Weltfußball-Verband Mysterium Fifa - das sind die Fakten

Heute wählt die Fifa den Nachfolger von Sepp Blatter. Wie viel Macht hat der neue Präsident? Was muss man zum Korruptionsskandal wissen? Alle Antworten im Erklärformat "Endlich verständlich".

REUTERS


Inhaltsverzeichnis

  1. Was steckt hinter dem Korruptionsskandal?
  2. Wer sind die wichtigsten Beschuldigten?
  3. Wer sind die wichtigsten Aufklärer?
  4. Wie soll der Stimmenkauf abgelaufen sein?
  5. Was hat die Sommermärchen-Affäre mit der Fifa-Krise zu tun?
  6. Welche Ermittlungen gibt es noch?
  7. Warum wurden Blatter und Platini gesperrt?
  8. Wie ist die Fifa bislang organisiert?
  9. Wie läuft die Wahl des Fifa-Präsidenten?
  10. Welche Reformen plant die Fifa?
  11. Wie wird der Ausrichtungsort der Fußball-Weltmeisterschaft bestimmt?

1. Was steckt hinter dem Korruptionsskandal?

Seit Jahren ist es ein offenes Geheimnis, dass im internationalen Fußball Funktionäre mit hohen Geldsummen geschmiert wurden. Bei der Vergabe von Großereignissen wie der Weltmeisterschaft und dem Verkauf von TV-Rechten tauchten immer Korruptionsvorwürfe auf. Doch eine breite Öffentlichkeit erreichte der Skandal am 27. Mai 2015: Einen Tag vor dem Kongress des Weltverbands verhaftete die Schweizer Polizei in Zürich sieben Fifa-Funktionäre.

Hintergrund der Aktion war ein Ermittlungsverfahren in den USA. Dieses richtete sich zunächst gegen 14 Beschuldigte, darunter neun Fifa-Funktionäre. Ihnen werden Schmiergeldzahlungen und sogenannte Kick-back-Geschäfte in Höhe von mehr als 150 Millionen Dollar über einen Zeitraum von 24 Jahren vorgeworfen.

Im Laufe des vergangenen Jahres haben die US-Behörden die Ermittlungen ausgeweitet und gegen 41 Personen oder Firmen Klage erhoben. Zwölf Personen und zwei Unternehmen haben laut US-Justizministerium bereits ihre Schuld eingestanden und 190 Millionen Dollar gezahlt. 100 Millionen Dollar an verdächtigen Vermögenswerten wurden auf Bankkonten in den USA und in anderen Ländern gesperrt.

Der Kronzeuge der Ermittler ist Chuck Blazer, er war von 1997 bis 2013 Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees. Sein Spitzname lautet „Mister Zehn Prozent“, Blazer wurde bekannt als jemand, der bei jeder Rechtevergabe die Hand aufhielt. Zum Verhängnis wurde ihm Steuerhinterziehung in Millionenhöhe: Weil er dem US-Fiskus mindestens zehn Millionen Dollar verheimlichte, willigte er ein, gegen seine Kollegen auszusagen und Beweise zu sammeln. Bei den Olympischen Sommerspielen 2012 in London etwa zeichnete Blazer heimlich Gespräche mit zahlreichen Fifa-Funktionären auf – über ein Mikrofon in seinem Schlüsselanhänger.

2. Wer sind die wichtigsten Beschuldigten?

Joseph Blatter

Der 1936 geborene Schweizer war seit 1998 Präsident der Fifa. Er ließ noch jeden Fifa-Skandal an sich abperlen – bis Ende 2015. Dann sperrte ihn die hauseigene Ethikkommission für acht Jahre. Der Grund: eine Millionenüberweisung Blatters an Uefa-Präsident Michel Platini aus dem Jahr 2011 für eine angebliche Beratertätigkeit zehn Jahre zuvor. Die Schweizer Behörden ermitteln wegen des Verdachts der Untreue. Blatter weist die Vorwürfe zurück. Nach seinem Einspruch reduzierte eine Berufungskommission die Sperre auf sechs Jahre.

 

Michel Platini

In den 1980ern war er das Idol des französischen Nationalfußballs, Europameister 1984. 2007 wurde er Uefa-Präsident und gerierte sich im Zuge der Fifa-Affäre zunehmend als Blatters Gegenspieler. Zu Fall brachte auch ihn die Millionenüberweisung Blatters aus dem Jahr 2011 für eine angebliche Beratertätigkeit aus sehr viel früherer Zeit. Acht Jahre Sperre durch die Fifa-Ethikkommission - inzwischen nach Einspruch Platinis auf sechs Jahre reduziert.

 

Jérôme Valcke

Die rechte Hand Blatters, seit 2007 Fifa-Generalsekretär, wurde im September 2015 suspendiert. Ihm wird vorgeworfen, sich bei WM-Ticketgeschäften bereichert zu haben. Zudem geht es um eine Verstrickung in dubiose Geldflüsse rund um die WM-Vergabe 2010. Beides weist der ehemalige Sportjournalist zurück. Valcke hatte schon 2006 nach drei Jahren als Fifa-Marketingdirektor wegen schlechter Vertragsverhandlungen mit Werbepartnern gehen müssen. Blatter stellte ihn dann aber als Generalsekretär wieder ein.

 

Jack Warner

Geschäftsmann und Politker aus Trinidad & Tobago, von 1983 bis zu seinem Rücktritt im Jahr 2011 fast dreißig Jahre Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees. Warner vergab die Stimmen des von ihm kontrollierten nord- und mittelamerikanischen Verbandes Concacaf und hielt dabei die Hand auf. Wurde im Mai 2015 von der New Yorker Staatsanwaltschaft wegen Betrug und Geldwäsche angeklagt und im September 2015 von der Fifa-Ethikkomission lebenslang gesperrt.

 

Chuck Blazer

Der US-Amerikaner saß von 1997 bis 2013 im Exekutivkomitee und führte zusammen mit Jack Warner die Concacaf. Soll als "Mister 10 Prozent" in dieser Zeit Millionen für sich abgezweigt haben. Blazer wurde 2011 wegen Steuerhinterziehung angeklagt und erklärte sich in der Hoffnung auf Strafminderung bereit, seine Fifa-Kollegen auszuspionieren. Fungiert als Kronzeuge der amerikanischen Ankläger gegen Fifa-Funktionäre. Von der Fifa-Ethikkomission im Juli 2015 lebenslang gesperrt.

 

Jeffrey Webb

Concacaf-Präsident von den Cayman Islands von 2012 bis 2015. Webb, Vizepräsident der Fifa und Chef der Anti-Rassismus-Task-Force, galt als enger Vertrauter von Sepp Blatter und als Favorit auf seine Nachfolge. Er wurde am 27. Mai 2015 zusammen mit sechs weiteren Fifa-Funktionären im Zürcher Hotel Baur au Lac verhaftet und im Juli an die USA ausgeliefert. Webb ist wegen Bestechligkeit angeklagt und befindet sich gegen eine Kaution von 10 Millionen Dollar auf freiem Fuß.

 

Mohamed Bin Hammam

Der katarische Geschäftsmann, seit 1996 Mitglied des Fifa-Exektuivkomitees, wurde 2011 von der Ethikkommission lebenslang gesperrt weil er sich angeblich seine Wahl zum Blatter-Nachfolger kaufen wollte. Bin Hammam gilt als der Mann, der mit seinem Geld die WM 2022 nach Katar holte. Steht in der Sommermärchen-Affäre im Verdacht, jene 6,7 Millionen Euro bekommen zu haben, für die Franz Beckenbauer dem früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus einen Schuldschein unterschrieb.

3. Wer sind die wichtigsten Aufklärer?

Michael Garcia

2012 erhielt der renommierte US-Jurist von Blatter den Auftrag, die umstrittenen WM-Vergaben nach Russland und Katar für die Ethikkommission zu untersuchen. 2014 legte er seinen Bericht vor, der nicht vollständig veröffentlicht und von Hans-Joachim Eckert, dem Richter der Ethikkammer, zurückhaltend interpretiert wurde: kein Anlass für eine Neuvergabe der beiden WMs. Garcia sah das anders und warf hin. Sein Bericht diente aber den Schweizer Staatsanwälten für Ermittlungen und brachte so doch noch das System Fifa ins Wanken.

 

Loretta Lynch

Die US-Justizministerin hat es sich offenbar zur Aufgabe gemacht, Blatters Imperium zu Fall zu bringen. Schon als Oberstaatsanwältin erfuhr sie bei Mafia-Ermittlungen auch von dubiosen Fußballgeldern in ihrem Distrikt. Im Mai 2015 ließ die 56-Jährige, kaum im Ministeramt, die ersten Funktionäre in einer Aufsehen erregenden Aktion direkt in der Schweiz verhaften. Mittlerweile ist die Zahl der betroffenen Personen in Lynchs Anklageschrift auf mehrere Dutzend angestiegen.

 

Hans-Joachim Eckert

Eckert ist mittlerweile pensionierter Richter einer Strafkammer am Landgericht München I und ausgewiesener Korruptionsexperte. Seit 2012 sitzt er der Recht sprechenden Kammer der Fifa-Ethikkommission vor. Da er den Fifa-Präsidenten zunächst einige Jahre gut wegkommen ließ und eher dessen interne Gegner ins Visier nahm, wurde er auch „Blatter-Versteher“ genannt. Eckerts Entscheidung, nach dem Bericht seines ermittelnden Juristen Garcia keine Maßnahmen für eine Neuvergabe der umstrittenen WMs 2018 und 2022 zu veranlassen, erntete ebenfalls Unverständnis. Allerdings sperrte seine Kammer schließlich Joseph Blatter und Michel Platini für acht Jahre. Insgesamt stehen mittlerweile 33 Funktionäre auf ihrer Sperr-Liste.

4. Wie soll der Stimmenkauf abgelaufen sein?

Über den Ausrichter einer Weltmeisterschaft entschieden bislang die 24 Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees in geheimer Wahl, erst bei der nächsten WM-Vergabe für das Turnier im Jahr 2026 wird sich das ändern. In der Vergangenheit kassierten den US-Ermittlern zufolge einige Funktionäre Schmiergeld für ihre Stimme – zum Beispiel bei der Vergabe der WM 2010 an Südafrika. Auch Marokko wollte damals das Turnier ausrichten, es schien ein enges Rennen zu werden. (Im Mai 2004 stimmte das Exekutivkomitee ab.)

Im Frühjahr 2004 reisten die Mitglieder des Exekutivkomitees Jack Warner und Charles Blazer in die Bewerberländer. Den Ermittlern zufolge begutachteten sie nicht nur die Infrastruktur, sondern loteten auch aus, wie viel Schmiergeld jeweils für sie drin war. Die Marokkaner boten laut den Ermittlungsunterlagen der New Yorker Staatsanwaltschaft eine Million Dollar.

Doch die Südafrikaner sollen noch großzügiger gewesen sein: Den Ermittlern zufolge schlugen sie vor, zehn Millionen Dollar zu zahlen, wenn drei Fifa-Funktionäre für Südafrika stimmen. Das Geld sollte an die "afrikanische Diaspora“ in der Karibik fließen, deren Fußballverband CFU Jack Warner anführte . Laut den Ermittlungsakten soll die Bestechung nicht nur von den südafrikanischen Fußballfunktionären ausgegangen sein, auch die Fifa und die südafrikanische Regierung seien involviert gewesen.

5. Was hat die Sommermärchen-Affäre mit der Fifa-Krise zu tun?

Auch die Vergabe der WM 2006 an Deutschland steht unter Korruptionsverdacht – inzwischen interessieren sich auch die US-Ermittler dafür. Der SPIEGEL enthüllte im Oktober 2015, dass die deutschen WM-Planer eine schwarze Kasse hatten, die der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus mit umgerechnet 6,7 Millionen Euro gefüllt hatte.

Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger wirft seinen ehemaligen Kollegen vor, dass mit dem Geld die Stimmen der vier asiatischen Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees gekauft wurden. Das habe ihm Günter Netzer, ein enger Vertrauter des 2009 gestorbenen Louis-Dreyfus, 2012 bei einem Treffen in Zürich erzählt. Netzer bestreitet dies und forderte Zwanziger auf, eine Unterlassungserklärung abzugeben. Der Ex-DFB-Präsident weigerte sich, im April wird der Fall vor dem Landgericht Köln verhandelt.

Sicher ist: 2005 zahlte der DFB die 6,7 Millionen Euro über die Fifa an Louis-Dreyfus zurück. Die Zahlung wurde getarnt als Beitrag zu einem Kulturprogramm der Fifa. Wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung ermittelt die Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen Zwanziger, seinen im November 2015 zurückgetretenen Nachfolger Wolfgang Niersbach und den ehemaligen DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt.

Auch die Untersuchung der vom DFB selbst beauftragten Kanzlei Freshfields deutet darauf hin, dass die Vergabe der WM 2006 nicht sauber ablief. Laut „Süddeutscher Zeitung“ soll der Verband Hinweise vertuscht haben, die auf Korruption oder zumindest dubiose Geschäfte hindeuten.

6. Welche Ermittlungen gibt es noch?

Die Schweizerische Bundesanwaltschaft untersucht derzeit Bestechungsvorwürfe im Zusammenhang mit der Vergabe zweier weiterer WM-Endrunden: Russland 2018 und Katar 2022. Die Fifa selbst hatte im Herbst 2014 Anzeige gegen Unbekannt gestellt. Hintergrund ist ein Report des ehemaligen US-Bundesstaatsanwalts Michael Garcia. Gut zwei Jahre hatte dieser im Auftrag der Fifa die Hintergründe der WM-Vergaben untersucht.

Die Fifa hat den 430 Seiten langen Report nicht veröffentlicht, sah sich aber veranlasst, Strafanzeige zu stellen. In Garcias Untersuchung seien Verdachtsmomente aufgetaucht, "dass in einzelnen Fällen internationale Verschiebungen von Vermögenswerten mit Berührungspunkten zur Schweiz stattgefunden haben".

Der Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber ließ im Juli 2015 mitteilen, es gäbe „beinahe täglich“ neue Hinweise auf Geldwäsche. Möglicherweise werden die Ermittlungen erst nach Austragung der umstrittenen Turniere in Russland und Katar abgeschlossen.

7. Warum wurden Blatter und Platini gesperrt?

Ein weiteres Verfahren in der Schweiz richtet sich gegen den langjährigen Fifa-Präsidenten Joseph Blatter persönlich. Ende September teilte die Bundesanwaltschaft mit, dass sie gegen Blatter wegen des Verdachts der Veruntreuung und der ungetreuen Geschäftsbesorgung ermittelt. Ihm wird vorgeworfen, TV-Deals mit dem im Korruptionsskandal lebenslang gesperrten einstigen Vizepräsidenten Jack Warner abgeschlossen zu haben. Warner soll Rechte an Weltmeisterschaften für Dumping-Preise erhalten und für Millionensummen weiterverkauft haben.

Außerdem geht es bei dem Verfahren gegen Blatter um eine Zahlung an Michel Platini. Der Schweizer hatte dem Uefa-Chef 2011 zwei Millionen Franken überwiesen. Blatter wurde von der Staatsanwaltschaft als Beschuldigter vernommen, Platini als Auskunftsperson. Wie beide erklärten, soll es sich um ein Honorar handeln, das Platini für Beratertätigkeiten zwischen 1999 und 2002 erhalten habe.

Weder Platini noch Blatter beantworteten die Frage, warum das Geld fast zehn Jahre nach der angeblichen Beratertätigkeit gezahlt wurde. Zudem gibt es keine schriftliche Vereinbarung. Der Verdacht: Es könnte sich um Schmiergeld gehandelt haben, dass Blatter zahlte, damit Platini ihn bei der Präsidentschaftswahl 2011 unterstützte.

Die Fifa-Ethikkommission suspendiert beide deshalb am 8. Oktober zunächst für 90 Tage. Am 21. Dezember verkündigten die Ethikhüter dann ihr Strafmaß: acht Jahre Sperre für „sämtliche Fußballtätigkeiten“. Es gebe keine rechtliche Grundlage für die Zahlung, den Verweis auf einen mündlichen Vertrag bezeichneten die Ethikhüter als nicht überzeugend. Blatter und Platini wollen gegen die Urteile bis zur letzten Instanz vorgehen.

Am 24. Februar teilte die Berufungskomission der FIFA mit, dass die Sperren jeweils um zwei auf sechs Jahre gesenkt werden.

8. Wie ist die Fifa bislang organisiert?

Die Fifa ist laut eigenem Statut ein gemeinnütziger eingetragener Verein nach Schweizer Recht mit Sitz in Zürich. Gleichzeitig ist sie Weltdachverband für sechs Kontinental- und 209 Nationalverbände weltweit. Im Zuge der zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs ist sie auch zu einem Milliardenkonzern geworden.

Die wichtigsten Organe:

  • Der Kongress mit derzeit 209 Mitgliedern tagt als eine Art „Parlament“ in der Regel einmal im Jahr. Alle Vertreter besitzen je eine Stimme - ein Vertreter des Nationalverbands von Vanuatu hat also das gleiche Gewicht wie ein Abgesandter aus dem großen Fußballland England. Die Vertreter können über die Aufnahme oder Suspendierung einzelner Mitgliedsverbände entscheiden. Außerdem wählen sie alle vier Jahre den Fifa-Präsidenten. Beginnend mit dem Vergabeverfahren für die WM 2026 wird künftig der Kongress über den Ausrichter der WM entscheiden, bislang Aufgabe des Exekutivkomitees.
  • Das Exekutivkomitee, eine Art „Regierung“ bzw. ausführende Institution, besteht derzeit noch aus 25 ehrenamtlichen Mitgliedern: dem Präsidenten, acht Vizepräsidenten und 15 weiteren Mitgliedern, die von den Kontinentalverbänden gewählt werden, sowie einer weiblichen vom Kongress bestimmten Vertreterin. Das Komitee tagt zweimal jährlich, legt die Termine und Formate der Fifa-Wettbewerbe fest oder benennt die Vorsitzenden und Mitglieder der zahlreichen Ausschüsse und ständigen Kommissionen der Fifa. Aufsehenerregendste Aufgabe des Komitees war bislang die Wahl des WM-Austragungsortes. Hier stand in der Vergangenheit oft der Verdacht des Stimmenkaufs im Raum.
  • Die mächtigste Figur ist bislang der Präsident. Er wird für vier Jahre vom Kongress gewählt und ist der rechtliche Vertreter der Fifa. Bislang konnte er sich unbegrenzt wiederwählen lassen. Da er unter anderem dem Kongress als auch dem Exekutivkomitee vorsitzt und zudem den Verwaltungsapparat kontrolliert, also das Generalsekretariat in Zürich mit rund 400 Mitarbeitern, kann er auch seine Macht nahezu unbegrenzt ausspielen, z.B. mit üppigen Millionenzuweisungen kleine Nationalverbände und ihre Funktionäre gefügig machen oder Posten mit ihm vertrauten Personen besetzen. Der Präsident vertritt die Fifa nach außen, bei den Verbänden und in der Politik.
  • In den vergangenen Jahren hat die Fifa damit begonnen, sich selbst stärkere Kontrollorgane zu geben, die relativ unabhängig sind. Es gibt drei Rechtsorgane, die Ethikkommission mit einer ermittelnden und einer rechtssprechenden Kammer, eine Disziplinar- und eine Berufungskommission, die Verstöße gegen disziplinarische und ethische Regelungen ahnden. Hinzu kommt eine Audit- und Compliance-Kommission für Finanz- und Rechnungslegungsfragen. Die Mitglieder dieser Kommissionen werden vom Kongress eingesetzt. Das Exekutivkomitee kann Mitglieder vorschlagen. Der Verdacht, dass auch die Ethikkommission gegenüber dem Präsidenten zahnlos ist, hielt sich lange. Allerdings war es schließlich deren rechtsprechende Kammer, die Blatter und Platini Ende 2015 sperrte.

9. Wie läuft die Wahl des Fifa-Präsidenten?

Der Fifa-Präsident wird von den beim Kongress anwesenden und stimmberechtigten Mitgliedsverbänden für vier Jahre gewählt. Für die Wahl sind im ersten Wahlgang zwei Drittel der Stimmen erforderlich. Im zweiten und in weiteren Wahlgängen genügt die einfache Mehrheit.

Bewerben sich mehr als zwei Kandidaten, so scheidet ab dem zweiten Wahlgang jeweils derjenige aus, der die wenigsten Stimmen bekommen hat, bis nur noch zwei Anwärter zur Wahl stehen. Steht nur ein Kandidat zur Wahl, genügt im ersten Wahlgang die einfache Mehrheit der Stimmen.

Bislang konnte sich der Präsident unbegrenzt wiederwählen lassen. Nach Verabschiedung der aktuellen Reform würde die Amtszeit dann aber auf zwölf Jahre begrenzt. In der Vergangenheit sorgte auch das Wahlverfahren im Kongress dafür, dass sich der bisherige Präsident Blatter relativ leicht unbegrenzte Macht sichern konnte. Nicht umsonst wurde er zuletzt der „ewige Präsident“ genannt.

Jeder Nationalverband in der Fifa verfügt im Kongress über eine Stimme. Blatter sicherte sich seine Mehrheiten so auch durch die Stimmen vieler kleiner afrikanischer oder pazifischer Nationalverbände. Diese galten ihm als wohlgesonnen, sicher auch, weil sie leicht beispielsweise mit üppigen Zuwendungen für den dortigen Fußball aus den Fördertöpfen der Fifa gefügig gemacht werden konnten.

10. Welche Reformen plant die Fifa?

Die Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees beschlossen Anfang Dezember ein Reformpaket, das folgende Änderungen vorsieht:

  • Das Exekutivkomitee, in dem auch Ex-DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sitzt, soll in eine Art Aufsichtsrat umgewandelt werden. Dieser sogenannte Council soll aus 36 Mitgliedern bestehen und für die strategisch-politische Richtung verantwortlich sein.
  • Die täglichen Geschäfte führt ein zweites Gremium, das Generalsekretariat. Überwacht wird beides vom Audit- und Compliance-Komitee.
  • Die Amtszeit für künftige Fifa-Präsidenten und Mitglieder des Councils wird auf zwölf Jahre begrenzt.
  • Alle Mitglieder von Fifa-Komitees sollen sich künftig Integritätschecks unterziehen.
  • Zudem wurde eine Frauenquote beschlossen. Im neuen Fifa-Council sollen mindestens sechs Frauen sitzen. Das entspricht einem Anteil von 16,67 Prozent.

Ob die Reformen wirklich in Kraft treten, entscheidet der Fifa-Kongress am 26. Februar. Änderungen in den Statuten bedürfen einer Dreiviertelmehrheit der 209 Mitgliedsverbände.

11. Wie wird der Ausrichtungsort der Fußball-Weltmeisterschaft bestimmt?

Um die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft können sich alle in der Fifa organisierten Landesverbände einzeln oder als Zusammenschluss bewerben. Ausgeschlossen sind davon die Verbände, in deren Kontinentalverband bereits die letzte WM stattgefunden hat. Bewirbt sich ein Land um die WM, prüft zunächst das Fifa-Generalsekretariat, ob alle Voraussetzungen für das Bewerbungsverfahren und alle Austragungsanforderungen erfüllt sind.

Es sollte etwa genügend Unterstützung im Land für den Fußball geben, und finanziell und von der Infrastruktur her sollte das Land in der Lage sein, eine WM auszurichten. Auch Aspekte der Nachhaltigkeit werden berücksichtigt. Dazu legt das Generalsekretariat dann dem entscheidenden Exekutivkomitee einen Bericht vor.

Vor 2013 war das Fifa-Exekutivkomitee das oberste Entscheidungsgremium für die WM-Vergabe. Das 25-köpfige Gremium wählte in geheimer Abstimmung zwischen den Bewerbern aus. Den Zuschlag erhielt der Verband, der die absolute Mehrheit erreichte. Bei einem Unentschieden zählte die Stimme des Fifa-Präsidenten doppelt und entschied so die Wahl.

Nach den Korruptions- und Bestechungsvorwürfen rund um die Vergabe von Weltmeisterschaften etwa an Katar und Russland 2018 und 2022 beschloss der Kongress, das Plenum der Fifa, im Mai 2013 ein neues Verfahren. Demnach wählt das Exekutivkomitee aus den Vorschlägen des Generalsekretariats nun nur noch bis zu drei Bewerbungen aus und legt sie dem Kongress zur Entscheidung vor.

Für die Wahl ist eine absolute Mehrheit erforderlich. Kommt diese in einem ersten Wahlgang nicht zustande, scheidet die Bewerbung mit den wenigsten Stimmen aus. In einem zweiten Wahlgang reicht dann die einfache Mehrheit für den Zuschlag. Um den Prozess transparenter als vorher zu gestalten, wird jedes Abstimmungsergebnis veröffentlicht.

Die Entscheidungen über die Austragungsorte der WMs 2018 und 2022 wurden zusammen gefällt. Eine so hoch kontroverse Doppelentscheidung ist künftig nicht mehr möglich. Die Statuten der Fifa legen fest, dass ein Kongress nur über einen WM-Austragungsort abstimmen kann. Erstmals angewendet werden soll das neue Verfahren für die WM im Jahr 2026.

Wann die Abstimmung jedoch stattfinden wird, ist noch unklar. Aufgrund des Fifa-Skandals und der damit einhergehenden Verhaftungen und Personalumgestaltungen, hat die Fifa den Bewerbungsprozess für die WM 2026 erst einmal verschoben.

Autoren: Almut Cieschinger, Andreas Meyhoff, Claudia Niesen, Christian Teevs

Dokumentation: Andreas Meyhoff

Grafiken: Guido Grigat, Alexander Trempler

Produktion: Guido Grigat

Layout: Katja Braun, Hanz Sayami

Programmierung: Guido Grigat, Frank Kalinowski, Chris Kurt


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