Football Leaks Der Mann, den die Fußballbranche jagt

Der Informant, der dem SPIEGEL seine Daten über die faule Fußballwelt überließ, nennt sich John. Wer ist er? Was treibt ihn an? Warum ist er so verhasst bei den Bossen der Klubs und Verbände? Porträt eines Unbeugsamen.

Benedikt Rugar/ DER SPIEGEL


"Was fällt dir auf, wenn du die Dokumente dieses Kartells liest?", fragt John. Es ist August, er sitzt mit schwarzen Shorts auf einem Plastikstuhl in einem winzigen Apartment irgendwo in Osteuropa. Die Decke des Zimmers hat einen großen, feuchten Fleck, eines der Fenster lässt sich nicht mehr schließen. John starrt auf seinen Laptop, er lässt Unmengen an Dokumenten über den Bildschirm fliegen und sagt: "Die Klubs diskutieren hier die ganze Zeit über die Super League und wie sie den ganzen Scheiß noch besser vermarkten und noch mehr Geld verdienen können. Nur über eines reden sie nie: über die Fans. Über die Leute, die diesen Sport groß gemacht haben. Was macht eine solche Liga, in der die Spiele weltweit ausgetragen werden, denn mit dem Zuschauer?"

John hat den Fußball als Kind lieben gelernt; dass dieser Sport zu einem Geschäfts- und Unterhaltungsbetrieb geworden ist, geht ihm nahe. John sagt, es ekele ihn an, was das Geld mit und aus dem Fußball gemacht hat - die Korruption, die Steuerhinterziehung, die vielen schmutzigen Deals der Berater, Spieler und Funktionäre.

Im Video: Treffen zwischen "John" und SPIEGEL-Redakteur Rafael Buschmann

Vor rund drei Jahren hatte John genug. Der junge Mann, der in Wahrheit anders heißt, gründete die Enthüllungsplattform Football Leaks. Was als Homepage begann, auf der John vertrauliche Dokumente wie Spielerverträge, Transferabkommen oder Sponsorendeals öffentlich machte, ist mittlerweile zu einer der größten Bedrohungen der dunklen Seite des Fußballs geworden. John entschied sich im Februar 2016, dem SPIEGEL einen Großteil seiner Dokumente zu überlassen. Gemeinsam mit dem Recherchenetzwerk EIC hat das Nachrichtenmagazin seitdem riesige Datenmengen ausgewertet und zu Hunderten Geschichten verarbeitet.

Cristiano Ronaldo und mehrere Dutzend weitere Topspieler mussten nach den Enthüllungen millionenschwere Straf- und Nachzahlungen an die Staatskassen leisten. Die jahrelangen Steuerbetrügereien der Profikicker brachten sie fast ins Gefängnis. Mittlerweile laufen europaweit etliche weitere Ermittlungen gegen Spieler, Agenten, Steuerberater, Anwälte und Funktionäre; es geht dabei auch um Korruption, Steuerbetrug, Bestechung und sogar den Vorwurf der Vergewaltigung.

John reicht das noch nicht.

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Anfang dieses Jahres übergab der Whistleblower dem SPIEGEL weitere Datenpakete. Mehr als 70 Millionen Dokumente und mehr als 3,4 Terabyte umfasst der Football-Leaks-Dokumentenschatz nun. Es ist das größte je dagewesene Datenleck. Darin enthalten sind auch die Papiere über die geheimen Pläne zur Super League.

"Das muss alles ans Tageslicht. Die Leute, die den Fußball so lieben und ständig dafür bezahlen, haben ein Recht darauf zu verstehen, wie diese Branche wirklich funktioniert. Der Fußball ist mittlerweile völlig außer Kontrolle geraten. Die Super-League-Pläne machen doch deutlich, wer in dem Sport noch das Sagen hat: Reiche Investoren und einige wenige Topklubs tyrannisieren alle anderen", sagt John.

Der Fußball steht mittlerweile vor einer entscheidenden Frage: Wem gehört der Sport? Den Fans, die ihn groß gemacht haben? Den Klubs, die ihn am Laufen halten? Oder den Verbänden, die ihn kontrollieren sollen?

"Ganz ehrlich: Es ist mir egal, ob es eine Super League gibt oder nicht. Was mich stört, ist die Art von Geheimdeals, die die Superklubs abziehen. Alles passiert im Verborgenen, es gibt kaum Kontrolle, keine Transparenz - das ist doch der Nährboden für kriminelle Machenschaften!", sagt John.

Er öffnet auf seinem Laptop eine als "streng vertraulich" markierte Präsentation, offenbar hat der Geheimbund sie unter seinen Mitgliedern verschickt. Daraus geht hervor, dass der Fußball 2016 mehr als 16,7 Milliarden Dollar aus dem weltweiten Fernsehmarkt einnahm - mehr als doppelt so viel wie die Sportart Nummer zwei, der American Football.

John sagt: "Die Fans und die Verbände müssen nachvollziehen können, was mit all dem Geld tatsächlich passiert. Stattdessen bleiben sie völlig im Unklaren, und am Ende greifen wieder nur ein paar wenige den Hauptanteil ab."

John, der Aktivist, öffnet E-Mails von Michael Gerlinger, zeigt ECA-Protokolle von Karl-Heinz Rummenigge, scrollt durch Firmenverträge der Uefa. Woher hat er all das vertrauliche, geheime Zeug?

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In jüngster Zeit gab es immer wieder Berichte, wonach Vereine und Anwaltskanzleien gehackt worden sein könnten, dass möglicherweise jemand von Football Leaks mit sogenannten Phishingmails Informationen abgesaugt habe. In Portugal, Johns Heimatland, überschlagen sich die Zeitungen und Fernsehsender seit Monaten, weil geleakte Daten dem populärsten Klub Benfica Lissabon zahlreiche Ermittlungen wegen mutmaßlicher Korruption, Spielmanipulation und Bestechung eingebrockt haben. Manche Medien behaupten, auch dahinter stecke Football Leaks. John sagt, er habe keine Lust, sich zu "allem Unsinn, der in irgendwelchen Zeitungen steht, zu äußern". Er betont zudem immer wieder, dass weder er noch irgendeiner seiner Mitstreiter ein Hacker sei. "Wir haben sehr gute Quellen und ein starkes Netzwerk, das uns mit vielen Informationen beliefert."

Das kann man glauben oder es lassen. Was jedenfalls feststeht: Bislang hat sich keines von Johns Dokumenten als gefälscht herausgestellt. Die Geschichten, die aus seinen Daten entstehen, haben eine hohe gesellschaftliche Relevanz und decken sogar kriminelle Machenschaften auf. Der Whistleblower hat zudem nie versucht, die Stoßrichtung oder den Tenor eines Artikels zu bestimmen. "Wir schonen niemanden, wir arbeiten nicht im Auftrag eines Geheimdienstes, Verbands oder Spielerberaters, wir werden von niemandem bezahlt", sagt John. Wer außer ihm noch an dem Projekt arbeitet, das will John nicht verraten.

Er weiß, dass es in mehreren Ländern Ermittlungsverfahren gegen Football Leaks gibt, dass Fußballklubs und Spielerberater Privatdetektive auf ihn angesetzt haben. "Das Leben eines Whistleblowers ist problematisch. Aber ähnlich wie Edward Snowden, Chelsea Manning oder Julian Assange glauben wir sehr an das, was wir tun, und denken, dass diese Form der Aufklärung für die Gesellschaft wichtig ist", sagt John.

Er öffnet eine weitere Datei. Es erscheint eine Präsentation mit dem Titel: "Ein Super-League-Szenario für den Topfußball in Europa". John sagt: "Guckt euch das mal genauer an. Die Verbände haben 2016 im Zuge der Super-League-Verhandlungen jede Kontrolle über die Spitzenklubs verloren. Die Öffentlichkeit hat davon kaum etwas mitbekommen, aber diese Machtverschiebung wird verheerende Folgen für den Fußball haben."

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