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Football-Leaks-Enthüller: "Fußball ist ein Paradies für Korruption und Geldwäsche"

Ein Interview von und

Football Leaks veröffentlicht Spielerverträge und deckt geheime Geldströme auf. In einem exklusiven Interview mit dem SPIEGEL spricht ein Macher der Enthüllungsplattform über die schwierige Arbeit und die größten Widersacher.

Der Mann, über dessen Identität der Weltfußball rätselt, nennt sich "John". Er ist der Sprecher der Enthüllungsplattform Football Leaks (FL), die seit Monaten dubiose Verträge aus dem Fußballbusiness ins Internet stellt. Weltweite Schlagzeilen machten die Netzrebellen zuletzt, indem sie die Transfervereinbarung des Real-Madrid-Stars Gareth Bale enthüllten und damit publik machten, dass der walisische Nationalspieler der teuerste Spieler der Welt ist.

In einem E-Mail-Interview mit dem SPIEGEL, der den Enthüllern in der aktuellen Ausgabe eine Geschichte widmet (diese können Sie hier lesen) erklärt John, was die Motivation und Ziele der Whistleblower sind, wie viel brenzliges Material sie noch besitzen und welcher Druck von Vereinen, Spielerberatern und Ermittlungsbehörden auf sie ausgeübt wird.

SPIEGEL: Von wo aus betreiben Sie Football Leaks?

FL: Wir leben in Portugal, wir sind portugiesische Staatsbürger.

SPIEGEL: Haben Sie einen Auftraggeber?

FL: Wir arbeiten vollkommen unabhängig und bekommen für unser Engagement bei Football Leaks kein Geld. Da wir den Fußball mit unseren Veröffentlichungen aber ziemlich aufgewühlt haben, müssen wir jetzt feststellen, dass wir einige mächtige Feinde gegen uns aufgebracht haben. Deshalb können wir nicht mehr über unsere Identität sagen, wir müssen uns schützen.

SPIEGEL: Warum haben Sie Football Leaks ins Leben gerufen?

FL: Wir haben seit längerer Zeit über dieses Projekt nachgedacht. Irgendwann begannen wir, Dokumente aus dem Fußball-Business zu sammeln und auf den richtigen Zeitpunkt einer Veröffentlichung zu warten. Im vergangenen Sommer war es dann soweit: Auf dem portugiesischen Transfermarkt gab es etliche fragwürdige Spielerwechsel, wir wollten die vielen Lügen und Widersprüche entwirren. Je mehr Dokumente wir erhielten und analysierten, desto mehr wurde uns klar, dass diese intransparente Fußballbranche Hilfe braucht.

SPIEGEL: Wie viele Verträge und Dokumente sind in Ihrem Besitz?

FL: Wir haben über 500 Gigabyte Material und bekommen ständig neues dazu.

SPIEGEL: Sie veröffentlichen Arbeitsverträge von Mesut Özil, Hulk oder Gareth Bale genauso wie juristisch hoch brisantes Material, das die illegalen Machenschaften von Vereinen, Spielerberatern und Investmentfonds aufzeigt. Nach welchen Prinzipien wählen Sie das Material aus?

FL: In der Regel veröffentlichen wir die Dokumente nach dem Zufallsprinzip. Wir versuchen, jeden Tag zwei Dokumente online zu stellen. Manchmal ergeben sich daraus dann Diskussionen auf den Social-Media-Kanälen, die wir mit unseren Veröffentlichungen weiter anregen wollen.

SPIEGEL: Wer ist denn die Zielgruppe Ihrer Veröffentlichungen?

FL: Wir selbst sind große Fußballfans und wollen in erster Linie anderen Fußballfans helfen, dieses verschlossene Fußballgeschäft besser zu verstehen. Klauseln, Verträge, Beraterhonorare - all das ist im Fußball tabuisiert. Der Sport braucht eine öffentliche Diskussion, um sich von dieser Geheimniskrämerei zu lösen. Ein solch intransparentes Geschäft wie der Fußball ist ein Paradies für Korruption, Geldwäsche und Steuerbetrug.

SPIEGEL: Kritiker werfen Ihnen vor, Sie würden mit dem Veröffentlichen von Verträgen nur Voyeurismus bedienen.

FL: Jeder dieser Verträge erzählt eine eigene Geschichte, sie zeigen die unendlich vielen Klauseln zu astronomischen Honoraren und versteckten Handgeldmöglichkeiten. Diese Dokumente sind sehr wichtig, um das heutige Fußball-Business zu verstehen.

SPIEGEL: Ein anderer Vorwurf lautet: Sie hätten die Dokumente illegal erworben, indem Sie eine Sportrechte-Agentur gehackt hätten.

FL: Wir haben niemanden gehackt, der Vorwurf ist lächerlich. Wir haben unterschiedliche Quellen, die uns mit den Verträgen und Vereinbarungen versorgen. Unser Netzwerk ist sehr stabil.

SPIEGEL: Sie legen sich mit den größten Fußballvereinen der Welt an, nerven mit Ihren Veröffentlichungen die Superstars des Sports und deren einflussreiche Berater. Haben Sie keine Angst?

FL: Wir sind uns der Risiken, insbesondere der rechtlichen, durchaus bewusst. Die Fußballlobbyisten haben auch sehr großen Einfluss auf die Ermittlungsbehörden, wir würden deshalb auch niemals einen fairen Prozess bekommen.

SPIEGEL: Wie kommen Sie darauf?

FL: Wir haben durch unsere Veröffentlichung einer Sportrechte-Agentur viele Probleme bereitet. Die Firma arbeitet mit einem Steuervermeidungssystem, sie hat mehrere Fifa-Regeln gebrochen, durch unsere Enthüllungen wurde es unangenehm für sie. Wir sind uns sicher, dass sie auch Druck auf die Ermittlungsbehörden ausüben, um uns zum Schweigen zu bringen. Und nicht nur das: Sie haben sogar Privatdetektive engagiert, um uns zu enttarnen.

SPIEGEL: Wie äußert sich der Druck auf Sie konkret?

FL: Unsere Homepage wurde angegriffen, es wurde versucht, uns mit Löschprogrammen unter Druck zu setzen. Unser russischer Provider hat unsere Cloud geschlossen und uns anschließend Dokumente einer Sportrechte-Agentur gezeigt, die ihn massiv dazu gedrängt hat. Wir sind jetzt Opfer der Zensur.

SPIEGEL: Was wollen Sie mit Football Leaks erreichen?

FL: Wir wollen, dass das Transfersystem transparenter, dass der Einfluss von Spielerberatern und Investmentfonds, die zunehmend den Fußball beherrschen, verringert wird. Wünschenswert wäre eine öffentlich zugängliche Datenbank, in der alle Transferdetails wie Ablösesummen, Handgelder, Klauseln und Beteiligungen an Spielern aufgeschlüsselt werden würden.

SPIEGEL: Das sind sehr ambitionierte Ziele.

FL: Unser Antrieb ist es, all denen das Handwerk zu legen, die sich zu Unrecht an dem Volkssport Fußball bereichern. Wir wollen zudem eine neue Ära im Fußball einläuten: die Zeit der Transparenz.

SPIEGEL: Sehen Sie sich in einer Linie mit Portalen wie WikiLeaks?

FL: Julian Assange, Edward Snowden oder Antoine Deltour sind große Inspirationen für uns. Sie haben alles aufgeopfert für ihre Träume und Überzeugungen. Jetzt versuchen wir, unseren Beitrag für eine transparentere Welt zu leisten.

SPIEGEL: Wie lange wollen Sie denn noch weitere brisante Dokumente ins Netz stellen?

FL: So lange, bis wir kein Material mehr haben.

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