Financial Fair Play: Die neue Macht gegen Mäzene

Von Henning Eberhardt und Tobias Kuske

Das von der Uefa beschlossene Financial Fair Play wirkt sich weit mehr auf den deutschen Fußball aus, als bislang angenommen. Das Magazin "SPONSORS" erklärt, warum Hoffenheim der letzte Verein gewesen sein könnte, dem der Durchmarsch aus dem Amateurbereich in den Profifußball gelang.

Hoffenheim-Profi Ibisevic: Weniger Geld für den Club Zur Großansicht
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Hoffenheim-Profi Ibisevic: Weniger Geld für den Club

Heribert Bruchhagen gilt als traditioneller Kaufmann. Der Aufsichtsratsvorsitzende des Bundesligaclubs Eintracht Frankfurt findet, dass sportliche Erfolge aus eigener Kraft und ohne Schulden gelingen müssen. Finanzspritzen von Dritten sind für Bruchhagen nicht akzeptabel. "Die Bundesliga ist für Investoren nicht der richtige Ort", sagt er. Entsprechend kritisch verfolgte Bruchhagen im Jahr 2008 den Erfolg der TSG 1899 Hoffenheim, die nach ihren ersten 17 Bundesligaspielen sensationell Herbstmeister wurde. Zuvor hatte es der Verein von der dritten Liga in die Beletage des deutschen Fußballs geschafft. Dank Dietmar Hopp.

Der Milliardär schoß Hoffenheim insgesamt etwa 240 Millionen Euro zu und beglich damit auch einige Verluste. Allein von 2007 bis 2009 machte der Club ein Minus von 65 Millionen Euro. Damit soll nun Schluss sein: Hopp fordert gesundes Wirtschaften. Ein Umdenken ist nötig und alternativlos. Denn das von der Uefa auf den Weg gebrachte Financial Fair Play schreibt allen europäischen Proficlubs neue Regeln vor. Das grundsätzliche Ziel: Clubs sollen langfristig ihre Einnahmen nur noch eigenständig aus Sponsoring, Ticketing und Medienrechten erwirtschaften; Wettbewerbsvorteile durch Investorengelder soll es nicht mehr geben. Deswegen erlaubt die Uefa nach und nach immer weniger Zuwendungen dieser Art.

Im Detail dürfen Vereine, die für die Saison 2013/14 eine Lizenz für die Europa League oder die Champions League erhalten möchten, bereits ab der Saison 2011/12 nur noch ein Einnahmen-Ausgaben-Defizit in Höhe von fünf Millionen Euro pro Saison ausweisen. Aber - und jetzt wird es interessant für Investoren wie Hopp - die Uefa hat Ausnahmen von dieser Fünf-Millionen-Grenze geschaffen: So darf etwa ein Club, um die Lizenz 2013/14 zu erhalten, ein Defizit von kumuliert 45 Millionen Euro in den Spielzeiten 2011/12 und 2012/13 ausweisen - wenn dafür ein Investor bürgt.

Fair Play verändert die Rahmenbedingungen im Profifußball maßgeblich

Danach wird es weniger; so darf für die Lizenz 2017/18 nur noch ein kumuliertes Defizit von 30 Millionen Euro für 2014/15 bis 2016/17 ausgewiesen werden. Hopp erkannte früh, dass das Financial Fair Play die Rahmenbedingungen im Profifußball maßgeblich verändert, und reagierte: Spieler mit hohen Gehältern wurden verkauft, sodass frisches Geld, das nicht vom Mäzen kam, in die Kassen floss. Die Einnahmen etwa aus dem Transfer des Spielers Luiz Gustavo drückten Hoffenheims Minus des Jahres 2010 um fast die Hälfte auf 16,6 Millionen Euro.

Bestärkt wird Hopp in seinem Sparkurs durch die Einschätzung von Branchenkennern, die prophezeien, dass die DFL ihre Lizenzbestimmungen an die Vorgaben des Financial Fair Plays anpassen werde. Schließlich wolle sich die Liga nicht nachsagen lassen, eine weichere Lizenzierung zu haben als die Uefa. Offiziell äußert sich die DFL vorerst nicht zu dem Thema.

Derlei Szenarien sorgen nicht bei allen Betroffenen für Heiterkeit. So auch nicht in Leipzig. Hier steht die Red Bull Arena, Heimspielstätte der ehemaligen Fußballabteilung des SSV Markranstädt, heute bekannt als Rasen-Ballsport Leipzig oder kurz RB Leipzig. Das Ziel des Nord-Regionalliga-Aufsteigers und vor allem das des Hauptgeldgebers, Brausehersteller Red Bull, ist klar: Leipzig soll in die Bundesliga aufsteigen und dann schnellstmöglich auch in der Champions League spielen.

Nachwuchsförderung der Erfolgsgarant

Für Traditionalisten wie Bruchhagen eine grauenhafte Vorstellung, wird solch ein ambitioniertes Ziel doch wohl nur mit kräftigen Finanzspritzen von Red-Bull-Inhaber Dietrich Mateschitz zu erreichen sein. Umso mehr wird es Bruchhagen freuen, dass das Financial Fair Play derlei Plänen in Zukunft einen Riegel vorschiebt.

Bricht damit das Fußball-Modell von Red Bull in Deutschland auseinander? Die Verantwortlichen wollen dazu nichts sagen. Laut Mateschitz soll aber die Nachwuchsförderung der Erfolgsgarant sein: "Ein paar Hundert Millionen nehmen" und damit eine "Söldnertruppe" zusammenzusetzen sei "keine Kunst", erklärte der Red-Bull-Eigentümer Mateschitz dem Sport-Informations-Dienst. Dazu passt, dass der Energiedrinkhersteller den Leipzigern 30 Millionen Euro für ein neues Trainings- und Nachwuchsleistungszentrum bereitstellt.

Unklar ist, ob Mateschitz von jeher so geplant hat oder die langatmige Jugendförderung dem Financial Fair Play geschuldet ist. Der von ihm eingeschlagene Weg ist aber logisch: Denn Investitionen in die Jugendarbeit werden beim Financial Fair Play nicht negativ betrachtet, sie werden "tendenziell sogar positiv bewertet", weiß Thomas Fuggenthaler von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young.

Fragwürdig ist, ob RB Leipzig mit einer reinen Nachwuchsförderung, sei sie noch so kostspielig, wie geplant die Bundesliga in fünf bis sechs Jahren erreichen kann. Es könnte also gut sein, dass der Durchmarsch von Hoffenheim der letzte seiner Art war - sehr zur Freude von Traditionalisten wie Heribert Bruchhagen.

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