"Football@home" Sex please, we are British!

"Football@home" - die wöchentliche Fußball-Kolumne von der Insel bei SPIEGEL ONLINE. Heute: Sex! Sex! Sex! Englands Presse - gleich ob seriös oder auf dem Boulevard zuhause - kennt in diesen Tagen nur ein Thema - das nicht eheliche Geschlechtsleben von grauhaarigen, bebrillten Männern um die 50.

Von Adrian Schimpf


Egal, welchen Teil einer beliebigen englischen Zeitung man aufschlägt, überall fühlt man sich eher an verklemmt-aufklärerische Pubertätspostillen erinnert als an seriösen Journalismus. Ein kurzer Blick in den Politikteil: Ein belangloses amouröses Abenteuer von John Major aus den fernen achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit einer Hinterbänklerin der Tories, Edwina Currie, füllt Seite um Seite des vorderen Zeitungsbuchs. Denn Currie hat erst jetzt gegen ein hübsches Honorar das Techtelmechtel publik gemacht. Eine "Kiss-and-Tell-Story" nennt man das in England, und offenbar glauben die britischen Zeitungshäuser, dass die insulane Leserschaft nichts lieber studiert.

Im Focus der britischen Öffentlichkeit: Englands schwedischer Nationalcoach Sven Göran Eriksson und seine italienische Freundin Nancy Dell'Olio
REUTERS

Im Focus der britischen Öffentlichkeit: Englands schwedischer Nationalcoach Sven Göran Eriksson und seine italienische Freundin Nancy Dell'Olio

Und so kam es - damit zum Sport -, dass am Wochenende gleich zwei Fußballtrainer für Auflage sorgen sollten. Beide - wie gehabt - schon fortgeschrittenen Alters, ergraut und mit schwindender Sehkraft. Der eine ist Manchester Uniteds Coach Sir Alex Fergusen. Die samstägliche Titelschlagzeile des "Daily Mirror" schrie in riesigen Lettern: "Sex-Rätsel über Sir Alex Ferguson", und die Sonntagsausgabe legte, ebenfalls auf Seite eins, nach: "21-Jährige: Sir Alex hat mich betatscht!" Als dürre Fakten folgten: Eine junge Frau chauffiert Ferguson von einem Nachtclub ins Hotel. Ferguson habe während der Fahrt ihren Oberschenkel angefasst, behauptet die Frau. Stimmt nicht, sagt Sir Alex. Und da außer den beiden keiner im Auto war, wird niemand sonst wissen, was nun tatsächlich stimmt. Wirkliche Geschichten sehen anders aus.

Zwei Eisen im Feuer


Bei der Sex-Affäre von Englands Nationaltrainer Sven Göran Eriksson ist, immerhin, unstreitig etwas passiert. Eriksson - Brille, graues Haupthaar, über 50 - hatte vor der Weltmeisterschaft zeitweilig zwei Eisen im libidösen Feuer: Stammfreundin Nancy Dell'Olio einerseits und, zwischendrin, seine schwedische Landsmännin Ulrika Jonsson andererseits, die im Vereinigten Königreich eine mediokre Bekanntheit als TV-Star erlangt hat.

Die innerschwedische Liaison zwischen Eriksson und Jonsson ist längst passé, und die internationale Beziehung mit der Italienerin Dell'Olio wieder im Lot. Aber, pünktlich zum ersten EM-Qualifikationsspiel der von Eriksson betreuten England-Squad in der Slowakei, veröffentlichte Ulrika Jonsson ein Buch mit dem Titel: "Ehrlich". Es geht - na klar - auch um das Doppel Eriksson/Jonsson. Der Vorabruck erscheint seit Sonntag in der "Daily Mail", der auflagenstarken Zeitung (2,1 Millionen Stück) auf der Insel.

Beleidigung zur Begrüßung


Womit wir etwas zur Beziehung zwischen Eriksson und der Presse allgemein und der "Daily Mail" im Besonderen sagen müssen. Die "Daily Mail", die selbsternannte Gralshüterin von englischer Tradition und Identität, hat drei klar definierte Feindbilder: drittens die BBC, zweitens New Labour und erstens, und zwar allererstens, Inhaber von schwedischen Pässen auf dem englischen Trainerstuhl. Unvergessen der Willkommensgruß der "Daily Mail": "Englands Erniedrigung kennt kein Ende. Wir haben unser Geburtsrecht an eine Nation von sieben Millionen Skiläufern und Hammerwerfern verhökert, die ihr halbes Leben in Dunkelheit verbringen." Nur zur Erinnerung: als Eriksson die am Boden liegende Englandauswahl vom englischen Nationalheiligtum Kevin Keegan übernahm, hätte kein klar denkender Brite auch nur einen Penny auf eine erfolgreiche WM-Qualifikation Englands gesetzt.

Selbst nach dem 5:1 von München und einer einigermaßen passablen Weltmeisterschaft hat sich das Verhältnis von Eriksson zur Presse höchstens im Millimeterbereich verbessert. Jeder Journalist weiß, dass es der Schwede hasst, von Reportern auf sein Privatleben angesprochen zu werden. Das ist seine Sache, findet er, und geht die Öffentlichkeit nichts an. Der Fußballverband hatte daher vor der abschließenden Pressekonferenz zum Samstagsmatch gegen die Slowakei die anwesende Journaille gebeten, sich auf Fragen zum Spiel zu konzentrieren. Die versammelten Berichterstatter jedoch stellten in den ersten zehn Minuten ausschließlich Fragen zum Liebesspiel des Schweden, nur um hinterher heuchlerisch schreiben zu können: "Wie lange hält Eriksson das noch aus? Schmeißt er hin?"

Aura eines verschlissenen Bankiers


ZUR PERSON
Adrian Schimpf ist Rechtsanwalt und unterrichtet an der University of Surrey in Guildford/England als Hochschullektor des DAAD deutsches Recht. Zuvor war der 34-Jährige für die "Hamburger Morgenpost", die "Sächsische Zeitung" und die "Financial Times Deutschland" tätig. In seiner wöchentlichen Kolumne "Football@home" widmet sich der gebürtige Berliner dem Fußballgeschehen auf der Insel.
Nicht nur die "Daily Mail" heuchelte. Denn auch bei den Schreibern der anderen Blätter ist Eriksson nicht gerade ein Star. Seine Statements - ausschließlich zum Thema Fußball - sind an Langweiligkeit kaum zu überbieten. Überhaupt verstrahlt der Schwede die Aura eines verschlissenen Bankers im mittleren Management. Hartnäckig hält sich die genussvoll kolportierte Behauptung, ein englischer Nationalspieler habe über Erikssons emotionslose Kabinenansprache in der Halbzeitpause des WM-Viertelfinales gegen Brasilien gewitzelt: "Wir hätten einen Winston Churchill gebraucht. Aber wir bekamen einen Ian Duncan Smith." Smith ist der gegenwärtige Führer der britischen Konservativen, und zwar der mit weitem Abstand farbloseste, den Tories je hatten.

Doch trotz allen medialen Trommelfeuers ist der Schwede bei den englischen Fans nicht unbeliebt. Für sie zählen die unter Eriksson errungenen Siege gegen die Erzfeinde Deutschland und Argentinien mehr als die Frage, mit wem der Trainer wann ins Bett stieg. Die "Daily Mail" wird das in ihrem Feldzug gegen Eriksson nicht bremsen. Die schon geschärften Messer mussten zwar nach dem hart erarbeiteten 2:1-Sieg der Engländer in der Slowakei am Samstag wieder in die Schublade gesteckt werden, aber die ganze Woche packt ja Ulrika Jonsson aus. Am Sonntag ging es los mit dem Vorabdruck von "Honest". Der Leser erfuhr auf diese Weise, dass Eriksson von seinem Dienst-Volvo aus Telefonate mit Ulrika führte - eine relativ belanglose Kleinigkeit, die als schockierendes Intimdetail verkauft wurde.

Kein Wunder, wenn Eriksson überlegt, den Bettel hinzuschmeißen. Nur sollte er dann nicht unbedingt, wie mancherorts schon spekuliert wird, Nachfolger von Ferguson in Manchester werden - das öffentliche Interesse am Sexualleben des aktuellen ManU-Coaches ist, wie gesehen, um keinen Deut zurückhaltender.



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