Football@home: Barton Schmutzfink
Sein Ruf könnte schlechter nicht sein. Auf der Insel mag Joey Barton kaum einer. Dabei hat der Fußballer von Manchester City das Zeug zum Star. Er ist ein toller Kämpfer, der sich nie hängen lässt. Aber leider ist Barton auch sehr häufig neben der Spur.
Der Spruch war reichlich keck. "Wieso veröffentlichen die jetzt Bücher?" fragte Joey Barton und machte den autobiographisch veranlagten Steven Gerrard und Frank Lampard in einem Abwasch auch gleich einen Vorschlag für einen flotten Werbespruch: "Wir haben im WM-Viertelfinale verloren, ich habe scheiße gespielt. Hier ist mein Buch."
Fußballer Barton: Problematischer Fall
Bartons Nominierung sollte auch zeigen: Kantige Kämpfertypen sind nötig, nur mit filigranen Selbstdarstellern geht es nicht. Viele Fans aber konnten sich mit der Berufung nicht wirklich anfreunden: Sie sehen in Barton, bekannt für seine aggressive Spielweise, keinen Widergänger des alt-ehrwürdigen Rauhbeinfußballs britannischer Prägung. Sie halten den 24-jährigen schlichtweg für einen Proleten, ein Symbol des moralischen Verfalls der Jugend.
Barton stammt aus Huyton in der Nähe von Liverpool, dem Ort, in dem auch der später zum Ritter geschlagene Schauspieler Rex Harrison geboren wurde. Barton würde besser in einen Film von Ken Loach passen. Sozialdramen hat er am eigenen Leib erlebt. Als Opfer und Täter. Bei einer Weihnachtsparty vor zwei Jahren drückte Barton seine Zigarre im Auge eines Nachwuchsspielers aus, sein Club hätte ihn fast gefeuert. Im folgenden Sommer geriet Barton während eines Vorbereitungsturniers in Thailand in gleich zwei Schlägereien. Erst prügelte er sich mit einem Everton-Fan, danach mit dem eigenen Mitspieler Richard Dunn.
"Eine Schande für seinen Club"
Für die größte Empörung auf der Insel sorgte aber eine Aktion, an der Joey Barton selbst gar nicht beteiligt war. Sein Halbbruder Michael, zu dem er kaum Kontakt hatte, damals 17, erschlug Ende Juli 2005 zusammen mit seinem drei Jahre älteren Cousin Paul Taylor einen jungen Schwarzen. Von einem "rassistischen Motiv" ging das Gericht aus und verhängte langjährige Haftstrafen. Joey Barton brachte es in punkto Ansehen auch nichts, dass er seinen geflüchteten Halbbruder via TV aufforderte, sich der Polizei zu stellen. "Michael, wenn du irgendetwas weißt, musst du aussagen."
Simon Hattenstone, Kolumnist der englischen Zeitung "The Guardian" und Fan von Manchester City, formulierte einmal unverblümt: "Joey Barton ist eine Schande für seinen Club." Da hatte sich Barton wieder einmal eine Eskapade geleistet. Als er im Oktober 2006 mit ManCity bei Everton spielte, sangen die Heimfans: "You are going down with your brother". Das Wortspiel ("going down" bedeutet "verlieren", aber auch "in den Knast gehen") zeigte Wirkung: Nach dem Abpfiff streckte Barton dem Everton-Block seinen Allerwertesten entgegen, selbstverständlich den entblößten.
Trotz allem: Sein Clubcoach Stuart Pearce hält viel von Barton. So verteidigte er ihn jüngst wieder einmal öffentlich. Bei der Partie Manchester City gegen Portsmouth (1:2) vor drei Wochen hatte Barton den Portugiesen Pedro Mendes umgetreten, Evertons Torschütze musste vom Platz getragen werden. Nach dem Schlusspfiff machte Barton provozierende Handbewegungen Richtung Portsmouths Fankurve. Pearce zeigte sich verständnisvoll: Barton möge es einfach nicht, wenn ihm jemand im Weg stehe. So eine Zielstrebigkeit habe ihn selbst als Spieler ausgezeichnet.
Pearce nannte man in England früher "Psycho". Wegen seiner robusten Spielweise und auch wegen jenes Torjubels nach dem verwandelten Elfmeter im Viertelfinale der EM 1996 (4:2 gegen Spanien). Mit wilden Augen stierte Verteidiger Pearce in Richtung Tribüne, als handele es sich dort nicht um die eigenen Fans, sondern um Dämonen, die er verscheuchen wollte. Englischer Fußball ist stets voller Leidenschaft. Das liege auch daran, weil die Zuschauer so dicht neben dem Spielfeld sitzen. Diese Art des Spiels bringe ganz spezielle Fußballer hervor: Rowdys mit Show-Ambitionen.
Diese Provokateure, die die Reibung mit der Masse suchen, sind oft echte Genies. Craig Bellamy zum Beispiel, der sich bei Liverpool mit Suff-Eskapaden erst an den Rand eines Rausschmisses brachte, um dann unlängst einen historischen Sieg gegen Barcelona in der Champions League zu inszenieren. Oder Robbie Fowler, den Liverpooler Fans nur "God" nannten. Fowler glänzte einst nach einem verwandelten Elfmeter mit einer geistreichen Einlage: In Anspielung auf Gerüchte in der Presse tat er so, als wolle er die Torauslinie schnupfen.
Und Joey Barton? Im November vergangenen Jahres traf Man Citys Stürmer Bernardo Corradi nach Bartons Vorarbeit zum 2:0 gegen Fulham. Beim Jubel in der heimischen Fankurve schnappte sich Corradi die Eckfahne und schlug Barton zum Ritter: ein schöner Moment. Im englischen Königreich haben Ritter einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Barton wird den besonderen Moment deshalb genossen haben. Endlich einmal Schläge auf die Schulter und nicht in den Nacken.
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