Chefaufklärer entlassen Fifa entmachtet ihre Kritiker

Die Nachricht kam per SMS: Die Chefkontrolleure der Fifa sind ihren Job los, Hunderte Ermittlungen gegen Funktionäre dürften jetzt im Sande verlaufen. Der DFB scheint nichts dagegen zu haben.

WM-Stadion in Belo Horizonte
imago/ Fotoarena

WM-Stadion in Belo Horizonte

Aus Manama berichtet


Am Mittwochmorgen um zehn sitzen Cornel Borbély und Hans-Joachim Eckert in einem staubigen Hotelklotz in der Wüste Bahrains und sehen aus wie geprügelte Hunde. Die Namensschilder sind zerknickt, der Putz blättert von den Wänden, der Teppich ist muffig, die Klimaanlage hat ihre besten Zeiten lange hinter sich. Der Glanz des Milliardengeschäfts Fußball, die Luxuswelt der Fifa-Funktionäre, sie scheint Lichtjahre entfernt vom Konferenzraum Pearl, Hotel Al-Raya, Manama.

Und die Symbolik passt. Am Dienstagabend wurden die beiden Männer, Chefs der Ethikkommission der Fifa, entmachtet, sie gehören nicht mehr dazu. Das Council hat sie nicht für eine Wiederwahl beim Kongress am Donnerstag vorgeschlagen. Fifa-Präsident Gianni Infantino hat seine Unterstützung entzogen, und offenbar auch Reinhard Grindel, der Anführer des Deutschen Fußball-Bunds. Der sprach nach eigenen Angaben vor den Fifa-Kollegen von einer "schwierigen Entscheidung". Trotzdem hieß es im Anschluss an die Sitzung, die Entscheidung zur Neubesetzung des Gremiums sei einstimmig gefallen.

Der Schweizer Borbély und der Deutsche Eckert sind jetzt raus. Ausgerechnet das Duo, das in den vergangenen Jahren mit Unterstützung des amerikanischen FBI die schlimmsten Banditen aus dem Fußball verbannt hat, darunter den langjährigen Fifa-Präsidenten Sepp Blatter und Uefa-Chef Michel Platini. Nicht das neue Management um Infantino, sondern dieses Duo sorgte dafür, dass die Öffentlichkeit der Fifa wieder ein bisschen Vertrauen schenkte.

Kämpfer in einem kaputten Laden

Wenn zumindest die Selbstreinigung funktioniert und Funktionäre irgendwann für Verbrechen bestraft werden, dann ist nicht alles verloren - das war das Gefühl, das die Leute hatten. Eckert und Borbély als unabhängige Kämpfer für Recht und Ordnung in einem kaputten Laden, das war auch die Idee jener, die die Reformen bei der Fifa in Gang brachten. Selbst Blatter hatte den Ethikern freie Hand gelassen, so lange, bis sie ihn selbst aus dem Fifa-Haus holten und auf die Straße setzten. Dann war das halt so. Trotzdem - oder eher: deswegen - ist nun Schluss mit den Alleingängen.

Gerade jetzt, da sie sich - wie der SPIEGEL Ende April exklusiv berichtete - wegen verschiedener Vorwürfe mit Infantino selbst beschäftigen und gegen ihn ermitteln, müssen sie gehen. Das ist eine große Sache, und deswegen war es keine Überraschung, dass die beiden ihrem Ärger vor versammelter Presse Luft machen wollten.

"Das war eine politische Entscheidung", wütete Eckert, der die rechtsprechende Kammer anführte. "Ich bedaure diese Entwicklung. Sie bedeutet das Ende des Reformprozesses bei der Fifa." Eckert, ein renommierter Münchner Richter, war seit 2012 im Amt, er war an der Ausarbeitung eines neuen Ethikkodexes beteiligt. Basierend auf diesem jagten er und seine Kollegen in der Ermittlungskammer - erst der US-Jurist Michael Garcia, dann Borbély - einen nach dem anderen Fußballfunktionär vom Hof.

"Mehrere Hundert Fälle"

Und sie wollten ihre Arbeit fortsetzen, nach eigenen Angaben lagen noch "mehrere Hundert Fälle" auf ihren Schreibtischen. "Es gibt keine Zeit der Übergabe", sagt Borbély. "Der Ethikkodex ist damit ein totes Blatt Papier." Er griff die Spitze des Verbands um Präsident Infantino direkt an. Die Fifa, so der Jurist, werde durch diese Entscheidung leiden.

Getroffen hat sie der Fifa-Rat am Dienstagabend, während Borbély und Eckert gemeinsam im Flugzeug Richtung Bahrain saßen. Die beiden waren von der Fifa-Führung zu Sitzungen am Mittwoch und dem Kongress am Donnerstag eingeladen worden, der Verband buchte auch die Flüge. Von einer Nichtnominierung war nie die Rede.

Dass es Bestrebungen gibt, die beiden abzusetzen, wurde indes seit Monaten spekuliert. Infantino hatte sich und seine Kollegen in der Führungsriege in der Vergangenheit als "Geisel" der Kontrollgremien bezeichnet. Trotzdem beteuerte etwa Generalsekretärin Fatma Samoura, an den Chef-Ethikern festhalten zu wollen. Vor drei Wochen sagte sie im Interview mit dem "Tagesanzeiger": Ich verstehe nicht, wie solche Gerüchte entstehen können." Sie unterstütze Eckert und Borbély "zu 100 Prozent".

Bei der Landung von der Demission erfahren

Lippenbekenntnisse reichten nicht, der Rat entschied anders. Eckert und Borbély erfuhren davon per SMS, als sie nach ihrer Landung in Manama wieder Handyempfang hatten. Dann sagten sie ihre Fifa-Termine für Mittwoch ab, und auch am Kongress am Donnerstag werden sie nicht mehr teilnehmen. Sie baten die Fifa, ihre Rückflugtickets auf Mittwochabend umzubuchen. Die Pressekonferenz war ihr letzter Auftritt in Fifa-Diensten. "Ich habe Respekt vor anderen Menschen, aber ich erwarte auch, dass man mir Respekt gegenüber bringt", sagt Eckert noch.

Und Borbély erklärt: "Das ist kein guter Tag für die Fifa." Dann verschwindet er im Staub Bahrains, wohlwissend, dass es jemanden wie Infantino herzlich wenig interessiert, was er da erzählt hat. Für den Fifa-Chef ist es sehr wohl ein guter Tag.

Die Spielverderber sind weg, die Party kann beginnen.

Die neuen Ethikhüter der Fifa
    Die neue Vorsitzende der Ermittlungskammer der Fifa-Ethikkommission ist die Kolumbianerin María Claudia Rojas . Sie war als Richterin am kolumbianischen Staatskonzil tätig, einem der obersten Gerichte des Landes, und arbeitete als Dozentin für Verfassungsrecht.


Vassilios Skouris ist neuer Vorsitzender der rechtsprechenden Kammer der Ethikkommission und als solcher Nachfolger von Hans-Joachim Eckert. Skouris hat eine deutlich namhaftere Karriere als Rojas hinter sich. Er war von 2003 bis 2015 Präsident des Europäischen Gerichtshofs und davor zweimal griechischer Innenminister. Skouris erwarb seinen Doktortitel in Hamburg und lehrt dort heute an der Bucerius Law School.


insgesamt 62 Beiträge
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dallmann67 10.05.2017
1. Der DFB kungelt mit......
der FIFA mit, anders kann man sich das "Achselzucken" kaum erklären. Das sollte KONSEQUENZEN haben! Ansonsten braucht sich nie mehr irgend jemand über irgendwelche Unregelmäßigkeiten oder gar Sauereien aufregen. Das stinkt zum Himmel.
syracusa 10.05.2017
2. Konsequenzen
Das sollte eigentlich Konsequenzen nach sich ziehen: 1. Entzug des Status der Gemeinnützigkeit für FIFA und DFB. 2. Volle Besteuerung aller Umsätze und Gewinne wie bei jedem anderen Unternehmen 3. Verbot aller staatlichen/kommunalen Subventionen für DFB und DFB-Mitgliedsvereine 4. Volle Kostenberechnung aller durch Veranstaltungen des DFB und seiner Mitgliedervereine verursachten öffentlichen Aufwendungen (Stadionmiete, Polizeieinsätze usw).
blueberryhh 10.05.2017
3. lachen!
Darüber und über die FIFA und den DFB und alle anderen dieser Funktionärsrefugien, die ihre Macht und ihre Kohle auch auf die schlimmsten Wege bekommen und erhalten wollen, kann man doch nur noch laut lachen. Ernst nehmen? Wen denn und warum? Elender verkommener, verlogener Fussball! Na ja, der Fairness halber muss man ja sagen, in anderen Sportarten und bei IOC etc. ist es ja auch nicht besser.
antares56 10.05.2017
4. Eine Frage
Wundert sich da noch jemand? Unter Gianni Infantino hat sich absolut nichts im Vergleich zu Blatter geändert! Nur ist Gianni jetzt der neue Boss!
h.hass 10.05.2017
5.
Hört sich an wie ein schlechter Witz: Diejenigen, die kontrolliert werden, haben die Macht, ihre Kontrolleure zu entlassen. Natürlich wundert einen bei der Fifa gar nichts. Blatters Abgang hat nur den Weg freigemacht für andere Figuren, die genau so korrupt und verkommen sind und sich jetzt so lange wie möglich die Taschen vollmachen wollen.
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