmen zu verbannen.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist es nicht eine paradoxe Form der Doppelmoral? Auf der einen Seite verurteilt man Wettmanipulation, auf der anderen Seite werden finanziell potente Wettanbieter nahezu in jedem Bereich des Sports mit offenen Armen empfangen.

Mutschke: Es ist schon richtig, dass Wettmanipulation gerade auch über den globalen Wettmarkt gefördert wird. Je größer die Umsätze, desto größer die Verlockungen. Und trotzdem sind nicht alle Wettfirmen schlecht. Wir müssen da zwischen lizenzierten und nicht lizenzierten Wettanbietern unterscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Nach Informationen des SPIEGEL gibt es in einem internen Protokoll der italienischen Ermittler den Hinweis, dass die neugegründete Jugend-Champions-League besonders gefährdet sein soll.

Mutschke: Wir wissen, dass auch unsere Jugendturniere gefährdet sind. Wir hatten auch Hinweise, dass Jugendspieler von Wettmanipulateuren angesprochen wurden. Nicht nur Perumals Gruppe war da sehr aggressiv. Die haben noch vor wenigen Jahren afrikanische Kinder und Jugendliche nach Europa gebracht und ihnen hier Perspektiven geschaffen. Warum wohl? Sobald das erste Nachwuchstalent im wichtigen Fußballsektor - das können bereits Junioren-Nationalspiele sein - auftauchte, wurde versucht, mit ihm Spiele zu manipulieren. Das machen andere Gruppen heute nicht anders als Perumal damals. Spielmanipulation fängt nicht im Profibereich an, auch die Jugend-, Junioren und Amateurbereiche stehen im Fokus.

SPIEGEL ONLINE: Wenden sich betroffene Jugendspieler an die Fifa?

Mutschke: Das passiert vereinzelt. Ein Fall ist mir aber besonders im Gedächtnis geblieben. Ein Nachwuchstalent, Anfang 20 Jahre, aus einer europäischen ersten Liga, kurz vor dem Sprung zum Nationalspieler, rief uns an und sagte, dass sein Verein ihn in die Spielmanipulation hineindrücken würde. Der hatte Angst um seine Karriere, der Verein drohte ihm, dass er auf die Tribüne muss, wenn er nicht gewillt ist zu manipulieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie reagiert?

Mutschke: Wir haben uns intensiv damit beschäftigt. Dazu gehört, dass man sich die Strukturen des jeweiligen Verbandes anschaut, feststellt, welche Strafverfolgungsbehörde man kennt, mit wem eine Zusammenarbeit möglich ist. Denn in erster Linie müssen wir eines tun: Die Anonymität und Sicherheit des Spielers wahren. Das ist uns in dem Fall gut gelungen, weil Spielmanipulation in dem betroffenen Verein kein strukturelles sondern ein individuelles Problem war. Wir konnten also die Quelle für den Betrugsgrund lokalisieren und ein Verfahren einleiten.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Ermittler, die davon sprechen, dass Wettmanipulateure mit grober Gewaltanwendung gegen Sportler vorgehen.

Mutschke: Wir hören und sehen diese Bedrohungsszenarien ebenfalls. Das geht soweit, dass wir sogar von ermordeten Funktionären und körperlich angegriffenen Spielern erfahren haben, die sich zuvor auf Wettmanipulationen einließen. Das ist absolut kein Jojo-Spiel, hier geht es um viele Millionen, da hört für die organisierte Kriminalität der Spaß einfach auf.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie Spielern, die von Matchfixern angesprochen werden?

Mutschke: Sofort an den jeweiligen Verein, Verband oder auch die Fifa wenden, uns davon berichten. Auf keinen Fall auf die Angebote eingehen, nicht ein einziges Mal, auch wenn das Spiel noch so unbedeutend ist. Wer einmal in die Fänge der Wettmafia gerät, ist erpressbar. Ausstieg ist dann keine Option mehr, der Druck wird von allen Seiten zu groß.

Das Interview führte Rafael Buschmann

Lesen Sie mehr zum Thema Wettmanipulation im Fußball im aktuellen SPIEGEL: "Pakt mit dem Paten"

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insgesamt 21 Beiträge
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1.
testthewest 14.10.2013
Zitat von sysopREUTERSBedrohte Spieler, getötete Funktionäre, immer neue, brutalere Syndikate - im Interview schildert Fifa-Sicherheitschef Ralf Mutschke, wie tief die Organisierte Kriminalität mittlerweile im Bereich der Spielmanipulation angekommen ist. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fifa-sicherheitschef-mutschke-im-interview-ueber-wettmanipulation-a-927561.html
Was ich mich wunder: Wer bietet denn noch Wetten denn noch auf solche unbedeutenden Spiele an? Das lohnt sich doch für die meisten Wettanbieter kaum!
2.
Ostwestfale 14.10.2013
Zitat von testthewestWas ich mich wunder: Wer bietet denn noch Wetten denn noch auf solche unbedeutenden Spiele an? Das lohnt sich doch für die meisten Wettanbieter kaum!
In Asien kann man glaub´ich auf alles wetten. Das ist der Hauptmarkt für Wetten.Genau kenne ich mich da aber nicht aus. Absurd finde ich die Frage nach der vermeintlichen Doppelmoral durch die Kooperation mit den Wettanbietern. Die Anbieter sind doch diejenigen, die am meisten daran interessiert sind, Manipulation zu verhindern.
3. Einfache Lösung
skeptiker53 14.10.2013
Wettmanipulation wäre völlig unmöglich, wenn man nur Wetten abschließen könnte über Erreignisse, denen kein Mensch noch beeinflüssen kann (z.B. Lottoziehung live mit Gerichtsvollzieher, besser noch Vulkanausbrüche oder Erdbeben). Sportwetten sind und werden auch im Zukunft unausweichlich anfällig bleiben für Manipulation, weil man Wetten erlaubt auf Geschehnisse, denen durch Spielern und Schiedsrichtern beeinflussbar sind. Also einfache Lösung: weltweites Verbot von Sportwetten. Gegenargument: der "einfache Sportwetten-Junkie" wird weiterhin (illegal) Wetten abschließen. Das stimmt, aber die große Wettmanipulierer können dann wohl keine (große) Gewinne mehr abkassieren von legalen Anbietern.
4. optional
sincere 14.10.2013
wieso wird hier von Naivität gesprochen? die wissen doch alle genaustens bescheid. bei all dem was hier vorfällt kann man hier nicht mehr von Naivität sprechen.
5. Doppelmoral
kascnik 14.10.2013
oder besser gesagt "Wasser predigen und Wein saufen". Das Credo der FIFA und so manchen Verbandes. Ohne Grundlage eines handfesten Beweises (hätte ich den, müsste ich mir ernsthfat Sorgen machen um meine Gesundheit) ist es so absurd wenn die FIFA von Spielmanipulationen spricht. Man sollte die WM-Vergabe in Erinnerung behalten. Oder in Deutschland: der zweifelhafte Abstiegskampf der vorherigen Saison, die Rettung VW Wolfsburgs vor 3 Jahren. Der erst in der Presse nicht stattfindende Höhenflug des Karlsruher SC 2007(28 Punkte zur 1.Liga-Hinrunde) und dann deren Abstieg mit dem zeitgleichen Höhenflug von Hoffenheim(Wunder von Hoffenheim,33 Punkte Hinrunde 1.Liga 2008). In meinen Augen wird seit Jahren, auch in Deutschland, seitens der Verbände unter Mithilfe mancher Medien (ZDF) genug manipuliert um finanzstarke Unternehmen von weltweitem Namen (VW,SAP,RED BULL) ins Fußballgeschäft zu bringen-->Milliardengeschäft!
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