WM-Vergabe an Deutschland 2006 Best of Ungereimtheiten

1998, 2010, 2018, 2022: Immer wieder sollen Fußball-Weltmeisterschaften verschoben worden sein. Doch ging mit der WM 2006 alles mit rechten Dingen zu? Es gibt Anhaltspunkte, die das Gegenteil vermuten lassen.

Beckenbauer (l.), Blatter (M.), Bin Hammam: Gemeinsame Geschäfte
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Beckenbauer (l.), Blatter (M.), Bin Hammam: Gemeinsame Geschäfte


Es war der Sommer der Deutschen, ihr liebstes Märchen. So gern erzählen sie seitdem: "2006, wisst ihr noch? Es war warm und sonnig, dann kam David Odonkor, und wenn nur nicht die Italiener..." Die Fußball-WM im eigenen Land, die Zeit, als die "Welt zu Gast bei Freunden" war und Deutschland sich eine neue Identität zulegte - sie ist dieser Nation heilig.

Mit bangem Blick verfolgen deshalb viele deutsche Fußballfans die Enthüllungen der US-Ermittler; nach aktuellem Stand und den Aussagen des Ex-Fifa-Funktionärs Chuck Blazer flossen vor den WM-Vergaben nach Frankreich 1998 und Südafrika 2010 Schmiergelder. Auch die Turniere 2018 in Russland und 2022 in Katar stehen unter Verdacht. Und 2006? Lief da im Vorfeld alles sauber ab?

Eher unwahrscheinlich. Trotzdem hat es in Deutschland keine offiziellen Untersuchungen des eigenen WM-Zuschlags gegeben, und auch in den aktuellen Ermittlungen der US-Staatsanwaltschaft und des FBI taucht das deutsche Sommermärchen bislang nicht auf. Der damalige Bundesinnenminister Otto Schily sagte der "Bild"-Zeitung: "Ich halte es für ausgeschlossen, dass von den für die Bewerbung verantwortlichen DFB-Vertretern versucht worden sein sollte, die Mitglieder des Exekutiv-Komitees durch unlautere Mittel zu beeinflussen."

Dabei gibt es einige Anhaltspunkte, die darauf schließen lassen, dass auch im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2006 dubiose Geschäfte gemacht wurden.

WM-Zuschlag mit zwölf Stimmen

1992, zwei Jahre nach dem deutschen Titel in Rom, beschloss das Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), dass es sich für die WM 2006 bewerben wolle. Egidius Braun, damals DFB-Präsident, und Wolfgang Niersbach, damals DFB-Pressesprecher und heute Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees, zogen los, um sich die Stimmen befreundeter Verbände zu sichern. Vier Jahre später stieß Franz Beckenbauer, zu dem Zeitpunkt Präsident des FC Bayern München, als WM-Botschafter und späterer Chef des Bewerbungs- und Organisationskomitees dazu.

Das Team leistete ordentliche Überzeugungsarbeit. Am 6. Juli 2000 erhielt Deutschland den Zuschlag - mit zwölf Stimmen. Es war das denkbar knappste Ergebnis: Elf Verbände hatten für Südafrika gestimmt, es gab eine Enthaltung (damals wurden nur 24 Stimmen abgegeben, heute sind es 209). Verlierer Südafrika konnte davon ausgehen, das Turnier 2010 ausrichten zu dürfen.

Im Vorfeld war klar gewesen, dass sich der DFB auf die Unterstützung der acht europäischen Verbände verlassen konnte. Grundlage dafür war die Vereinbarung mit England, dass Deutschland im Gegenzug auf die Bewerbung für die EM 1996 verzichten würde. Doch dann wurde es schon schwierig: Weil Nord- und Südamerika eher hinter der südafrikanischen Bewerbung stehen würden, brauchte Deutschland dringend mindestens die vier Stimmen aus Asien.

Die bekam es. Wegen großer gegenseitiger Sympathien? Möglich. Möglich ist aber auch, dass sogar die deutsche Wirtschaft und Politik ein bisschen nachhalfen.

  • So beschloss der Bundessicherheitsrat unter dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder just zu dem Zeitpunkt eine Waffenlieferung von 1200 Panzerfäusten nach Saudi-Arabien, der Heimat des 2007 verstorbenen, damals stimmberechtigten Fifa-Exekutiv-Mitglieds Abdullah Khalid Al Dabal.

  • Auch der Südkoreaner Chung Mong-joon aus der Hyundai-Dynastie gehörte dem Wahlgremium an. Der damalige Autokonzern DaimlerChrysler, Muttergesellschaft des DFB-Hauptsponsoren Mercedes, stieg um die Jahrtausendwende bei den südkoreanischen Autobauern ein. Die Firmen arbeiteten von 2001 bis 2004 zusammen - und 2006 war Hyundai offizieller Sponsor der WM in Deutschland.

  • Die weiteren asiatischen Wahlmänner waren Mohammed Bin Hammam aus Katar, der bis in die Gegenwart gute Kontakte zu Beckenbauer pflegt, und sein enger Vertrauter Worawi Makudi aus Thailand. Gegen Makudi, bis 2015 Mitglied des Fifa-Exkos, wurde bereits mehrfach wegen des Verdachts auf Korruption ermittelt. Auch im Jahr 2000 soll er bereitwillig Geld entgegengenommen und anschließend für Deutschland gestimmt haben.

  • Die Zahlung an den Thailänder kam damals angeblich von einer Firma des verstorbenen Medienmächtigen Leo Kirch. Dessen Konzern hatte kurz vor der Abstimmung im Jahr 2000 in vier Fußballverbänden die Rechte an Freundschaftsspielen unter Beteiligung des FC Bayern erworben, unter anderem in Tunesien und Trinidad und Tobago, woher die Wahlberechtigten Slim Chiboub und Jack Warner stammen.

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Blatter-Nachfolger: Das sind die Kandidaten für den Fifa-Thron
Alle involvierten Personen streiten die Vorwürfe und jegliche Verstrickung ab, und es ist tatsächlich schwer, bei dieser Art von "Geschäften" von Betrug und organisierter Kriminalität zu sprechen. Doch der Name Jack Warner lässt in dem Zusammenhang aufhorchen, er ist eine der zentralen Figuren im aktuellen Skandal. Warner hat dem Noch-Fifa-Präsidenten Joseph Blatter schon mit neuen Enthüllungen gedroht.

Bislang hielt Blatter immer schützend die Hand über den DFB, im Gegenzug hat Beckenbauer - der wegen der WM-Vergabe an Katar sogar vor der Fifa-Ethikkommission aussagen musste - nie etwas Schlechtes über den Schweizer gesagt. Aber "bislang" scheint seit dieser Woche in der Fifa nicht mehr viel zu gelten.



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insgesamt 131 Beiträge
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Seite 1
tommit 04.06.2015
1. Kaum war Blatter wiedergewählt
hat Franz v.h. geschaut welches Frühstück Blatter hatte..... und ihm getreu der Tradition der Kanzlerin das uneingeschränkte Vertrauen ausgesprochen... dabei ist er doch der Kaiser Er wird wissen warum... König - Kaiser - Blatter - Platter Das kann jetzt aber ganz schön Lefax gehen...
Teddy0 04.06.2015
2.
Ist doch egal, da mit Sicherheit bei der WM Korruption im Spiel war. Dazu brauche ich Weissager zu sein.
Augustusrex 04.06.2015
3. Untersuchen
Es muss endlich untersucht werden. Alles dazu ist offenzulegen. Wenn Bestochen wurde ist das zu ahnden, wenn nicht ist ein Ehrenerklärung fällig. Bisher wird im Fall Deutschland jedenfalls nur gelabert. Wenn sich schon kein Staatsanwalt darum kümmert dann bitte meine Damen und Herren investigative Journalist(inn)en, tun Sie Ihre Pflicht.
brei_nach_liebe 04.06.2015
4.
Erwähnenswert ist außerdem, wie Martin Sonneborn und Titanic einen Fifa-Botschafter dazu gebracht haben, sich zu enthalten, welcher ansonsten wahrscheinlich für Südafrika gestimmt hätte. Geendet hat letzten Endes die Aktion mit einer Unterlassungserklärung beim DFB sowie einer Drohung des DFBs um Schadensersatz in Höhe von 600 Millionen DM.
Bueckstueck 04.06.2015
5. Ja mei...
... abwarten was die Amis ermitteln. Die tun ja alles um den Sport, den dort höchstens 10% (30 Millionen) der Bevölkerung interessiert, für uns so gut es geht wenigstens von der Korruption in der Fifa zu säubern... wer hätte das gedacht? Übrigens sollte SPON mehr Sorgfalt walten lassen, wenn sie 1998 als verschoben bezeichnen - Blazer und Andere haben ja angeblich Geld genommen um gegen Frankreich und für Marokko zu stimmen. Das muss man schon ganz klar sagen, bis was anderes rauskommt.
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