Bonuszahlungen Fifa überwies 71 Millionen Euro an Blatter und andere Top-Funktionäre

Es sind unglaubliche Zahlen: Um mindestens 71 Millionen Euro sollen sich Top-Fifa-Funktionäre um Joseph Blatter bereichert haben. Das geht aus Untersuchungen einer Kanzlei hervor.

Fifa-Zentrale in Zürich
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Fifa-Zentrale in Zürich


Die Aufklärung des Fifa-Systems sorgt für weitere spektakuläre Enthüllungen. Nachdem am Donnerstag die Schweizer Bundesanwaltschaft das Hauptquartier des Fußball-Weltverbandes und besonders das Büro des vor wenigen Tagen entlassenen Interim-Generalsekretärs Markus Kattner durchsuchte hatte, ging die Fifa am Freitag in die Offensive.

Zwei Anwälte der Kanzlei Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan, die den Weltverband seit Mitte 2015 quasi unter Zwangsverwaltung hat, gaben auf einer Telefonkonferenz atemraubende Zahlen bekannt: Allein in den vergangenen fünf Jahren haben demnach der langjährige Präsident Joseph Blatter (Schweiz), Generalsekretär Jérôme Valcke (Frankreich) und Finanzchef Markus Kattner (Deutschland/Schweiz) mindestens 79 Millionen Schweizer Franken kassiert. Diese Zahl könnte sich nach weiteren Ermittlungen noch erhöhen, erklärten die Anwälte William Burck (USA) und Thomas Werlen (Schweiz). Die Unterlagen seien der Schweizer Bundesanwaltschaft und dem US-Justizministerium übergeben worden. Burck sprach von koordinierter Selbstbereicherung des ehemaligen Fifa-Führungstrios. Blatters US-Anwalt Richard Cullen bezeichnete die Zahlungen an den Ex-Präsidenten in einem Statement am Abend hingegen als angemessen und "fair".

Auffallend ist, dass die Anwälte den Fifa-Rechtsdirektor Marco Villiger, der neben Blatter, Valcke und Kattner als viertmächtigster Mann der Fifa-Administration galt, ausdrücklich aus der Schusslinie nahmen. Der Rechtsabteilung hätten viele Sonderabsprachen zu den Verträgen nicht vorgelegen, hieß es zur Begründung. Burck wies den Vorwurf zurück, die neuen Enthüllungen seien platziert worden, um von dubiosen Aktionen des Fifa-Präsidenten Gianni Infantino abzulenken.

Krimineller Selbstbedienungsladen

Die von den Anwälten präsentierten Unterlagen beschreiben die Fifa-Führung als kriminellen Selbstbedienungsladen. Demnach hat sich die Führungscrew untereinander die Verträge zugeschanzt, unterschrieben und gleichzeitig als höchste Instanz abgesegnet. Beteiligt waren laut den Dokumenten der langjährige, inzwischen verstorbene Finanzchef Julio Grondona aus Argentinien und Issa Hayatou aus Kamerun, der die Fifa nach der Sperre von Blatter vom Herbst 2015 bis 2016 übergangsweise geführt hatte.

In Erklärungsnot gerät aber auch der im Mai zurückgetretene Chef der Compliance-Kommission, Domenico Scala (Schweiz). Denn Scala war Ende Mai 2015 daran beteiligt, dem nunmehr entlassenen Kattner den Arbeitsvertrag von 2019 bis 2023 zu verlängern. Dies geschah nur vier Tage nach den ersten spektakulären Verhaftungen in Zürich und in den USA - und zwei Tage nach der dubiosen Wiederwahl von Joseph Blatter. Am 30. Mai 2015, nur eine Nacht nach Blatters Sieg gegen den Herausforderer Prinz Ali, genehmigten Hayatou und Valcke ausweislich der Unterlagen ihrem Freund Blatter einen neuen Vertrag: drei Millionen Franken Jahresgehalt zuzüglich Bonus von maximal 1,5 Millionen jährlich - und als Krönung maximal weitere zwölf Millionen zum Ende der vierjährigen Amtszeit. Blatter wäre also von 2015 bis 2019 auf Einnahmen von 30 Millionen Franken gekommen.

Strafrechtliche Ermittlungen beginnen erst

Atemraubend sind auch die Boni, die sich Blatter, Valcke und Kattner für Fußballweltmeisterschaften genehmigt haben sollen - teilweise wurden die Verträge laut den nun veröffentlichten Unterlagen erst nach Turnieren unterschrieben. Für die WM in Südafrika kassierte Blatter demnach eine Prämie von elf Millionen Franken, Valcke kassierte neun Millionen, Kattner drei Millionen. Laut den Anwälten unterschrieb Blatter die Auszahlung für Valcke, Blatter und Valcke unterschrieben die Zahlung an Kattner, Valcke und Grondona unterschrieben für Blatters Bonus. So ging das über Jahre in einem fort. Die WM-Prämien für Südafrika, so erklärten die Anwälte, seien möglicherweise sogar ohne vertragliche Grundlage gezahlt worden. Die internen Ermittlungen dauern an, strafrechtliche Ermittlungen beginnen erst.

Für die WM 2014 in Brasilien kassierte Valcke nach den Unterlagen einen Bonus von zehn Millionen, Blatter zwölf Millionen und Kattner vier Millionen. Für die WM 2018 in Russland sollen Blatter und Grondona am 10. Juni 2014 weitere elf Millionen für Valcke und 4,5 Millionen für Kattner genehmigt haben. Ab 2013 wurden laut Unterlagen derlei Zusatzvereinbarungen von der Vergütungskommission um Scala abgesegnet. In den Jahren zuvor entzogen sich diese Abmachungen oftmals einer Prüfung durch die von Villiger geleitete juristische Abteilung. Villiger ist wichtigster Ansprechpartner der Anwälte von Quinn Emanuel, des US-Justizministeriums und der Schweizer Bundesanwaltschaft. Die FIifa-Bücher wurden über all die Jahre von der Firma KPMG geprüft und für gut befunden. Die Buchprüfer hatten, so stellte das Strafgericht Zug im Frühjahr 2008 fest, seinerzeit auch zur Legalisierung des ISL-Schmiergeldsystems beigetragen. Über die ISL flossen von 1989 bis 2001 mindestens 142 Millionen Franken vor allem an Fifa-Funktionäre.



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Seite 1
stefan.martens.75 03.06.2016
1. Bloss keinen Neid
Das ist leistungsgerechte Bezahlung..... Spitzenmanager sind immer jeden Cent Wert.
Rohrbruch 03.06.2016
2.
Wie die Medien auch bei längst Offensichtlichem immer wieder den Überraschten spielen... Emotionen über alles.
sir wilfried 03.06.2016
3. GEZ und FIFA: ein tolles Team
Auch wenn nur noch Krawallbrüder und Grenzdebile Eintritt in Fußballstadien zahlen, brauchen sich die Fürsten von DFB und FIFA keine Sorgen machen. Die GEZ lässt zuverlässig jedes Jahr zig Millionen Euros der Gebührenzahler rüberwachsen.
Hammelinda 03.06.2016
4.
"den Arbeitsvertrag von 2019 bis 2013 zu verlängern" sie meinen wohl nachträglich verkürzen :|
troy-mc-lure 03.06.2016
5. Da geht noch was
71 Millionen durch 3. Das sind nur 23 Millionen pro Person. Das ringt Bernd Pischetsrieder nur ein müdes Lächeln ab.
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