Wie die Fifa weitermacht Blatter geht, Katar bleibt

17 Jahre hat Joseph Blatter die Fifa regiert, wer sein Nachfolger wird, ist völlig offen. Sicher ist nur: Die Katar-WM 2022 steht nicht zur Disposition. Wie es jetzt bei der Fifa weitergeht? Hier sind die Antworten.

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Wer führt jetzt die Fifa?

Joseph Blatter hat angekündigt, bis zur Wahl eines Nachfolgers in den kommenden Monaten im Amt zu bleiben. Häufig führt solch ein angekündigter Rücktritt zum Lame-Duck-Phänomen, aber das ist bei Blatter nicht denkbar. Selbst wenn sich die Nachfolger öffentlich um seinen Posten zanken würden und das FBI mit Ermittlungen drohte, wird der 79-Jährige versuchen, bis zuletzt mitzusprechen, mitzuentscheiden. Sonst wäre es nicht Joseph Blatter.

Wann kann ein Nachfolger gewählt werden?

Ein Nachfolger kann gemäß Fifa-Statuten frühestens in vier Monaten bestellt werden. Wahrscheinlicher ist es, dass ein außerordentlicher Wahlkongress erst Ende des Jahres, eventuell sogar erst zu Beginn 2016 angesetzt wird. Die Fifa ist nicht der Verband für Schnellschüsse.

Wer könnte das sein?

Schwerer zu prognostizieren ist wohl nur, wer neuer Trainer beim FC Schalke wird. Eine seriöse Nachfolgedebatte ist derzeit unmöglich, zu sehr hat Blatter, den alle für unzurücktretbar hielten, die Fußballwelt mit seinem Schritt überrumpelt. So bleibt es dabei, dass die Namen der üblichen Verdächtigen in die Diskussion geworfen werden.

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Blatter-Nachfolger: Das sind die Kandidaten für den Fifa-Thron
Da ist alles dabei: Von Uefa-Boss Michel Platini über den in der Vorwoche unterlegenen jordanischen Prinzen Ali Bin Al Hussein bis hin zu dem mächtigen kuwaitischen Strippenzieher Al Sabah, der allerdings einen engen Draht zu Blatter pflegte. Dass in den Nachrichtenagenturen selbst Franz Beckenbauer ins Gespräch gebracht wird, zeigt, dass die Verwirrung der Öffentlichkeit groß ist.

Wie reagieren die Kontinentalverbände?

Blatter gegen Europa - das war in den vergangenen Wochen die Front. Dagegen standen die Mitgliedsverbände aus Asien, Südamerika und Afrika weitgehend nibelungentreu zum bisherigen Fifa-Boss. Entsprechend zurückhaltend haben sie jetzt auf die Demission Blatters reagiert. "Der AFC beobachtet die Situation und wird mit seinen Mitgliedern diskutieren, welches nun der beste Weg für den Weltfußball ist", lautet zum Beispiel die dürre Erklärung des Asiatischen Kontinentalverbands.

Von der Vereinigung der Nord- und Mittelamerikaner Concacaf gab es immerhin schon das Signal, "an dem Prozess der Erneuerung der Fifa mitzuwirken". Die Concacaf war unter der jahrelangen Führung von Jack Warner tief in die Korruptionsfälle der Fifa verwickelt. Letztlich war es die publik gewordene 10-Millionen-Dollar-Zahlung Südafrikas an die Concacaf über die Fifa, die den Rücktritt Blatters mitforciert hat.

Welche Rolle spielt der DFB?

Eine hoffentlich bessere als in den Vorwochen. DFB-Chef Wolfgang Niersbach hat sich mit seiner Schaukelpolitik zwischen den Rivalen Michel Platini (Uefa) und Joseph Blatter (Fifa) keinen großen Gefallen getan. Niersbach schloss sich zwar den Forderungen der Uefa nach der Ablösung Blatters an. Nach dessen Wiederwahl war er jedoch einer der Ersten, der auf den Schweizer zuging. Auch in der Frage eines möglichen WM-Boykotts gehört er ohnehin zu den Ablehnern.

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Der DFB-Präsident hat seit der Vorwoche Sitz und Stimme im noch mächtigen Fifa-Exekutivkomitee. Der Deutsche Fußballverband als mitgliederstärkster Verband der Welt bringt eine entsprechende Verantwortung mit sich. Viele blicken auf den DFB. Den Rücktritt Blatters bezeichnete Niersbach am Mittwoch als "völlig richtig".

Was wird mit den WM-Turnieren in Russland und Katar?

Alle Erwartungen, dass jetzt noch einmal ernsthaft die WM-Vergaben 2018 und 2022 neu verhandelt werden, sind unrealistisch. Die Verträge zwischen Fifa und den beiden hochumstrittenen Ausrichterländern sind gemacht und werden wahrscheinlich selbst den Korruptionsvorwürfen standhalten. Den Ländern das Turnier wegzunehmen wäre wohl das denkbar mutigste Signal, das man für einen Neuanfang der Fifa aussenden könnte. Aber es ist nahezu ausgeschlossen, dass der Verband sich dazu durchringt. Zum einen wären die Entschädigungszahlungen an die beiden Ausrichter immens, zum anderen gibt es auch keinen echten Willen, dies zu tun.

Die Verbände, die bisher auf eine Neuvergabe drängen - zum Beispiel Australien und England - tun dies auch nicht aus selbstlosen Erwägungen. Beide sind bei der Vergabe mit ihren Bewerbungen gescheitert und spekulieren noch darauf, dass sie den Zuschlag durch die Hintertür bekommen. Das wird nicht passieren.

Relativ leicht möglich wäre es einer neuen Fifa-Führung dagegen, den Druck vor allem auf Katar deutlich zu erhöhen, die Standards für die Bauarbeiter der Stadien einzuhalten. Da ist, außer Lippenbekenntnissen, bisher fast nichts passiert.



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abc. 03.06.2015
1. zum anderen gibt es auch keinen echten Willen, dies zu tun.
Bis gestern Mittag hatte ein gewisser Sepp B. auch keinen echten Willen, sein Amt zur Verfügung zu stellen. Wir werden sehen, wie lange es noch bei der WM in RU / Katar dauert.
otelago 03.06.2015
2. Vorschlag
wir übertragen einfach den Vorsitz und die Verwaltung aller internationalen Organisationen an die US Regierung und deren Ämter, UN und EU gleich mit. Danach werden die Probleme der Vergangenheit angehören!
stefan.martens.75 03.06.2015
3. Sie steht solange nicht zu Diskussion
solange nicht der Funke eines echten Beweises vorhanden ist, dass die WM gekauft wurde. Und den sehe ich bislang weit und breit nicht! Alles was es gibt sind Anschuldigungen, Ermittlungen und Geldüberweisungen aus denen eine Theorie abgeleitet wurde......... Nicht das es nicht gut sein könnte, dass diese Beweise noch kommen und auch eine echte nachweisliche Korruption innerhalb der Fifa halte ich für durchaus möglich. Aber bislang ist davon nichts zu sehen! Jetzt sind erstmal die Ermittler in der Bringschuld!
TangoGolf 03.06.2015
4. verstehe ich nicht:
wenn der Entzug der WM 2022 an Katar nicht realistisch sein soll - in wie weit kann denn eine neue FIFA-Führung den Druck auf Katar erhöhen bezgl. der Arbeitsbedingungen? Mit welchem Druckmittel?
hiphop 03.06.2015
5. Nichts wird sich ändern!
Die Welt ist so wie die FIFA und deshalb wird sich bei der FIFA auch nichts ändern, zumal es um sehr viel Geld auch für die eigene Tasche geht.-Dies gilt zumindestens solange, wie man jedem Staat - unabhängig von seiner Bedeutung auf dieser Welt - die gleiche Stimme gibt und die nationalen Verbände der Spielball von Interessengruppen sind. Selbst der DFB hat im Hinblick auf die mit der FIFA verbunden Gelder nicht die Kraft, die FIFA unter Druck zu setzen.
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