DFB-Chef Niersbach und der Fifa-Skandal Hochbezahlt und ahnungslos

"Fassungslos" sei er angesichts des Verfahrens gegen Fifa-Präsident Blatter, sagt DFB-Chef Niersbach. Dabei war mit den Ermittlungen zu rechnen. Auch sonst macht der mächtigste deutsche Fußballfunktionär derzeit keine gute Figur.

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DFB-Chef Niersbach: "Überrascht und fassungslos"
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DFB-Chef Niersbach: "Überrascht und fassungslos"


Die Stellungnahme des Deutschen Fußball-Bundes fiel dürftig aus. "Mit großer Bestürzung" reagiere man auf die dramatische Entwicklung im Weltverband Fifa, heißt es in einem Kommuniqué, das der DFB am Samstag verbreitete. "Der gesamte deutsche Fußball" fordere geschlossen Aufklärung "durch die zuständigen Ermittlungsbehörden".

Nun kann man fragen, mit welchem Recht ein als Verein organisierter Kleinkonzern von Strafverfolgungsbehörden in den USA, der Schweiz, Australien, Südafrika und anderswo Aufklärung einfordern kann, ohne selbst aktiv daran mitzuwirken. Fakt ist: DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, der auch den Vorständen der Fifa und der Uefa angehört, hat an Aufklärung und Reformen nie in vorderster Linie gearbeitet.

Im Gegenteil: Niersbach zählte als enger Vertrauter des Uefa-Präsidenten Michel Platini zu jenen Top-Funktionären, die Aufklärung und Reformen aktiv behinderten. Dafür steht, zum Beispiel, seine Unterschrift unter der "Erklärung der 53 europäischen Fifa-Mitgliedsverbände zur Reform der Fifa-Statuten" vom 24. Januar 2013 in Nyon. Darin lehnte die Uefa zentrale Integritätsprüfungen für Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees und deren Wahl durch den Fifa-Kongress ab (alles soll im Hoheitsgebiet der Uefa geschehen) und sprach sich für eine zeitlich unbegrenzte Mitgliedschaft im Fifa-Exekutivkomitee aus.

Niersbach und sein Freund Michel Platini, der Uefa-Präsident, blockierten mit diesem Papier vernünftige Fifa-Reformen. Niersbach sabotierte damit auch die Arbeit seines Intimfeindes und Vorgängers als DFB-Präsident, Theo Zwanziger. Doch davon mag Niersbach, den viele für einen potenziellen Uefa-Chef halten, nichts mehr wissen. Stattdessen hat er, mit den Vorarbeiten Zwanzigers, im Juni ein sogenanntes Zehn-Punkte-Programm vorgelegt, in dem er fordert, was er zuvor blockierte.

Es empfiehlt sich also genauer hinzuschauen bei den Äußerungen des DFB-Chefs. Niersbach, der ehemalige Sportreporter, ist ein Profi darin, sich nach Vorstandssitzungen gut zu verkaufen. In den Sitzungen selbst aber soll er sich, wenn es hart auf hart kommt, sehr zurückhalten. Manche nennen das Taktik, andere Opportunismus.

Zwei Millionen Franken für Platini

Wenn man Wolfgang Niersbach glauben darf, dann reist er im hochbezahlten Ehrenamt reichlich ahnungslos durch die Welt. Von den unsauberen Vorgängen bei der Fifa und der Uefa habe er nie etwas mitbekommen, sagt er.

So gab er seine Kommentare auch am Freitag vor der Fifa-Zentrale zu Protokoll, während drinnen Beamte der Schweizer Bundesanwaltschaft und der Bundeskriminalpolizei Büros durchsuchten, Dokumente sicherstellten, Blatter vernahmen und auch Platini zu jenen ominösen zwei Millionen Schweizer Franken befragten, die ihm Blatter im Februar 2011 überwiesen hatte - angeblich für Platinis Dienste als Fifa-Angestellter von 1999 bis 2002.

Erstaunlich indes, dass Platini im Frühjahr 2011 unmittelbar nach Erhalt der zwei Millionen Franken dafür sorgte, dass das Uefa-Exekutivkomitee geschlossen die 53 Mitgliedsverbände aufforderte, bei der anstehenden Fifa-Präsidentschaftswahl für Blatter zu stimmen. Dieser bislang unbekannte Transfer von zwei Millionen von Fifa-Konten an Platini, der den Erhalt der Summe bestätigte und behauptete, er habe ein Jahrzehnt zuvor dafür gearbeitet, war die eigentliche Überraschung am Freitagnachmittag in Zürich.

Der Name Platini fällt nicht

Niersbach hatte zu diesem Zeitpunkt das Fifa-Hauptquartier bereits verlassen, war aber noch in der Stadt geblieben und ließ mitteilen, er sei überrascht und "fassungslos" wegen der Eröffnung des Strafverfahrens gegen Blatter. Zu den zwei Millionen Euro für Platini sagte Niersbach nichts.

Ein DFB-Präsident, der in den Vorständen von Uefa und Fifa sitzt und sich inhaltlich so wenig mit der Materie befasst, dass er von dem spätestens seit vergangener Woche zu erwartenden Strafverfahren angeblich überrascht und fassungslos ist, hat entweder seine Hausaufgaben nicht gemacht oder er ist der Falsche für den Job.

Tags darauf, als das DFB-Präsidium seine "Erklärung zu den Ermittlungen in der Fifa" veröffentlichte, fiel der Name Platini ebenfalls nicht. Auch die Uefa wurde nicht erwähnt, nur die Fifa, so als handele es sich um unabhängig voneinander existierende Milliardenkonzerne. Tatsächlich aber sitzen neun Europäer im Fifa-Exekutivkomitee, sieben von ihnen sind in zahlreichen Skandalen und Affären belastet oder sogar schwer belastet. Nur einer, der Engländer David Gill, steht ziemlich sauber da.

Uefa-Chef ist nicht mehr tragbar

Interessant ist natürlich, wenn das DFB-Präsidium (und damit also vor allem sein Präsident) "eine umfassende Kooperation" der Fifa mit den Schweizer Ermittlungsbehörden fordert. Von der Uefa und jenen Uefa-Freunden von Niersbach, die sich in der Vergangenheit der Recherche der Fifa-Ethikkommission zu den WM-Vergaben an Russland und Katar verweigerten, ist nicht die Rede.

Stattdessen sprechen Niersbach und die DFB-Führung über Reformen in der Fifa, die auf der Exekutivsitzung im Dezember abgesegnet und auf dem Sonderkongress Ende Februar 2016 verabschiedet werden sollen. Das ist, höflich formuliert, Humbug. Denn die sogenannte Reformkommission, geführt vom Schweizer Anwalt und Sportlobbyisten François Carrard, der von Blatter dafür auserwählt wurde, und besetzt mit belasteten Funktionären, bleibt inhaltlich weit hinter den Forderungen von Domenico Scala zurück.

Scala ist Chef der Compliance Kommission der Fifa. Es ergibt ohnehin keinen Sinn mehr, über derlei Details zu verhandeln, da Fifa, Uefa und andere Kontinentalverbände nur noch Getriebene der Strafverfolger sind.

Die Causa Platini dürfte in den kommenden Tagen und Wochen noch Fahrt aufnehmen. Der Uefa-Boss und Fifa-Vize ist eigentlich schon jetzt nicht mehr tragbar, klammert sich aber an seine Posten und die Hoffnung, im Februar Fifa-Präsident werden zu können. Davon hängt auch für die Deutschen viel ab, denn natürlich erhofft sich Niersbach von Platini, dass Deutschland die Europameisterschaft 2024 austragen darf.

Derlei Deals gehören in der Uefa zum Tagesgeschäft. Doch nun könnte alles anders werden.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 91 Beiträge
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Seite 1
pb-sonntag 27.09.2015
1.
Fassungslos bin ich auf über solche Aussagen, zeigen sie aber, wessen Geistig Kind der Herr ist. Peinlich allemal.
U-Ffm. 27.09.2015
2. Fifa
Das ganze System ist sowas von korrupt. Der Seppl ist nur die Spitze des Eisbergs. Fragt doch mal Franz Beckenbauer warum er Sportbotschafter für Gazprom ist. Seine 150 Millionen geschätztes Privatvermögen kann er nicht nur durch Werbung und Fußball verdient haben. Niersbach hat vor der letzten Blatterwahl in die deutschen Mikrofone gg. Blatter geschimpft. Vor der Wahl kein Wort und nach der Wahl ein unterwürfiger Händedruck. Aber solange die Zuschauer weiter zu diesen immer perverser werdenden Weltmeister und Europameisterschaften laufen und sich noch Trikots von Nationalspielern kaufen wird sich nichts aber auch gar nichts ändern. Ist Blatter weg wird der nächste Kriminelle gewählt, die hinter Blatter schon lauern sollen noch abgebrühter sein. Eine Neuwahl aus den eigenen Reihen ist ja so als wenn die Frösche ihren eigenen Sumpf austrocknen sollen. Man muss sich wirklich überlegen von dieser immer mehr korrupten Schande abzuwenden. Im Amateurbereich gibt es auch guten Fußball!!!
richardheinen 27.09.2015
3.
Ein hohes Amt wie das des DFB-Präsidenten ist wie die wärmende Sonne. Sie wärmt nicht nur, sondern sie blendet auch, man schließt die Augen und sieht nichts, auch, weil man nichts sehen will.
clararu 27.09.2015
4. Rufer in der Wüste
Empfehlung: Thomas Kistners 2012 erschienenes Buch über die weltweite 'Fußballmafia' - lesen und staunen!
GerhardFeder 27.09.2015
5. Warum ...
... wird diese Betrüger-Kartell immer noch mit einer hohen Summe aus öffentlichen Geldern finanziert?
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