Football-Leaks-Dokumente zu Laudrup Dänen lügen nicht?

Michael Laudrup war als Spieler ein Held - als Trainer später aber umstritten. Hat er als Coach bestimmte Spieler verpflichtet, damit sein Berater an den Transfers verdienen konnte? Football Leaks legt Details dieser Deals offen.

Getty Images

Im Sommer bei der EM in Frankreich war Michael Laudrup einmal wieder auf der großen Fußballbühne. Er schaute sich einige Spiele des Turniers an, die Fans in den Stadien erkannten ihn sofort. Kein Wunder, der Däne wirkt auch mit seinen heute 52 Jahren noch fast so jungenhaft und frisch wie zu seinen großen Zeiten als Spieler bei Juventus Turin, dem FC Barcelona und Real Madrid. Als Spieler ist Laudrup eine Legende. In Dänemark, in ganz Europa.

Als Trainer war er dagegen nur mäßig erfolgreich. Sein sportlich bestes Jahr war die Saison 2012/2013 beim Premier-League-Klub Swansea City - und ausgerechnet auf diese Zeit fällt der größte Schatten in Laudrups Laufbahn.

Darum geht es bei Football Leaks
    Die Enthüllungsplattform Football Leaks sammelt vertrauliche Daten und E-Mails zu den Geldflüssen im Fußball. So deckt sie illegale Zahlungen an Spielerberater und Investoren ebenso auf wie die Versuche, Millionen an der Steuer vorbeizuschmuggeln dank Offshore-Geschäften. Football Leaks schweigt zu seinen Quellen, hat die Dokumente allerdings dem SPIEGEL und anderen Medien im Verbund der European Investigative Collaboration zur Verfügung gestellt. Mit einem Umfang von 1,9 Terabyte handelt es sich um den bisher größten Datensatz im Sport.

Mit den Walisern gewann Laudrup den englischen Ligapokal, die erste große Trophäe des Klubs nach 100 Jahren. Aber mit seiner Zeit in Swansea verbinden sich auch die unschönen Schlagzeilen um die Verknüpfung von Spielertransfers und finanziellen Interessen seines Beraters Bayram Tutumlu. Welche Ausmaße diese Verbindung hatte, legen vertrauliche Football-Leaks-Dokumente offen, die der SPIEGEL erhalten und mit Recherchepartnern des European Investigative Collaborations geteilt hat.

Star und Berater kennen sich seit den Neunzigerjahren

Laudrup und Tutumlu - das ist eine Verbindung, die in den Neunzigerjahren begann, als der Türke in Barcelona einen Handel mit Mercedes-Autos betrieb und mehrere Barcelona-Spieler seine Kunden waren. Laudrup und er freundeten sich an, daraus wurde eine enge Geschäftsbeziehung, die bis heute reicht. Beobachter haben die beiden als "altes Ehepaar" beschrieben, so innig erscheint das Duo.

Als Laudrup seinen Job bei Swansea antrat, brachte er als Eingangstransfer gleich den Spanier Chico Flores mit. Laudrup rühmte die fußballerische Qualität des Spielers, der zuvor bei Genua CFC gespielt hatte. Doch steckt eine andere Wahrheit hinter dem Transfer? Die Verhandlungen mit den Genuesen führte die Firma Soccerting SL, die der Verein beauftragt hatte. Was keiner wusste: Soccerting hatte einen Geheimvertrag mit Tutumlus Firma IBTD International mit Sitz in Luxemburg geschlossen. IBTD bekam bei einem Abschluss von 500.000 Euro für den Transfer demnach 162.500 Euro ausgezahlt.

Zuvor hatte der Berater schon einmal an Swansea gut verdient: Die Verpflichtung des Trainers Laudrup hatte ebenfalls Tutumlu eingefädelt und vom Verein 187.000 britische Pfund (damals 238.000 Euro) kassiert.

Das funktionierte gut, also machten Laudrup und Tutumlu weiter: Der Däne, Tutumlu-Vertrauter, ließ mehrere Neuzugänge bei Swansea präsentieren, an denen Tutumlu mitverdiente. Das nennt man wohl Interessenkonflikt. So gelangten der junge Belgier Roland Lamah und der Spanier Pablo Hernández zu Swansea. Bei Hernández ließ sich Tutumlu einen Anteil an dessen Gehalt festschreiben, bei dem Belgier hatte er zuvor einen Vertrag mit der Management-Agentur Promoesport abgeschlossen, die junge Talente auf dem Markt anbot. Mit im Spiel war auch noch die Anwaltskanzlei Senn Ferrero, die Tutumlu unterstützte. Senn Ferrero gilt international als eine der bekanntesten Kanzleien, die im Sport-Business mitmischt - und auch Cristiano Ronaldo in Steuerfragen berät.

Der Vertrag mit Promoesport versprach dem Laudrup-Berater 66 Prozent des Vermittlungshonorars, wenn einer der Spieler der Firma unter Mithilfe Tutumlus bei Swansea einen Vertrag abschließen würde. Weitere Spanier schlossen sich dem Klub an, etwa Alejandro Pozuelo und José Cañas. Tutumlu verdiente mit.

Laudrup hat Tutumlu immer verteidigt

Dies alles war der Klubführung verborgen geblieben. Sie merkten erst auf, als Tutumlu sich auch um den Verkauf von Swansea-Spielern zu kümmern begann. So bot er ohne das Wissen des Vereinsvorstands den Schlüsselspieler Ashley Williams zum Verkauf an. Als Klubboss Huw Jenkins davon erfuhr, kappte er sämtliche Geschäftsbeziehungen zu Tutumlu. Laudrup verteidigte seinen Berater damals schon: "Er hat eine Menge gute Dinge für den Klub getan, das Wichtigste war für ihn, dass ich einen guten Kader bekomme", sagte er in einem Interview mit der "South Wales Evening Post".

Das SPIEGEL-Team zu den Football Leaks
    Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Stephan Heffner, Christoph Henrichs, Andreas Meyhoff, Nicola Naber, Jörg Schmitt, Alfred Weinzierl, Michael Wulzinger

Dennoch: Die Trennung von dem Berater war auch der Anfang vom Ende Michael Laudrups bei Swansea. Ein halbes Jahr später wurde der Coach entlassen - wegen sportlicher Erfolgslosigkeit, aber auch mit dem Vorwurf, der Trainer habe mit seinen Verflechtungen zu Tutumlu Vertragsbruch begangen.

Laudrup hat dies damals schon vehement bestritten, wie aus einer vertraulichen Mail des Trainers hervorgeht. Er wiederholt dies in einer Mail an die dänische "Politiken": "Ich möchte absolut klarstellen, dass ich NIEMALS einen einzigen Cent in Verbindung mit einem Spielertransfer erhalten habe. Das gilt für Bröndby, Getafe, Spartak Moskau, Mallorca, Swansea, Lekhwiya und Al Rayyan. NIEMALS."

Tatsächlich konnte Swansea den Vorwurf an Laudrup nicht belegen - daher einigten sich Verein und Trainer vier Monate nach dessen Entlassung außergerichtlich. Laudrup bekam eine saftige Abfindung in Höhe von 1,55 Millionen Britischen Pfund (damals 1,9 Millionen Euro), Tutumlu erhielt vom Verein eine Kompensationszahlung von 340.000 Pfund (406.000 Euro).

Welche Rolle Laudrup genau bei den umstrittenen Transfers gespielt hat, darüber hat er den EIC-Recherchepartnern bisher keine Auskunft gegeben. Auch Tutumlu schweigt zu den Details, obwohl er mit einem ausführlichen Fragenkatalog konfrontiert wurde. In Bezug auf Laudrup schreibt er lediglich: "Ich habe mit ihm nie die Verdienste geteilt, die ich durch meine Beratertätigkeit erhalten habe." In der Vereinbarung mit Swansea haben sich allerdings auch alle Parteien zum Stillschweigen verpflichtet: "Keine Partei wird eine Stellungnahme dazu abgeben ohne die ausdrückliche schriftliche Erlaubnis der anderen Seite." In der öffentlichen Antwort an das EIC-Team klingt das dann von Seiten des Klubs so: "Bis heute hegen wir nichts als Bewunderung und Respekt für Michael."

Nach der Episode in Wales ging der dänische Ex-Fußballstar übrigens in den lukrativen Nahen Osten. Er wurde Coach des Klubs Lekhwiya in Katar, vermittelt durch Bayram Tutumlu. Laudrups erster Transfer nach Katar war: der Spanier Chico Flores.

aha

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.