Fußballfotos aus Russland Zu Besuch beim FC Schneid Brot

Vor der WM 2018 begleitet der Fotograf Sergey Novikov Amateurkicker in Russlands Provinz. Seine faszinierenden Porträts zeigen den Fußball abseits der Hochglanzstadien. Hier spricht er über seine skurrilsten Erlebnisse und zeigt die besten Bilder.

Ein Interview von

Sergey Novikov

Der Fotograf Sergey Novikov porträtiert seit sechs Jahren Fußballteams in Russland. Sein Interesse für Amateurklubs weckte 2009 ein abgewirtschafteter Renommierklub: Torpedo Moskau, dreimal Meister in der Sowjetunion, war bis in die Moskauer Amateurstadtliga abgestiegen. Seither klappert Novikov in seiner Freizeit Vereine in der Provinz ab. Die Aufnahmen seines Projekts "Grassroots Russia" veröffentlicht er auf seiner Internetseite.

Novikov träumt davon, dass im Zuge der Weltmeisterschaft 2018 in Russland auch der Amateurfußball mehr Aufmerksamkeit findet - und er selbst Unterstützung für eine Ausstellung. "Ich will zeigen, dass Fußball in Russland mehr ist als die futuristischen Stadien, die jetzt gebaut werden", sagt er.

SPIEGEL ONLINE: Was sind das für Teams, die Sie fotografieren?

Novikov: Viele gehören wie früher zu einem großen Betrieb, einer Fabrik. Sie heißen FC Bergmann oder Metallurg. Sie kämpfen jedes Jahr ums Überleben. In einem Jahr haben sie genug Geld, um in der Liga anzutreten, im nächsten nicht. In der Nähe der Großstadt Nischnij Nowgorod habe ich ein Team fotografiert, das vor Kurzem noch FC Waren für zu Hause hieß - wie die Handelskette, die sie sponserte. Bei Jekaterinburg im Ural gibt es einen FC Resch Chleb. Übersetzt heißt das so viel wie "Schneid Brot!". Der Sponsor ist eine Bäckerei, die Stadt heißt Resch, was aber ähnlich geschrieben wird wie das Verb schneiden.

SPIEGEL ONLINE: Wofür brauchen die Teams die Sponsoren?

Novikov: Für Trikots und zur Finanzierung der langen Auswärtsreisen. Ich bin mal in der Region Twer zu einem Spiel gefahren, das aber ausfiel, weil der Gegner gar nicht erst anreiste. Sie haben die drei Punkte lieber gleich hergegeben. Ich kann das verstehen. Sie hätten sechs Stunden nur für die Anfahrt gebraucht.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt Fußball in der russischen Provinz?

Novikov: Die Fußballfelder sind ein Fixpunkt des sozialen Lebens. Dort wird gefeiert, politische Veranstaltungen werden abgehalten, Bühnen aufgebaut. Meist steht die Kirche direkt neben dem Platz. Vor Wahlen holt oft einer der Kandidaten für Geld ein gutes Team in den Ort. In Karelien (eine Nordprovinz nahe Finnland, die Red.) war ich dabei, wie sie Altstars von Zenit Sankt Petersburg ankarrten, dem aktuellen Meister. Danach wurde ein Auto verlost, am nächsten Tag gewählt.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren viel im äußersten Norden unterwegs, in der Region Murmansk.

Novikov: Da wächst selbst im Sommer wenig Gras. Sie spielen da auf der Tundra. An manchen Orten kann es sein, dass zum ersten Spieltag Anfang Juni noch Schnee auf den angrenzenden Bergen liegt. Ich habe drei Jahre auf die Gelegenheit gewartet, das zu fotografieren. Als ich das Stadion dann endlich betrat, war es leer. Ich habe den Platzwart gefragt, was los ist. "Du bist wohl nicht von hier", hat er gesagt. Die Chefs des Hauptsponsors und der Regionalverwaltung waren kurz vorher bei einem Jagdausflug mit dem Hubschrauber abgestürzt. Es war offizielle Trauer und das Spiel abgesagt.

SPIEGEL ONLINE: Wie suchen Sie die Klubs aus, die Sie porträtieren?

Novikov: Ich achte darauf, wie die Stadien gelegen sind, ob das abwechslungsreiche Bilder werden. Ich versuche, auf den Webseiten der Fußballverbände die Spielpläne zu finden. Dann suche ich in sozialen Netzwerken, ob ich den Namen der Teams finde. Viele haben dort Gruppen, um sich zu koordinieren und den Gegnern zu schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Zu Ihren Porträts gehört immer auch ein Mannschaftsfoto.

Novikov: Wichtig ist, das vor dem Spiel zu schießen. Es ist Amateursport, aber man merkt den Spielern die Spannung an. Nach einem Spiel wären manche Teams schwer zusammenzubekommen: Einer hat vielleicht eine Rote Karte kassiert und ist weg, oder die Verlierer haben keine Lust mehr auf ein Foto. In einem Fall war das Porträt auch vor dem Spiel eine Herausforderung.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Novikov: Ich mache mehrere Aufnahmen, zur Sicherheit. Ein Spieler sprang aber sofort auf und lief auf das Feld. Seine Mitspieler haben mir den Grund später erklärt: Fast alle waren Arbeiter in einem Kraftwerk in der Nähe. Nur der eine war ein Geschäftsmann "mit Autorität".

SPIEGEL ONLINE: So nennt man in Russland Männer mit Verbindungen zur organisierten Kriminalität.

Novikov: Ihm war das mit dem Foto zu blöd. Er wollte nicht warten, bis jemand ihm sagt, dass er sich bewegen darf.

SPIEGEL ONLINE: Freuen sich die Spieler auf die Weltmeisterschaft 2018 in Russland?

Novikov: Klar, sie verfolgen das. Leider bringt die WM dem Amateurfußball nichts. Ich habe das Gefühl, alles Geld wird in die neuen großen Stadien gesteckt. Es gibt zwar ein Projekt zum Ausbau von Kunstrasenplätzen, aber offenbar spielen politische Gründe eine Rolle, wer sie bekommt.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Novikov: Ich habe einen Verein bei Sankt Petersburg porträtiert. Die Mannschaft musste auswärts in einem kleinen Dorf antreten, Vorletzter in der Tabelle, aber ausgestattet mit herrlichem Kunstrasen. Es gibt auch andere Fälle: In Twer hätte das Team Ernte aufsteigen müssen, aber der Gouverneur wollte lieber eine andere Mannschaft in der höheren Liga.

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
dazent20 23.07.2015
1. politische Gründe?
also in den Kreisligen Deutschlands ist die Verteilung der Gelder für Kunstrasenplätze nicht anders. Es gibt erfolglose Vereine die alle drei Jahre die Mannschaft abmelden, dafür aber einen Kunstrasenplatz haben. Und wieder typisch Spiegel, "Kicken neben Kriegsschiffen", obwohl eher "neben Kirchen" passen würde
metalslug 23.07.2015
2. Besuch für zu Hause
Was ist das für ein Titel, ist das noch deutsch? Ich musste das 13 mal lesen, um es halbwegs kognitiv verarbeitet zu bekommen und meine Synapsen hinken immer noch. Wahrscheinlich ist es russisch.
didoma 23.07.2015
3. Die schöne und wahre Seite des Fußball
zeigen die Bilder. Es ist egal wie der Platz aussieht und wo er sich befindet. Es reicht ein Ball und min. Zwei Pfosten egal aus was um Fußball zu spielen. Es sollte nie vergessen werden das der Fußball nicht von den großen sondern von den kleinen lebt.
turtle96 23.07.2015
4. @metalslug
Der Verein heißt "Fc Waren für zu Hause", genau das ist ja der Punkt an der Überschrift.
123Losi 23.07.2015
5.
Zitat von didomazeigen die Bilder. Es ist egal wie der Platz aussieht und wo er sich befindet. Es reicht ein Ball und min. Zwei Pfosten egal aus was um Fußball zu spielen. Es sollte nie vergessen werden das der Fußball nicht von den großen sondern von den kleinen lebt.
Mir ist es auch zuerst etwas schwergefallen, den Titel zu verstehen. Aber wenn man den Text liest, passt es.
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