Football@home Mini-Abramowitsch ohne Herz

Das "Modell Abramowitsch" macht auf der Insel Schule. Auch beim Edinburgher Club Heart of Midlothian ist ein finanzkräftiger Investor aktiv. Wladimir Romanov stammt jedoch aus Litauen und hat nicht so viel Geld wie der russische Ölmilliardär. Erfolgreich ist er dennoch.

Von Volker Gulde


Seit Jahren machen sich englische Fussball-Kommentatoren über die schottische Liga lustig. Seit 20 Jahren, um genau zu sein. Letztmalig 1985 ging die schottische Meisterschaft nicht nach Glasgow, an die sogenannte "Old Firm". Aberdeen gewann damals den Titel - unter dem Coach Ferguson, heute als Sir Alex bei Manchester United aktiv. Sechsmal holte das katholische Celtic die Meisterschaft nach Parkhead, 14-mal landete die Trophäe bei den protestantischen Rangers in Ibrox, von manch einem auch "Castle Greyskull" genannt. Es ist also nicht sonderlich überraschend, dass die schottische Premier League als "two horse race" gebrandmarkt wurde. Langweilig sei diese, außer Celtic und Rangers alles nur "whipping boys". Ein Fall für die Peitsche also.

Vereinsboss Romanov: Hartes Durchgreifen
AP

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Dabei übersehen die Engländer geflissentlich, dass die eigene Liga, die selbstverständlich die beste der Welt ist, über ein Jahrzehnt praktisch auch nur zwei Pferdchen hatte, die für den Sieg in Frage kamen. Außer 1995, als die finanzkräftigen Blackburn Rovers triumphierten, war die Liga fest in der Hand von ManU (acht Titel) und Arsenal (drei Titel). Also eigentlich kein großer Unterschied in dieser Hinsicht.

Dann aber kam der Russe Roman Abramowitsch ins Spiel. Die Premiership-Tabelle in England sah plötzlich anders aus. Schon 2004 war Chelsea Zweiter, noch unter dem italienischen Coach Claudio Ranieri. Als dann aber zu den russischen Milliarden ungewisser Herkunft noch die unbestrittenen Fähigkeiten des Trainers José Mourinho an der Seitenlinie kamen, war das Team von der Stamford Bridge nicht mehr aufzuhalten. Mit zwölf Punkten Vorsprung wurden die "Blauen" 2005 Meister. Die Ironie an der Geschichte ist nur, dass sie jetzt in England ein "one horse race" haben.

Im Fahrwasser von Abramowitsch fand jedoch noch eine andere Umgestaltung der britischen Fussball-Landschaft statt, diesmal nördlich des Hadrian's Walls - in Edinburgh. Dort bildeten "Hibs" (Hibernian bedeutet im Lateinischen Irland) und "Hearts" (Hearts of Midlothian, Spitzname "Jambos") quasi eine "Old Firm" en miniature. Bildeten, weil seit der Ankunft von Vladimir Romanov vor rund einem Jahr nichts mehr ist, wie es vorher einmal war.

Romanov ist ein litauischer Banker, der sein zwischen 400 und 800 Millionen Euro geschätztes Vermögen im Bankwesen gemacht hat. Romanov, der 55,5 Prozent der Hearts-Anteile hält, stoppte den geplanten Verkauf von Tynecastle, dem traditionsreichen Heim der "Jambos" an der Gorgie Road. Die alte Vereinsführung wollte mit dem Erlös den Schuldenberg von 20 Millionen Pfund abtragen. Dafür sprang Romanov ein, dem auch noch der weißrussische Verein Ripo Minsk und der FBK Kaunas aus Litauen gehören. Dann wurde Geld in die Mannschaft gesteckt, um mittelfristig mit den Glasgower Clubs mithalten zu können. Unter anderem kam der griechische Europameister Takis Fyssas. Mannschaftskollege Rudi Skacel aus Tschechien, ebenfalls neu, ist bester Torschütze der schottischen Premier League. Inzwischen kündigte Romanov sogar an, das Stadion ausbauen zu wollen.

Im Gegensatz zum FC Chelsea ist bei den "Hearts" nicht der Trainer der Star, sondern der neue Eigentümer. Und während sich Abramowitsch in punkto Fußball zurückhält, greift Romanov häufig ein. So wurde auf Geheiß des 58-Jährigen ein Spieler verpflichtet, den der Coach nie gesehen hatte, und ein weiterer, der beim Probetraining durchgefallen war. Übungsleiter George Burley nahm dies zähneknirschend hin, zumal der Erfolg keine Jahre auf sich warten ließ.

Sieben Spiele, sieben Siege - der beste Auftakt seit anno Tobak erfreute die Fans in Tynecastle. Als die "Hearts" dann auch noch die Glasgow Rangers zu Hause schlugen und einen Punkt vom Auswärtsspiel bei Celtic mitbrachten, waren sie plötzlich zum ernsthaften Gegner aufgestiegen. Auch nach zwölf Spieltagen sind sie Tabellenführer, drei Punkte vor Celtic. Die Rangers sind mit elf Zählern Rückstand abgeschlagener Vierter.

Chelsea-Boss Abramowitsch: Viel Geld, viel Erfolg
AP

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Kurz vor dem Spiel am vergangenen Samstag gegen Dunfermline (2:0) wurde der Mannschaft mitgeteilt, dass man sich vom Trainer getrennt habe. Seitdem beharken sich die unterschiedlichen Fraktionen. Romanov, dessen Sohn im Club mitmischen darf, habe sich zu sehr in die sportlichen Belange eingemischt, klagen die Burley-Anhänger. Der Coach sei auf dem Absprung zu einem größeren Verein gewesen, heißt es im Romanov-Clan. Aston Villa wurde genannt und sogar die Glasgow Rangers.

Die Medien in Edinburgh und Glasgow waren sich ausnahmsweise einmal einig. Auch wenn Burley ein schwieriger Zeitgenosse sei, der seinen letzten Job vor dem Engagement in Edinburgh schon nach fünf Monaten wieder aufgegeben hatte, so sei einem Coach von seinem Kaliber eine solche Behandlung nicht zuzumuten. Kleiner Trost für Burley: Dessen Vorgänger John Robertson musste ebenfalls gehen. Natürlich auch freiwillig. Romanov, der den neuen Coach bald präsentieren will, hatte Robertson, eine Ikone der "Hearts"-Fans, solange madig gemacht, bis der sich geschlagen gab.



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