Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Fußball und Korruption in Lateinamerika: Eine gewinnträchtige Verbindung

Von , Mexiko-Stadt

Fifa-Präsident Blatter (l.), Vorgänger Havelange (Archiv): Nichts bereut Zur Großansicht
DPA

Fifa-Präsident Blatter (l.), Vorgänger Havelange (Archiv): Nichts bereut

Die meisten beschuldigten Funktionäre des Fifa-Skandals stammen aus Lateinamerika. Das ist kein Zufall: Skrupellose Eliten nutzen die Fußballbegeisterung aus - und der Staat hat der Korruption wenig entgegenzusetzen.

Korruption gehört in Lateinamerika zum Fußball wie die WM-Titel für Brasilien und Argentinien. Und nicht erst seit Joseph Blatter verbindet sich mit dem Weltverband Fifa der Ruch der Bestechlichkeit. Sein Vorgänger, der Brasilianer João Havelange, stand bereits im Verdacht, Schmiergelder angenommen zu haben.

Vor vier Jahren bestätigte sich der langjährige Vorwurf, dass Havelange während seiner Zeit als Fifa-Präsident Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe entgegengenommen hatte. Heute ist er 99 Jahre alt. Bereut oder eingestanden hat er nichts.

Sein ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixeira, lange Jahre Präsident des brasilianischen Fußballverbands CBF und Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees, wurde immer wieder mit dem Vorwurf der Korruption, Steuerhinterziehung und Geldwäsche in Verbindung gebracht. Er hatte die WM nach Brasilien geholt, aber zog sich 2012 schließlich aufgrund erwiesener Schmiergeldannahmen aus dem Führungskreis der Fifa zurück.

Die Protagonisten der Fifa-Krise
Jeffrey Webb
REUTERS 
Jeffrey Webb von den Cayman Islands gilt als Vertrauter von Fifa-Boss Joseph Blatter. Jetzt wird sich der Schweizer wohl von ihm lossagen müssen. Webb, auch Fifa-Vizepräsident, ist ins Visier der Behörden geraten. Er gehört zu denen, die am Morgen in Zürich abgeführt wurden.
Eugenio Figueredo
dpa 
Auch gegen Eugenio Figueredo gehen die Ermittler vor. Er gehört ebenfalls zu den Festgenommenen. Der 83-jährige Funktionär aus Uruguay ist einer der einflussreichsten Strippenzieher in Südamerika.
José Maria Marin
REUTERS 
José Maria Marin, ebenfalls 83, konnte sich im Vorjahr noch im Glanz der Fußball-WM in Brasilien sonnen. Jetzt musste auch er der Polizei ins Präsidium folgen. Der Brasilianer ist im Dunstkreis von Ex-Fifa-Chef João Havelange groß geworden. Havelange ist wegen Korruption längst aus dem IOC ausgeschlossen worden.
Rafael Esquivel
REUTERS 
Rafael Esquivel aus Venezuela ist der dritte Südamerikaner, der von den Festnahmen betroffen ist. Seine Konten wurden von Schweizer Behörden derweil eingefroren.
Eduardo Li
REUTERS 
Auch Eduardo Li wurde in der Früh in Zürich im Hotel Baur Au Lac festgenommen. Li ist Chef des Fußballverbands von Costa Rica.
Jack Warner
REUTERS 
Wenn von Korruption und Fifa die Rede ist, fällt eigentlich immer schnell der Name von Jack Warner (Foto). Der ehemalige Vizepräsident des Weltverbands gilt als Pate der Bestechung im Weltfußball. Ob er im Rahmen der Festnahmen auch betroffen war, ist offen. Dafür wurde sein Attaché, Costas Takkas, festgenommen.
Julio Rocha
REUTERS 
Bekannt ist dagegen, dass Julio Rocha (l.), der ehemalige Präsident des Verbands von Nicaragua, am Morgen abgeführt wurde. Nur an einem prallt wieder alles ab.
 
 
Joseph Blatter ist laut seinem Sprecher "nicht involviert". Wie gehabt.
Die beiden Brasilianer sind nur die bekanntesten Führungsfiguren Lateinamerikas, bei denen Fußball und Verbrechen in einem Atemzug genannt werden müssen. Aber der amerikanische Subkontinent ist wie gemalt für solche Delikte. Denn hier finden sich die Zutaten, die es dazu braucht: An Fanatismus grenzende Fußballleidenschaft, schwache Institutionen, Korruption als ein weit verbreitetes und mitunter gesellschaftlich akzeptiertes Phänomen sowie eine skrupellose Machtelite.

Daher wundert es nicht, dass beim jüngsten Fifa-Skandal von den 18 vom US-Justizministerium beschuldigten Fußball-Funktionären 17 aus Lateinamerika, der Karibik und den USA stammen, also Vertreter des Südamerika-Verbands Conmebol und des Nordamerika- und Karibikverbands Concacaf sind. In Lateinamerika zieht der Fußball jede Art von machtgierigen Funktionären an, die es mit dem Gesetz nicht so genau nehmen.

Es sei logisch, dass die meisten Verdächtigen aus Lateinamerika kämen, sagt der mexikanische Schriftsteller Héctor Aguilar Camin. Die Milliarden, die der Fußball generiere, funktionierten in Ländern mit schwachen Institutionen wie ein Brandbeschleuniger für Bestechung und dunkle Geschäfte. "Man sieht in unseren Staaten so viele Interessenskonflikte und Korruptionsketten, und der Fußball bildet dabei keine Ausnahme. Er ist eine der sichtbarsten Aktivitäten weltweit, aber wirtschaftlich gehört sie zu den undurchsichtigsten überhaupt".

Der Philosoph und Autor vieler Bücher über Fußball, Juan Villoro, nennt die Fifa-Funktionäre gerne Mafiosi. "Die großen Hierarchen des Fußballs setzen Turnierorte durch, nehmen Schmiergelder an, hinterziehen Steuern und verletzen alle Regelwerke, die man sich vorstellen kann", kritisiert der Mexikaner. Da müsse man sich nicht wundern, dass auch auf den Rängen und in den Stadien Lateinamerikas die Gewalt massiv zunehme.

Der Fan, der in baufälligen Stadien im Regen stehe, sein Team verlieren sehe und wisse, was die Funktionäre für Delikte verübten, frage sich auch: "Warum soll ich mich richtig verhalten, wenn es die da oben auch nicht tun." Villoro kann den Gedanken nachvollziehen: "Die größere Gewalt im Fußball wird in den Logen verübt und nicht auf den Stehplätzen."

Die kolumbianische Tageszeitung "El Tiempo" stimmt in den gleichen Tenor ein. Der Fifa-Skandal folge mehr der "Logik des organisierten Verbrechens als den Regeln von gut geführten Unternehmen", schreibt das Blatt in einem Leitartikel.

Nur gut zwei Wochen vor Beginn der Copa América in Chile, der südamerikanischen Kontinentalmeisterschaft, wirft der Fifa-Skandal einen dunklen Schatten auf den Fußball in der Region und das Turnier, das der Fußball-EM in Europa entspricht.

Zudem sind brasilianische Medien einem möglichen weiteren Korruptionsskandal im größten lateinamerikanischen Land auf der Spur: Die Zeitung "O Estado de São Paulo" berichtete jüngst von einem vertraulichen Vertrag zwischen dem brasilianischen Fußballverband CBF und einer Briefkastenfirma auf den Cayman Islands mit Namen International Sports Events (ISE), wonach der CBF eine Strafe von 500.000 Dollar zahlen müsse, wenn Stars wie Neymar nicht für die Nationalmannschaft spielten.

ISE zahle angeblich eine Million Dollar für die Rechte an jedem Freundschaftsspiel der Nationalmannschaft und verlange dafür auch Gegenleistungen. Demnach habe ISE sogar das Recht, ein medizinisches Attest für jeden Spieler zu verlangen, der auf der Bank sitze. Der CBF hat, wie sollte es anders sein, die Vorwürfe zurückgewiesen. Sie seien "lächerlich" und "absurd".

Video: Wie Fifa-Chef Blatter den Skandal sieht

DPA

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Falsche Konklusion
erasmusdarwin 28.05.2015
Ich wage mal, die Konklusion, dass die Mehrheit der Beschuldigten im Korruptionsskandal aus Latein-Amerika kommen damit zusammenhängt, dass dort Korruption Alltag ist, zu bestreiten. Vielmehr hängt es damit zusammen, das die amerikanischen Ermittlungsbehörden gegen die ermittelt haben, die nach amerikanischem Recht verfolgt werden können. Und das sind eben Mitglieder der Concacaf, mit Sitz in Florida. Mitglieder der AFC können froh sein, dass sie ausserhalb des langen Arms der amerikanischen Justiz sind......
2.
fatfrank 28.05.2015
...folge mehr der Logik des Organisierten Verbrechens als den Regeln von gut geführten Unternehmen." Haha, selten so gelacht. TMMD! Wo ist da der Unterschied? Honoré de Balsac: "Hinter jedem größeren Vermögen steckt ein Verbrechen." ;-)
3. Mal wieder typisch.
delano75 28.05.2015
Korruption gibt es natürlich nur in Lateinamerika. Wir Europäer sind natürlich sauber. Was für eine dümmliche Arroganz. Dass Theo Zwanziger eine Armbanduhr im Wert von 20.000 Uhr übersieht, ist natürlich nicht als Korruption zu werten, sondern nur ein dummer Zufall. Wahrscheinlich hat das Zimmermädchen im Hotel die Uhr einfach nur verloren. Nein, Tatsache ist, dass alle Funktionäre vom System Blatter profitieren. Auch die Platinis, Zwanzigers und Niersbachs dieser Welt. Warum begehren denn alle so halbherzig auf? Weil sie Angst haben. Denn wenn Blatter auspackt, können alle FIFA-Funktionäre nach Guatanamo auswandern. Im Übrigen steht der Name Blatter nur für das mafiöse System des Weltfußballs. Wenn Blatter weg ist, kommt ein neuer Blatter. Er hat vielleicht einen anderen Namen. Aber die Methoden bleiben identisch.
4. Nun ja,
Greggi 28.05.2015
es sind nun mal die unterschiedlichen Mentalitäten der Völker. Korruption und Vetternwirtschaft sind der Nährboden für Armut. Und wenn ich mir die Staaten ansehen, die hinter Blatter stehen, sind es halt die Ärmsten der Armen. Bis auf die, die in Regierungs- und Funktionärsämtern sitzen. Und zu glauben, dass man den Manfiosi den Prozess macht und einsperrt und das Problem sei gelöst - Fehlanzeige. Da stehen Tausende (in den Armutsländern), die liebendgerne den "Job" weitermachen würden wie seit eh und je. Es wird Generationen dauern.
5. gewinnträchtige Verbindungen....
helro56 28.05.2015
Franz und Gazprom, zum aktuellen Thema sehr...sehr.. auffällig und wiederspiegelt die wohl berechtigten Vorwürfe, dass es im Weltfussball NICHT mit rechten Dingen zugeht!!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: