Football Leaks Gacinovics dubioser Wechsel zu Eintracht Frankfurt

Der Spieler Mijat Gacinovic ist eines der großen Talente von Eintracht Frankfurt. Seine Karriere diktieren Geldgeber mit Firmensitz in Kanada und Konto in der Schweiz.

Eintracht-Jungprofi Mijat Gacinovic
REUTERS

Eintracht-Jungprofi Mijat Gacinovic


Es gibt viele Gründe, warum Eintracht Frankfurt bislang eine außergewöhnlich gute Bundesligasaison spielt. Einer ist ein schmächtiger Bursche, sehr schnell und wendig. Mit dem Ball macht er Sachen, die seine Gegenspieler erst bei der Videoanalyse so richtig verstehen. Sein Name: Mijat Gacinovic.

Der 21-jährige Serbe ist das zweite Jahr bei den Hessen. In seiner ersten Saison blieb ihm der Durchbruch verwehrt, er war an Pfeifferschem Drüsenfieber erkrankt. Dann, beim ersten Relegationsspiel gegen den 1. FC Nürnberg im Mai, gelang ihm ein wichtiges Tor, das die Eintracht schließlich vor dem Abstieg in die zweite Liga bewahrte. Seither läuft es bei Gacinovic. "Er ist ein Top-Junge, der seinen Weg machen wird", lobt ihn sein Trainer Niko Kovac. "Er gibt in jedem Training Gas und hat einen tollen Charakter."

Doch Gacinovics sportlicher Aufstieg bei der Eintracht ist nur ein Teil seiner Geschichte, der schöne Schein. Dahinter verbirgt sich noch ganz anderer Stoff. Er ist typisch für den Werdegang junger Fußballer, die aus südosteuropäischen Ländern in die Bundesliga kommen. Erzählt werden kann er nur selten, weil alles, was sich dahinter verbirgt, in geheimen, oft undurchsichtigen Vereinbarungen steht.

Meist geht es um finanzielle Abhängigkeiten, um dubiose Investoren, um Schattenmänner, die auf die Karriere eines Jungprofis setzen - und die hoffen, dass ihre Wette auf die Zukunft die große Nummer in dem Millionenspiel wird.

Im Fall Gacinovic sind es Unterlagen, die die Enthüllungsplattform Football Leaks dem SPIEGEL zugespielt hat und die gemeinsam mit elf Medienpartnern des Recherchenetzwerks European Investigative Collaborations ausgewertet wurden. Die Dokumente belegen, dass sich vor Gacinovics Wechsel in die Bundesliga eine Firma mit Sitz in Kanada die Transferrechte an dem hochbegabten Dribbler gesichert hatte. Und sie belegen, dass mehr als eine Million Euro auf dem Konto einer Schweizer Privatbank landeten, als der Spieler schließlich nach Deutschland kam.

Eintracht Frankfurt kaufte den jungen Serben am 11. August 2015 von Apollon Limassol. Dass es ein merkwürdiger Deal war, auf den sie sich da einließen, hätte den beiden Eintracht-Vorständen Heribert Bruchhagen und Axel Hellmann schon damals auffallen können. Denn für den Erstligisten auf Zypern hatte Gacinovic niemals gespielt.

Apollon Limassol hatte den Spieler erst wenige Tage zuvor, am 31. Juli 2015, unter Vertrag genommen: 10.000 Euro netto im Monat, vier Jahre Laufzeit. Das war ganz offensichtlich ein schmutziges Geschäft, ein Scheinvertrag. Er diente augenscheinlich dazu, die Ablösesumme, die Eintracht Frankfurt wenige Tage später für den Spieler zahlte, auf ein Firmenkonto in der Schweiz weiterreichen zu können.

Das SPIEGEL-Team zu den Football Leaks
    Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Stephan Heffner, Christoph Henrichs, Andreas Meyhoff, Nicola Naber, Jörg Schmitt, Alfred Weinzierl, Michael Wulzinger

Der Verein, für den Gacinovic seit Beginn seiner Profikarriere gespielt hatte, war der FK Vojvodina Novi Sad. Bei seinem Wechsel nach Deutschland war Gacinovics Zukunft schon verhökert. Im Frühjahr 2015 hatte der Präsident des serbischen Erstligisten eine Vereinbarung unterzeichnet. Demnach verkaufte er 75 Prozent der Transferrechte von Gacinovic und einem weiteren Spieler des Teams an die Firma European Sports Management in Montreal. Die Geldgeber aus Kanada zahlten dafür 1,4 Millionen Euro. Gacinovic gehörte den Finanziers damit komplett, das erste Viertel an seinen Transferrechten hatten sie bereits erworben.

Ein Deal im letzten Moment

Es war ein Deal im letzten Moment. Sechs Wochen später, am 1. Mai 2015, verbot die Fifa Investoren, Anteile an den Transferrechten von Profifußballern zu erwerben und dadurch am Weiterverkauf der Spieler zu profitieren. In den Jahren zuvor hatte es zahlreiche Missbrauchsfälle gegeben, in denen die Finanziers wegen ihrer wirtschaftlichen Interessen Druck auf die meist jungen Fußballer ausgeübt hatten.

Genauso war es auch bei Gacinovic: Die Investoren verpflichteten den FK Vojvodina Novi Sad in dem Vertrag dazu, den Stürmer so schnell wie möglich an einen ausländischen Klub zu verkaufen. Doch wie sollte der Kicker nach Frankfurt kommen, ohne dass die Besitzverhältnisse im Fall Gacinovic aufflogen?

Darum geht es bei Football Leaks
    Die Enthüllungsplattform Football Leaks sammelt vertrauliche Daten und E-Mails zu den Geldflüssen im Fußball. So deckt sie illegale Zahlungen an Spielerberater und Investoren ebenso auf wie die Versuche, Millionen an der Steuer vorbeizuschmuggeln dank Offshore-Geschäften. Football Leaks schweigt zu seinen Quellen, hat die Dokumente allerdings dem SPIEGEL und anderen Medien im Verbund der European Investigative Collaboration zur Verfügung gestellt. Mit einem Umfang von 1,9 Terabyte handelt es sich um den bisher größten Datensatz im Sport.

Apollon Limassol, ein Verein mit einem äußerst zwielichtigen Ruf, spielte das schmutzige Spiel mit. Die Vertragskonstruktionen zum Transfer Gacinovics lassen kaum einen anderen Schluss zu: In diesem Klub müssen Komplizen von European Sports Management sitzen.

Teil eins des Dreiecksgeschäfts: Der FK Vojvodina und Apollon Limassol einigten sich am 3. August 2015 auf einen Wechsel des Spielers nach Zypern, vereinbarte Ablösesumme: 1,25 Millionen Euro. In diesem Vertrag steht, dass Vojvodina sämtliche Rechte an Gacinovic hielt. Das war eine bewusste Täuschung, wie sich bei der Zahlung der Ablöse zeigte. Apollon wurde noch am selben Tag von dem serbischen Klub aufgefordert, 1,25 Millionen Euro auf ein Konto der Privatbank EFG in der Schweiz zu überweisen. Empfänger: die Firma European Sports Management.

Die wahren Besitzverhältnisse an Gacinovics Transferrechten wurden auch in Teil zwei des Dreiecksgeschäfts nicht offengelegt. Apollon Limassol hielt sich beim Weiterverkauf des Spielers schadlos und bekam aus Frankfurt 1,25 Millionen Euro Ablöse - die identische Summe, die der Klub zuvor in die Schweiz weitergeleitet hatte. In dem Transfervertrag, den Eintracht Frankfurt am 11. August 2015 mit Apollon schloss, betonte der Klub aus Limassol ausdrücklich, "unbeschränkter und einziger Inhaber" aller Rechte an dem Spieler zu sein, die hiermit "definitiv" an die Frankfurter Eintracht übergingen.

Eine Irreführung. Denn tatsächlich lagen Gacinovics Transferrechte weiter bei der European Sports Management.

Aus Limassol und Novi Sad kommt nur Schweigen

Die Firma wird, geschickt getarnt hinter Apollon Limassol, vermutlich auch weiterhin viel Geld an der Karriere des serbischen Mittelfeldspielers verdienen. So haben es die Zyprer mit der Eintracht im Transfervertrag abgemacht: Sollten die Hessen Gacinovic weiterverkaufen, kassiert Apollon die Hälfte der Ablösesumme. Zudem ist es der Eintracht untersagt, den Spieler ohne schriftliches Einverständnis Apollons für weniger als 2,5 Millionen Euro abzugeben.

Weder Apollon Limassol noch der FK Vojvodina Novi Sad reagierten auf Anfragen zu den anrüchigen Deals um die Transferrechte des Profifußballers Mijat Gacinovic. Eintracht Frankfurt antwortete, der Klub äußere sich "grundsätzlich zu vertraglichen Details ebenso wenig wie zu Vertragsverhältnissen, an denen wir entweder nicht als Partei beteiligt sind oder von denen wir keinerlei Kenntnis haben".

Der Bevollmächtigte der in Kanada registrierten Firma European Sports Management Ltd. war für den SPIEGEL nicht zu erreichen. Am Telefon wurde er verleugnet, sein Faxgerät war blockiert. Der Mann lebt in der Schweiz im Steuerparadies Obwalden. Dort arbeitet er auch für ein Unternehmen, das an seiner Heimatadresse registriert ist. Gegen diese Firma ermittelte zuletzt die Staatsanwaltschaft Obwalden. Es ging um zweistellige Millionenbeträge, die aus dem kroatischen Profifußball abgeflossen und von Obwalden nach Hongkong, Belize, Dubai oder Panama weitergeleitet worden sein sollen.

Die zuständige Oberstaatsanwältin sagte: "Wir haben es hier mit Wirtschaftskriminalität der gröberen Sorte zu tun."

football leaks

Die Akteure

Football Leaks: DER SPIEGEL und seine Medienpartner von der European Investigative Collaborations (EIC) enthüllen mehrere Wochen lang schmutzige Geschäfte aus der Welt des Fußballs. Hier ist eine Übersicht der wichtigsten Akteure - hinter jedem Kopf verbirgt sich eine Geschichte.

Fotos: AP, DPA, Getty Images, Imago, Reuters

mwu



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
RedEric 15.12.2016
1. war es illegal?
ich habe nun nicht etwas ungesetzliches herauslesen können. Warum wird nicht entsprechend ausführlich von Amazon, Ikea, McDonalds usw. berichtet, die wirklich Milliarden am Fiskus vorbei schleusen?
road_warrior 15.12.2016
2. Logische Folge - Entzug der Spielerlaubnis, Zwangsabstieg
Wenn es den Verantwortlichen in den Fussballverbänden um Ehrlichkeit und Transparenz ginge, würde das mit dem sofortigen Entzug der Spielerlaubnis für den FK Vojvodina und Apollon Limassol einhergehen - und dem sofortigen Zwangsabstieg der Eintracht. Auf http://www.transfermarkt.de/mijat-gacinovic/profil/spieler/215864 können sich sogar die (ehemaligen) Eintracht-Verantwortlichen ansehen, wo der Spieler gekickt hat. Sicherlich nicht auf Zypern. Es war also allen Beteiligten klar, was hier passiert. Warum greift der DFB nicht augenblicklich durch?
langenscheidt 15.12.2016
3. Lustiger Aufreger
Wenn ein Sportler sich so entschieden hat, dann hat er sich so entschieden seine Laufbahn und Karriere gestalten zu lassen. Was daran anrüchig oder falsch sei entschliesst sich mir nicht. Wir verteidigen persönliche Entscheidungen zu Freiheit und Lebensgestaltung und prangern diese dann an?
brendan33 15.12.2016
4. Schweizer Konto
Oh Gott ! Ein Schweizer Konto. Na dann ist ja alles klar. Alle verhaften !
TS_Alien 15.12.2016
5.
Zitat von brendan33Oh Gott ! Ein Schweizer Konto. Na dann ist ja alles klar. Alle verhaften !
Nicht alles ist klar. Und nicht alle müssen verhaftet werden. Aber viele Schweizer Konten (ist das bereits ein Eigenname?) werden für illegale Aktivitäten benutzt. Davon leben die Schweizer Banken. Es muss doch einen Grund geben, wenn jemand kein normales Konto haben möchte.
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