Finale ohne Ballack "Das trifft uns ganz brutal"

Mit seinen Treffern gegen die USA und Südkorea hat Michael Ballack das deutsche Fußball-Nationalteam fast im Alleingang ins WM-Finale geschossen, für das er nach der zweiten Gelben Karte jedoch gesperrt ist. Ohne den Torgaranten, weiß Teamchef Rudi Völler, wird es sehr schwer, zum vierten Mal den Titel zu gewinnen.

Von Till Schwertfeger, Seoul


Seoul - Stephan Ballack hat über seinen Sohn einmal gesagt: Der Michael sei zum Glück "keiner, der sich übermäßig viele Gedanken macht". Dank dieser Eigenschaft kommt der Schütze des Siegtreffers im WM-Halbfinale gegen Südkorea (1:0) sogar ganz passabel darüber hinweg, dass er im Endspiel auf Grund einer Gelbsperre nicht mitwirken kann. Die "bitterste Erfahrung, die ein Fußballer machen kann" hatte er sein Fehlen für Sonntag in Yokohama kurz nach dem Schlusspfiff noch selbst genannt.

In der Kabine habe er ein paar Tränen vergossen, gab der 25-jährige Görlitzer am Mittwoch zu und lächelte schon wieder wie ein Posterboy: "Uns kann nichts mehr aus der Bahn werfen." Er sei hochzufrieden, das Finale erreicht zu haben, und versuche jetzt von außen, positiv auf die Mannschaft einzuwirken. Die Heldenrolle, die ihm Teamchef Rudi Völler nach seinem Tor und dem notwendigen wie verhängnisvollen Foul zugewiesen hat, lehnt er ab. "Ich habe das getan, was andere auch gemacht hätten", sagt Ballack, als habe er lediglich einer alten Dame in den Bus geholfen.

WM-Tragik: Ballack bekommt von Schiedsrichter Meier die Gelbe Karte
REUTERS

WM-Tragik: Ballack bekommt von Schiedsrichter Meier die Gelbe Karte

Der überragende Individualist, nach seinem Wechsel von Bayer Leverkusen zu Bayern München teuerster Spieler der Bundesliga, hat sich bei der Weltmeisterschaft ganz in den Dienst der Mannschaft gestellt. Obwohl Ballack auf Grund einer langwierigen Fußverletzung nicht fit nach Japan und Südkorea anreiste und sich vor dem WM-Achtelfinale gegen Paraguay an der Wade verletzte, stand er als einziger deutscher Feldspieler neben Thomas Linke und Torsten Frings alle sechs Partien der Nationalmannschaft über die komplette Dauer durch.

Der Star glänzte nur selten


Großen Glanz strahlte Ballack, der das Zeug zum Weltstar besitzt, dabei allerdings nur vereinzelt aus. Durch die körperlichen Wehwehchen in seinen Laufbewegungen sichtlich eingeschränkt, schleppte er sich häufig nur über den Platz, aber der einst als Schönspieler verschriene Abiturient biss jedes Mal bis zum Abpfiff auf die Zähne. Temporär tauchte Ballack zwar vollkommen unter, um dann urplötzlich jedoch mit einer einzigen großartigen Aktion - wie gegen die USA und Südkorea - den Mannschaftserfolg sicherzustellen.

Mit drei Treffern und vier Torvorlagen ist der Mittelfeldspieler gefährlichster deutscher WM-Angreifer. "Egal, wie er gerade drauf ist - er ist immer in der Lage, ein Spiel zu entscheiden", sagt Völler bewundernd. Auch bei Bayer Leverkusen und in der WM-Qualifikation der Nationalmannschaft war Ballack erfolgreichster Scorer.

Kaum noch Steigerungspotenzial


"Einen Spieler der Klasse Ballack können wir nicht adäquat ersetzen", schätzt Völler die Lage vor dem Endspiel gleichermaßen realistisch wie skeptisch ein, nachdem sich seine Auswahl an Kreativspielern bereits vor der WM durch die Absagen von Sebastian Deisler und Mehmet Scholl radikal reduziert hatte, "das trifft uns jetzt ganz brutal." Zumal der Teamchef nach der beeindruckenden Leistung im Halbfinale kaum noch Steigerungspotenzial in seinem Team entdeckt: "Im läuferischen und taktischen Bereich sind wir fast am Endpunkt angelangt."

Darüber macht sich Ballack nicht übermäßig viele Gedanken. "Ich bin ein bisschen leer im Kopf", sagt er entschuldigend und ergänzt mit einem Schmunzeln, "eigentlich habe ich ja jetzt Urlaub." Natürlich setzt sich der 25-jährige nicht mit einem Cocktail in den Liegestuhl, sondern nimmt weiter am Mannschaftstraining teil. Nach drei vergebenen Titelchancen in dieser Saison mit seinem Club Bayer Leverkusen gewinnt Ballack der Tatsache, dass er bei seinem möglichen Karrierehöhepunkt nicht aktiv werden kann, sogar eine positive Seite ab: "Vielleicht ist es ein gutes Omen, dass ich nicht spielen kann."



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.