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30. Mai 2011, 15:03 Uhr

Fifa-Skandal

Blatters Haus ist morsch

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Die Fifa gibt ein erbärmliches Bild ab, Präsident Blatter und seine Vizes werfen sich gegenseitig Bestechung vor. Der Weltfußballverband bräuchte dringend eine neue Führung, er wird sie aber nicht bekommen. Das Interesse an einer demokratischen Fifa ist gering, solange die Einnahmen stimmen.

Man muss sich das noch einmal auf der Zunge zergehen lassen: Zwei Vizepräsidenten der Fifa sind nach Korruptionsvorwürfen vorläufig suspendiert. Die beiden Herren, Mohammed Bin Hammam aus Katar und Jack Warner aus Trinidad und Tobago, weisen alles zurück und werfen im Gegenzug ihrem Chef Joseph Blatter vor, selbst bis zum Hals in Bestechungen verstrickt zu sein. Tiefer kann die Führungskrise eines Verbands nicht sein.

Und unter diesen Vorzeichen will sich Blatter am Mittwoch in Zürich zum alten und neuen Vorsitzenden des Fußball-Weltverbands wiederwählen lassen. Jahrelang hat die Fifa gegen alle Korruptionsvorwürfe und Verschwörungstheorien dichtgehalten. Der Verband war wie eine Wagenburg, hat stets sämtliche Vorwürfe dementiert. Ein paar Wochen internen Wahlkampfs zwischen Blatter und Bin Hammam haben jetzt ausgereicht, um die Fassade niederzureißen.

Wäre die Fifa ein Gebäude, so würde man feststellen, dass seine Balken offenbar so morsch waren, dass es für den Einsturz langte, einmal von innen an ihnen zu rütteln. Blatter zeigt sich "entrüstet und schockiert" von den Ereignissen der vergangenen Wochen, dabei ist der 75-Jährige selbst der Hauptverantwortliche für den dramatischen Zustand, in dem sich die Fifa befindet. Ihm zu diesem Zeitpunkt noch eine vierte Amtszeit zu gönnen, wäre ein deutliches Zeichen dafür, dass die hochrangigen Fußballfunktionäre überhaupt kein Interesse an einer grundlegenden Reform des Verbands hätten.

Öffentlichkeit hält Korruption in der Fifa für ganz normal

Es ist dabei letztlich gar nicht so erheblich, wer wann wo bestochen hat. Dies sollen ordentliche Gerichte klären. Wenn tatsächlich die WM-Vergabe für das Turnier 2022 an Katar durch Zahlungen im Vorfeld zustande gekommen sein sollte, dann wäre das zweifellos ein schwerer Fall von Korruption und müsste entsprechend strafrechtlich geahndet werden. Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke hat in einer von ihm als "privat" titulierten E-Mail angedeutet, die WM-Vergabe sei durch Stimmenkauf zustande gekommen.

Viel entscheidender jedoch ist, dass die Öffentlichkeit es mittlerweile für fast selbstverständlich hält, dass es bei der Fifa nicht mit rechten Dingen zugeht. Korruption bei der Fifa - das wird als so natürlich hingenommen wie Doping im Profiradsport. Zu viel hat sich in der Ära Blatter als Fifa-Generalsekretär und späterer Boss angehäuft, das den Ruch der Korruption hatte.

Als markantestes Beispiel gilt immer noch der Deal mit der damaligen Sportrechte-Agentur ISL, die überraschend den Zuschlag für die Fernseh- und Vermarktungrechte der Fußball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006 erhielt. Seit vielen Jahren sind die Vorwürfe bekannt, zwischen 1989 bis 2001 seien Millionen Dollar an einzelne Fifa-Mitglieder geflossen, um den Deal zu ermöglichen. Journalisten wie der Brite Andrew Jennings haben die Details intensiv recherchiert, ganze Bücher sind darüber geschrieben worden.

Blatter wiederholt von allen Vorwürfen entlastet

Die Fifa ist zur Tagesordnung übergegangen, hat die internen Ermittlungen zu ISL im Vorjahr stillschweigend abgeschlossen. Blatter selbst wurde "von jeglichem Fehlverhalten freigesprochen". Wie immer - wie auch jetzt, als die sogenannte Ethikkommission des Verbands gegen Blatter ermittelte und ihren Präsidenten im Schnellverfahren von allen Vorwürfen entlastete. Am Freitag wurden die Ermittlungen aufgenommen, schon am Sonntag waren sie abgeschlossen.

Die Vergabe des WM-Turniers an das Emirat Katar, an einen Staat, der gerade einmal 1,7 Millionen Einwohner hat und kleiner ist als Rheinland-Pfalz, hat allen klargemacht, worum es bei der Fifa letztlich geht. Um Geld, um nichts anderes. All die hehren Worte Blatters von den Idealen des Fußballs, von der Schönheit des Spiels und der gesellschaftlichen Verantwortung des Sports sind dagegen Kosmetik. Wenn es drauf ankommt, zählt nur, neue Märkte zu erschließen, um die Fifa noch reicher zu machen als sie jetzt schon ist. Wie das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist die Fifa schließlich heute eher Wirtschaftsunternehmen als Verband.

Dazu kommen die massiven Korruptionsvorwürfe, die sich um diese WM-Vergabe schon im Vorfeld rankten. Die Organisation Transparency International hatte damals die Verschiebung des Vergabetermins verlangt. Die Fifa sah dazu keinen Anlass.

Katar ist so etwas wie das Symbol für den Zustand der Fifa geworden. Es ist paradox, dass es jetzt ausgerechnet ein Funktionär aus dem Emirat ist, der den Verband in seine größte Krise gestürzt hat.

Fifa-Boss zur Aufklärung gar nicht mehr fähig

Selbst wenn er es möglicherweise wollte: Blatter dürfte mittlerweile gar nicht mehr in der Lage sein, den Verband zu demokratisieren. Seit 1975 ist er für die Fifa tätig, seit 1981, als er Generalsekretär und rechte Hand des autokratischen Vorsitzenden João Havelange wurde, gehört er dem engsten Führungszirkel des Verbands an.

Das gesamte Netzwerk der Fifa ist von Blatter über Jahrzehnte geknüpft worden, Person und Amt sind längst untrennbar miteinander verwoben. Der Schweizer wirkt mittlerweile wie einer der greisen Alleinherrscher im arabischen Raum, wie ein Husni Mubarak des Weltfußballs, der gar nicht mehr begreifen kann, warum die Leute ihn nicht mehr wollen.

Die Fifa braucht, um auch nur in Ansätzen wieder glaubwürdig zu werden, dringend einen neuen Vorsitzenden. Es wird aber wohl anders kommen. Blatter hat für Montagabend eine Erklärung angekündigt. Dass er dabei seinen Rückzug kundtun wird, darf man ausschließen.

Stattdessen wird Blatter am Mittwoch von der Fifa-Vollversammlung gewählt werden. Es wird ein paar leichte Unmutsäußerungen einzelner Delegierter geben. Blatter wird daraufhin ankündigen, dass sämtlichen Vorwürfen intensiv nachgegangen und alles zur Aufklärung getan wird - und anschließend geht es weiter wie bisher.

Blatter hat in einem Interview mit dem Journalisten Jens Weinreich mal gesagt: "Ich bin nicht bestechlich. Da können Sie mir beide Hände abhacken." Dazu passt ein Zitat Bin Hammams von 2009: "Wer sich mir in den Weg stellt, dem schlage ich Kopf und Hände ab."

Kopflos wirkt die Fifa jetzt schon.

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