Football@home You'll never sing alone

Im Mutterland des Fußballs ist vieles anders. Autoverkehr, Essen - und unter anderem auch die Sangesfreudigkeit der Stadionbesucher. Gottseidank vertrauen die Briten bei ihren Darbietungen nicht nur auf Stimmkraft. Die Fans auf der Insel sind auch noch einfallsreich.

Von Volker Gulde


Deutschland - Land der Dichter, Denker und Männergesangsvereine. Wohlig schunkelnd schmettert der deutsche Mann seine Lieder und ist glücklich dabei. Ganz anders dagegen die Briten. Der britische Mann singt nicht, außer es handelt sich um Tom Jones, Engelbert Humperdinck oder Rod Stewart. Es gibt aber ein Biotop, in welchem die Sangeskunst des britischen Mannes dem seines kontinentalen Gegenstücks überlegen ist - beim Fußball.

Wer jemals bei einem Spiel in einem ausverkauften britischen Stadion war, wird dies bestätigen können. Nichts, aber auch gar nichts klingt wie ein britischer Ground. Sogar aus der Konserve lässt einem das noch wohlige Schauer über den Rücken laufen. Einfach "Three Lions" (vulgo: "Football's Coming Home") von den Lightning Seeds in den CD-Spieler einlegen, Augen zumachen und das Intro genießen.

Liverpooler Fans: Opfer von Schmähgesängen
AFP

Liverpooler Fans: Opfer von Schmähgesängen

Die Lieder, die die Fans der britischen Vereine singen, sind nicht immer wahnsinnig melodisch und sehr häufig politisch unkorrekt. Sie bestimmen aber die Atmosphäre beim Spiel und zu einem Teil auch den Stellenwert des Vereins in der Hierarchie der verschiedenen Clubs. Der Kommentar "Shit fans, no songs" fasst das schön zusammen. Und die Lieder sind zum Teil einfach sehr komisch - finden zumindest mehrere Millionen Männer auf der Insel.

Es ist geradezu unglaublich, wie kreativ manche Fangruppen sind, um ihren Verein und einzelne Spieler zu feiern. Ein Beispiel. Bobby Zamora, derzeit bei West Ham United, stürmte früher für Brighton and Hove Albion. Deren Fans feierten ihn mit "When the ball hits the goal, it's not Shearer nor Cole, that's Zamora", das Ganze zur Meldodie von Dean Martins Klassiker "That's Amore". Auf ein solches Liebesbekenntnis wartete man in deutschen Stadien bislang vergeblich.

Auch ein deutscher Spieler wurde schon von den Fans mit einem eigenen Lied geehrt. Aus dem Mary-Poppins-Hit "Chim Chiminee" machten die Fans von Tottenham Hotspur "Chim Chiminee, Chim Chiminee, Chim Chim Chiroo, Jurgen was a German but now he's a Jew". Gemeint war der heutige Bundestrainer und ehemalige Spurs-Spieler Jürgen Klinsmann. Wegen der starken jüdischen Community bei Tottenham bezeichnen sich die Anhänger des Londoner Clubs als "Jew" oder "Yid". Letzteres ist die Abkürzung für "Yiddish".

Die Sympathiebekundungen für Uwe Rösler in dessen Zeit beim FC Southampton sind hingegen mit großer Zurückhaltung zu genießen. "Rosler's dad's a german, he wears a german hat, he dropped a bomb on Fratton, and we love him just for that." Fratton Park ist das Stadion der Lokalrivalen Pourtsmouth. Hmmh. Berühmte Fans sind ebenfalls ein willkommener Anlass, ein neues Lied zu schaffen. "Osama, ooh ooh, Osama, ooh ooh, he supports the Arsenal, he's hiding near Kabul." Bin Laden war in seiner Jugend ein Anhänger der "Gunners", wie Arsenal auch genannt wird.

Feiern ist eine Seite der Medaille, die Beschimpfung anderer Clubs und ihrer Spieler die andere. So führte das landesweit gepflegte Vorurteil, die Menschen aus Liverpool ("Scouses") würden alles klauen, was nicht niet- und nagelfest ist, zu einer ganz speziellen Version des DJ-Ötzi-Hits "Hey Baby". Gerne wurde und wird intoniert: "Hey, Scouse, ooh, aah, I want to know, where's my video." Noch deftiger geriet das Bashing des ehemaligen Liverpooler Stürmers Wayne Rooney, der früher für den FC Everton kickte und inzwischen bei Manchester United unter Vertrag steht: "He's fat, he's Scouse, he's probably robbed your house - Rooney, Rooney."



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