Ermittlungen gegen die Fifa Schlechte Geschäfte sind auch gute Geschäfte

Wenn am Montag in Zürich internationale Staatsanwälte tagen, wird auch die Fifa Thema. Spektakulärer Gast: US-Justizministerin Loretta Lynch. Im Vorfeld werden Parallelen zum ISL-Skandal publik. Es geht um Geschäfte zum Nachteil des Weltverbandes.

Fifa-Funktionäre Blatter und Warner: eine lukrative Geschäftsbeziehung.
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Fifa-Funktionäre Blatter und Warner: eine lukrative Geschäftsbeziehung.


Wenige Kilometer von der Zentrale des Fußball-Weltverbandes Fifa entfernt wird am Montagmorgen in der Züricher Maag-Halle der Jahreskongress der Internationalen Vereinigung von Staatsanwälten (IAP) eröffnet. Die Themen, man kann es sich eigentlich denken: Wirtschaftskriminalität, Geldwäsche und Korruption. Das Treffen ist diesmal besonders schlagzeilenträchtig, denn am Nachmittag werden Loretta Lynch, Justizministerin der USA, und Michael Lauber, Chef der Schweizer Bundesanwaltschaft, zu den Ermittlungen in Sachen Fußball-Kriminalität Stellung nehmen.

In den USA wird gegen zahlreiche Fifa-Größen wie die ehemaligen Vizepräsidenten Jeffrey Webb und Jack Warner ermittelt. Geldwäsche, Betrug, Steuerhinterziehung und bandenmäßige Verschwörung stehen im Mittelpunkt der Untersuchung. Hier geht es um eine Betrugssumme von mindestens 150 Millionen Dollar. Die Schweizer Behörden versuchen, Licht in das Dunkel der WM-Vergaben 2018 an Russland und 2022 an Katar zu bringen. Die kolportierte Summe von unsauberen Transaktionen beträgt insgesamt viele hundert Millionen Dollar.

Schon der Umstand ist spektakulär, dass sich Loretta Lynch und Michael Lauber in Zürich gemeinsam erklären. Die Staatsanwältin befasst sich seit Jahren mit den Fußball-Ganoven, Lauber ist ebenfalls ein Experte in Sachen organisierte Kriminalität. In Fifa-Kreisen heißt es, auf der Pressekonferenz werde klargestellt, dass die Fifa von der amerikanischen Justiz als Geschädigte geführt wird. Das mag eine Finte von Spindoktoren sein, stimmt formaljuristisch bisher aber sogar - und hat doch nicht viel zu sagen. Derlei Argumentationsmuster kennt man bereits aus dem bislang größten Korruptionssystem der Sportgeschichte, dem ISL-Bestechungsskandal: Auch damals wurde die Fifa als Geschädigte geführt. Und auch damals wurde systemische Korruption deutlich.

Die Marketingagentur ISL hatte vor allem in den Neunziger Jahren Fifa-Größen wie den langjährigen Präsidenten João Havelangemit Dutzenden Millionen geschmiert. Da viele dieser Zahlungen in US-Dollar abgewickelt wurden, wird der ISL-Komplex von den US-Ermittlern teilweise noch einmal überprüft. Die meisten Empfänger der 142 ISL-Millionen blieben unbekannt. Jedoch spielen einige Personen, Vermarkter und Firmen, die von der US-Justiz wegen anderer Sachverhalte durchleuchtet wurden, schon im ISL-Komplex zweifelhafte Hauptrollen.

Beim ISL-Skandal war Blatter Mitwisser

Fifa-Präsident Joseph Blatter zählt bislang nicht zu den Beschuldigten. Das hat die Bundesanwaltschaft im Juni erklärt, wenige Tage nach den Verhaftungen von sieben Offiziellen in Zürich. Bei der ISL-Korruption war Blatter aber Mitwisser. Aber der Fifa-Ethikrichter Hans-Joachim Eckert bezeichnete das als "ungeschicktes Verhalten" und sprach ihn frei. Unter dem ehemaligen Fifa-Generalsekretär (bis 1998) und Präsidenten Blatter (ab 1998) wurden einige für die Fifa schlechte Geschäfte abgeschlossen.

Eines enthüllte das Schweizer Fernsehen SRF punktgenau zum Treffen der Strafverfolger: Einmal mehr seien Fernsehrechte an Fußball-Weltmeisterschaften weit unter Wert vergeben worden - in diesem Fall in der Karibik an den langjährigen Blatter-Stimmenbeschaffer Warner.

Das hatte Tradition.

  • Schon vor mehr als einem Jahrzehnt wurde enthüllt, dass Jack Warner TV-Rechte für die WM 1998 für einen Dollar überschrieben wurden. Für einen Dollar, aus dem Warner viele Millionen gemacht hat - eine traumhafte Rendite. Diesen skandalösen Sachverhalt hat Warner im Jahr 2011 bestätigt, als er einen "Tsunami von Enthüllungen" ankündigte, der die Fifa und Blatter hinwegfegen werde.
  • Warner hatte 1994 Havelange geholfen, einen Putschversuch von Blatter zu überstehen.
  • 1998 lieferte er Blatter dann die 35 Stimmen aus der Karibik, damit dieser erstmals Fifa-Präsident werden konnte und plauderte später freimütig darüber: "Ich habe Sepp immer gesagt, spare dir deine Kräfte, bei uns in der Karibik musst du dich nicht sorgen, meine 35 Stimmen sind dir sicher!"

Dafür wurden Warner nach Aktenlage zahlreiche millionenschwere Verdienstmöglichkeiten eröffnet. Die TV-Rechte waren nur eine - lange Jahre handelte er ungestört mit Zehntausenden WM-Tickets, er richtete eine Nachwuchs-WM auf Trinidad & Tobago aus. Dort wurden sogar seine Söhne Daryan und Daryll mit Millionenverträgen (Catering, IT) ausgestattet wurden. Inzwischen haben die beiden gegenüber dem FBI und der Steuerbehörde IRS gestanden. Warner hat solche Geschäfte gern als "ultrafantastisch" bezeichnet.

TV-Verträge als Handelsware

Als die karibischen WM-Rechte für 2002 vom damaligen Fifa-Partner ISL einmal überraschend an die Fernsehgesellschaft CSTN vergeben wurden, beschwerte sich Warner bei Blatter und drohte damit, die Nachwuchs-WM 2001 platzen zu lassen. "Entscheiden Sie entsprechend", forderte er Blatter auf. Bald wurde der CSTN-Vertrag aufgelöst und Warner erhielt die Rechte für das WM-Turnier 2002 inklusive einer Option für 2006, die eingelöst wurde. Für 2010 und 2014 lief es über den Umweg CFU (Karibischer Fußballverband), diesmal wurden winzige Summen in die Verträge geschrieben, jene 250.000 und 350.000 Dollar, über die das Schweizer Fernsehen nun berichtete.

Doch die CFU, wie Concacaf von Warner geführt, diente nur als Vehikel. Warner verkaufte die Rechte sofort weiter an seine eigene Firma. Insgesamt dürfte er im Laufe seiner Amtszeit mehr als 100 Millionen Dollar kassiert haben. Die Fifa teilte am Wochenende lediglich mit, "der Vertragspartner CFU hat die Zahlungspflichten nicht erfüllt, sowie diverse weitere Vertragsverletzungen begangen".

Wie gewohnt soll das vom Kern der Sache ablenken: Dass derlei Deals die Regel waren, nicht die Ausnahme. Wenn Fifa-Präsident Blatter, ausgestattet mit Alleinunterschriftsbefugnis, seinem Vizepräsidenten Warner TV-Rechte für einen symbolischen Preis zuschanzt, ist das per se ein Fall für die Staatsanwaltschaft. Es muss wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung ermittelt werden. Möglicherweise kann eine Verjährungsfrist Blatter retten: Den WM-Vertrag für 2010 und 2014 hat er exakt vor zehn Jahren unterschrieben, am 12. September 2005, einen Tag nach dem 55. Fifa-Kongress in Marrakesch.

Klimawandel im Umgang mit der Fifa

Das vom SRF veröffentlichte Dokument ist ein weiteres wichtiges Puzzleteil. Schon 1998 war an einem größeren Beispiel dokumentiert worden, wie Blatter sogar bei der Vergabe von Milliardenverträgen nachhalf und offenbar nicht am besten Geschäft für die Fifa interessiert war. So wurden Mitbewerber ausgebootet, um dem einstigen Rechtehändler Leo Kirch und der ISL die TV-Vermarktung der Weltmeisterschaften 2002 und 2006 zuzuschanzen.

In der Schweiz hat die Verschärfung des Korruptionsstrafrechts - und hier besonders die Einbeziehung von Sportfunktionären - vergangene Woche im Ständerat nach langen Jahren die letzte parlamentarische Hürde genommen. Retrospektiv ist diese Gesetzesnovelle zwar nicht auf WM-Verträge oder die WM-Vergaben an Russland und Katar anzuwenden. Doch das Klima hat sich gewandelt. Am Sonntag ließ Bundesanwalt Lauber in einem Zeitungsinterview verlauten, seine Behörde, die mit Hochdruck ermittele, sei "weder Ausführungsgehilfin von Joseph Blatter noch von sonst jemandem".

Die Ermittlungen können noch Jahre dauern. In den USA muss sich Anfang Oktober Blatters ehemaliger Vize Jeff Webb vor einem Untersuchungsrichter erklären. Webb ist gegen zehn Millionen Dollar auf freiem Fuß und muss der Justiz Informationen liefern, um nicht Jahrzehnte ins Zuchthaus zu gehen. Die Fifa lässt sich inzwischen von der Kanzlei Quinn Emmanuel strafrechtlich vertreten. Einer Firma für die ganz schweren Fälle.



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Seite 1
brainstormerene 13.09.2015
1.
Ich hoffe das das irgendwie ueber ein amerikanische konto lief dann ist das auch ein fall fuer die us -justitz und die chance hoeher das der gute seppel endlich einer ordentlichen gerichtsbarkeit zugefuehrt wird. dieser fall ist ja so etwas von offensichtlich und schon wirklich so kackend dreist das man nur noch den kopf schuetteln kann. mal sehen was die us justiz und die ermittelnde schwrizer staatsanwalschaft morgen dazu bekannt geben werden .....ist ja zumindestens angekuendigt
dr.könig 13.09.2015
2. Blatter wird Probleme bekommen ! ?
Bei diesen Geschäften ist ein sogenanntes " Kickback " üblich. Das FBI und/oder die schweizer Justiz wird das noch herausfinden. Es könnte dazu kommen, dass bis zur Neuwahl ein kommisarischer Präsident bei der FIFA amtiert ! ?
fussball11 13.09.2015
3.
Zitat von dr.königBei diesen Geschäften ist ein sogenanntes " Kickback " üblich. Das FBI und/oder die schweizer Justiz wird das noch herausfinden. Es könnte dazu kommen, dass bis zur Neuwahl ein kommisarischer Präsident bei der FIFA amtiert ! ?
Ein Kickback wird es geben wenn man klar ausspricht wer die ISL war und welche Sportsfreunde dahinter steck(t)en.
33dd 14.09.2015
4. Eigentlich sehr langweilig....
... Ich habe etwa vor 5 Jahren eine "Wiederholung" einer Doku eines englischen Journalisten im Fernsehen gesehen, in der exakt alle diese Machenschaften um Jack Warner, die hier als NEWS verkauft werden, und auch noch viel mehr, auf den Tisch gelegt worden sind. Der ISL Skandal ist auch schon ewig her, und obwohl nachweislich über 100 Mio an Schmiergeld geflossen ist, hat die Schweizer Justiz die Ermittlungen einfach so eingestellt. Das ist alles schon jahrelang bekannt und extrem langweilig. Langweilig deshalb, weil alle davon wussten und alle davon profitiert haben, das lief alles völlig offen, jeder wusste von Geldumschlägen, teuren Uhren, seltsamen Konten.... Interessant wäre es erst, wenn nun nicht nur gegen die FIFA ermittelt werden würde, sondern auch gegen die Schweiz. Vor über 10 Jahren hätte die Schweizer Justiz bereits alle diese FIFA-Clowns einsperren können und müssen, hat sich aber dafür entschieden, dass es besser für die Schweiz ist, an den Fussballmilliarden mitzuverdienen.
guenther2009 14.09.2015
5. Warum sind die Politiker
nicht in der Lage diese Gesetzeslücken zu schliessen. Diese wären wohl wichtiger als Rauchverbote und andere gestzl. Masnahmen, welche die pers. Freiheit des Einzelnen einschränken.
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