Fifa-Council in Zürich Die alten Netzwerke greifen

Gianni Infantino baut die Fifa-Regierung nach seinem Gusto um - und vertraut dabei auf viele alte Bekannte. Wichtigstes Thema beim Treffen in Zürich: Wie viele Mannschaften dürfen zur WM?

Gianni Infantino
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Gianni Infantino

Aus Zürich berichtet


In Zürich trifft sich die neue Fifa-Regierung an diesem Donnerstag zum zweiten Mal. Zwar sind noch fünf der 37 Posten im Vorstand vakant, doch die Weichen für die Zukunft werden bereits gestellt. Die Weltmeisterschaft der Männer wird ab 2026 erweitert, daran bestehen wenig Zweifel. Ob es 40 Nationalmannschaften werden, wie Gianni Infantino Anfang des Jahres seinen Wählern versprochen hat, oder gar 48, wie der Fifa-Präsident jüngst vorschlug, ist noch offen. Die Entscheidung darüber wird erst im Januar 2017 getroffen, doch das Thema ist allgegenwärtig in Zürich.

Während an seinen suspendierten Vorgänger Joseph Blatter, gegen den ein Strafverfahren der Schweizer Bundesanwaltschaft läuft, nur noch ein Porträtfoto in der Galerie des Home of Fifa und ein Brunnen mit seinem Namen im Vorgarten des Hauptquartiers erinnern, hat Infantino den Rat des Weltverbandes bereits nach seinem Gusto umgestaltet.

Im europäischen Verband Uefa, bei dem Infantino Direktor und Generalsekretär war, hat er die Inthronisierung von Aleksander Ceferin zum Präsidenten unterstützt. Dubiose Funktionäre wie Russlands Sportminister Witali Mutko oder der einflussreiche und vermögende Zypriot Marios Lefkaritis, die als Europas Vertreter dem Fifa-Council angehören, werden von Infantino protegiert.

Gute, alte Bekannte

In Nordamerika und Südamerika, wo die US-amerikanische Justiz in den Kontinentalverbänden Concacaf und Conmebol aufräumt und Dutzende Funktionäre mit jahrzehntelangen Haftstrafen rechnen müssen, ist Infantino ebenfalls gut aufgestellt: Der neue Concacaf-Boss und Fifa-Vize Victor Montagliani aus Kanada zählt zu Infantinos Team. Er ist wie Ceferin einer der Aufsteiger im Weltfußball.

Ceferin bewegt sich dieser Tage äußerst selbstbewusst durch das Home of Fifa und das Park Hyatt, das nach dem Abschied vom Baur au Lac das neue Fifa-Stammhotel ist. Immer an seiner Seite ist ein guter, alter Bekannter: Der Franzose Kevin Lamour, langjähriger Adlatus und Bürochef des suspendierten ehemaligen Uefa-Präsidenten Michel Platini.

Ceferin hat Lamour verpflichtet, der viele Jahre auch eng mit Infantino zusammengearbeitet hat, als der noch Uefa-Generalsekretär war. Eine wichtige Personalie, die belegt, dass die alten Netzwerke greifen. Tomaz Vesel, neuer Compliance-Chef der Fifa und Fußballkumpel von Ceferin in Ljubljana, wird ebenfalls an der Seite des Uefa-Präsidenten gesichtet.

Ein großes Abenteuer

Ceferin übernimmt als Uefa-Boss nun automatisch die Vizepräsidentschaft in der Fifa. Dort hat er mit dem stellvertretenden Generaldirektor Zvonimir Boban, dem langjährigen Kapitän der kroatischen Nationalmannschaft, einen weiteren Vertrauten. Boban hat arge Probleme mit der Justiz, wie kroatische Zeitungen berichteten: Seine Bankkonten sollen eingefroren sein. Ein Gericht verpflichtete ihn, etwa eine halbe Million Euro an einen früheren Geschäftspartner zu überweisen.

Boban legt Wert auf die Feststellung, dass der Fall nichts mit seinem Fußballjob zu tun habe. Ein schwaches Argument und ein Problem für Infantino, dessen Propaganda darauf zielt, der Öffentlichkeit eine "neue Fifa" zu verkaufen. Da stören derlei Geschichten.

Aus Afrika (CAF) und Ozeanien (OFC) hat Infantino keinen Widerstand zu fürchten. Ein notorischer Claqueur wie Constant Omari aus der Demokratischen Republik Kongo wehrte sich kürzlich nicht einmal, als die Anti-Rassismus-Taskforce der Fifa, deren Kommissionschef er war, aufgelöst wurde. Und die Vertreter des OFC, die ihre elf Inselstaaten nun sogar zu Dritt im Fifa-Council vertreten, sind einfach froh, dabei zu sein. Für sie ist das ein großes Abenteuer.

Es gibt zwar auch Widerspruch, doch das ist die Ausnahme: Beim Sonderkongress der asiatischen Konföderation AFC im indischen Goa opponierten die Delegierten, weil der Katari Saoud Al-Mohannadi, gegen den ein Verfahren der Fifa-Ethikkommission läuft, nicht zur Wahl zugelassen wurde. Deshalb ist Asien derzeit nur mit vier statt sieben Personen im Rat.

WM-Startplätze als politisches Machtinstrument

Mit einem vakanten Vorstandsposten muss sich auch die Fifa beschäftigen: Der Uefa-Platz des suspendierten ehemaligen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach ist frei, für die Nachfolge bringt sich Reinhard Grindel in Position, der Niersbach bereits als DFB-Boss beerbte. Grindel hat sich öffentlich als Gegner einer WM-Erweiterung positioniert. Doch es ist zu bezweifeln, dass er mit allzu großem Widerstand seine Ambitionen auf lukrative Vorstandsposten gefährden wird.

Auch ein früherer Kontrahent Infantinos, AFC-Präsident Scheich Salman aus Bahrain, der im Februar die Fifa-Wahl gegen den Schweizer verloren hatte, kann sich übrigens mit einer WM-Erweiterung anfreunden. Kein Wunder: Asien rechnet bei 40 WM-Teilnehmern mit mindestens sechs Startplätzen - derzeit qualifizieren sich vier Teams direkt für die Endrunde, ein fünftes kommt in die Qualifikationsrunde.

WM-Startplätze waren in der Fifa stets ein politisches Machtinstrument. Der Brasilianer João Havelange versprach bei seiner Wahl 1974 eine Ausweitung von 16 auf 24 Mannschaften. Zwei Jahrzehnte später musste er gegen einen putschenden Generalsekretär Blatter seine Wiederwahl sichern und erhöhte die Zahl der WM-Teilnehmer auf 32.

Als Blatter auf dem Fifa-Kongress 2014 in São Paulo von "interplanetaren Wettbewerben" fabulierte, musste man das Schlimmste befürchten. So gesehen sind die 40 oder 48 Teams, die sein Nachfolger Infantino aufruft, geradezu bescheiden. Für den Großteil der gigantischen Kosten für eine solche WM kommt ohnehin nicht die Fifa auf - diese Milliardenrechnung begleicht der WM-Gastgeber.



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