Fußball-Legende Totti Die Demütigung des Königs

Francesco Totti spielt seit 26 Jahren für den AS Rom. Jetzt wird der erfolgreichste aktive Fußballer Italiens ausgemustert. In Rom wird auch das zur großen Oper.

Von , Rom

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Natürlich darf man jedes Idol demütigen. Aber nicht Totti.

Ganze vier Minuten durfte er neulich gegen Real Madrid spielen. Die letzten vier Minuten! Was soll das sein, wenn nicht eine Demütigung? "Was erlauben Trainer?", hätte Giovanni Trapattoni gefragt. Und Francesco Totti, ewiger Kapitän der Sportvereinigung Rom, hatte entsprechend fertig. Er motzte im TV-Interview, so dürfe man mit ihm nicht umgehen. Was den Trainer erzürnte, der Totti fürs nächste Spiel aus dem Kader strich. Es herrscht Krach in Rom.

Vorige Woche, beim 3:1 Sieg in Empoli, war Totti keine Sekunde auf dem Platz. Deshalb wollte auch jüngst am Freitagabend im römischen Stadio Olimpico lange keine Stimmung aufkommen, obwohl die Gastgeber die bis dahin punktgleichen Rivalen aus Florenz abfertigten (Endstand: 4:1). Keine Transparente, keine Sprechchöre - nicht einmal in der Südkurve, wo es sonst besonders laut zugeht. Bis dann doch, eine Viertelstunde vor Schluss, Totti auf den Platz durfte. Da sprangen alle auf und jubelten. Totti schoss einen schönen Freistoß, spitzelte ein paar Kurzpässe, mehr brauchte es nicht, das Spiel war ja längst entschieden, der Endstand erreicht.

Die Fans nennen ihn "Gladiator"

Aber die Südkurve besang ihren "Capitano" und auf einmal waren die Fans und der Verein wieder versöhnt, wieder eins. So soll es sein.

Gut, der Mann wird im September 40 Jahre alt, ist vielleicht nicht mehr so schnell und so konditionsstark wie einst. Aber es ist Totti. Dessen Trikot verkauft sich noch immer besser als die Hemdchen aller anderen Spieler zusammen. Und wenn die Römer Freundschaftsspiele in den Arabischen Emiraten oder in anderen Ecken der Fußballzwergenwelt verhökern, kosten Spiele mit Totti einen satten Aufschlag. Dabei gibt sich der "Gladiator", wie ihn die Fans wegen eines entsprechenden Tattoos am rechten Oberarm nennen, beim Spielergehalt mit Rang acht zufrieden. Mut und Loyalität, sagt man, seien die Tugenden eines Gladiators. Voilà, Totti hat beides zur Genüge bewiesen. Und en passant, ich gestehe, mich zum "Romanista" gemacht.

Als ich nach Rom übersiedelte, wusste ich nichts von dieser Stadt. Nicht einmal, dass Rom zweimal existiert. Das eine ist blau-weiß und gehört den Lazio-Fans, das andere, gelb-rot, ist das Reich der Romanisti, mit König Francesco an der Spitze.

Danke, dass Du uns weinen lässt

Ich wohnte im falschen Viertel, die Mehrheit dort waren Laziali. Arglos war ich sogar gelegentlich im kleinen Keller-Restaurant "Grotte des Lazialen" gewesen. Da waren die Wände mit Zeitungsberichten, Trikots, Fotos, Plakaten, Eintrittskarten von Lazio tapeziert. Nach ein paar Wochen ging ich nur noch heimlich hin. Vor allem, weil mich Massimo, der Geflügelhändler vom Wochenmarkt, ertappt und belehrt hatte. Sein Stand war rundum mit Roma-Plakaten und -Fahnen geschmückt und ich bekam einen Sonderpreis. Denn ich war ja inzwischen Romanista. Die Schuld daran trug Totti.

Infiziert wurde ich schon bei meinem ersten Besuch bei der Roma vor 17 Jahren. Antonello Venditti, einer der großen Liedermacher Italiens, sang "Danke Rom, dass du uns weinen lässt" über einen blechernen Lautsprecher, aber ein paar Zehntausend "Gelb-Rote" im Olympiastadion sangen viel lauter als der Hofsänger. Viele weinten. Auch bei mir stauten sich die Tränen kurz hinter der Netzhaut, keine Ahnung, warum. Ein Virus. Und unten auf dem Platz spielte Totti mit der Nummer 10 auf dem Rücken und machte Sachen, die hatte ich in Köln, bei meinem FC, noch nie gesehen. Heber, Hackentricks, Steilpässe. Und er schoss wie ein Fußballgott. Na gut, das ist er ja schließlich auch.

Ein Buch und viele Bälle

Schon als Kind war Francesco hauptberuflich Roma-Fan, aufgewachsen zwischen Mietskasernen und antiken Mauern, in der Schule keine Leuchte. Die drei schwersten Jahre seines Lebens, witzelt man, seien die in der Grundschule gewesen. "Der kleine Prinz" von Saint-Exupéry sei das einzige Buch, das er in seinem Leben gelesen habe, erzählt Totti selbst.

Mit Bällen ist er eben vertrauter als mit Büchern. Mit 7 Jahren dribbelt er in einem Stadtteilklub, mit 13 darf er zur Roma, mit 16 Jahren debütiert er bei den Profis. An Offerten mangelte es nie, aber Totti blieb bis heute bei seinem Verein, mehr als 26 Jahre lang. "Aus Liebe und Faulheit", sagt er. Niemand in der gesamten Liga hat mehr Spiele gemacht, niemand mehr Tore für einen Verein geschossen. Er ist der erfolgreichste aktive italienische Fußballer und - für ihn das Allerwichtigste - Kapitän der Roma.

2001 führte "Il Capitano" Rom zur Meisterschaft, darauf warteten die Tifosi seit 1983. Die Stadt - natürlich nicht der Lazio-Teil - befällt ein wochenlanger Rauschzustand. Wohnblocks werden mit riesigen gelb-roten-Stoffbahnen behängt, Autos und Mopeds, Ampeln und Verkehrsschilder gelb-rot bemalt. Bei der Siegesfeier lachen und weinen eine halbe Million Römer im antiken Circus Maximus und Vorsänger Venditti ist so gerührt, dass er sein eigens zur Meisterschaft kreiertes Lied dreimal wegen explosiven Tränenflusses abbrechen muss. So hätte es ewig bleiben können für Totti und seine Fans in der Ewigen Stadt.

13 Jahre später, im Herbst 2014 wird Totti durch einen Treffer gegen Manchester City zum ältesten Torschützen der Champions League. Das hätte ihm zu denken geben können. Hat es aber wohl nicht.

Die falsche Neun mit der Nummer zehn

Dafür fiel es jetzt dem neuen Trainer auf, der Mitte Januar den etwas glücklosen Rudi Garcia ablöste. Kaum betrat Luciano Spalletti das Trainingsgelände, wurde es kompliziert. Mehr als "guten Tag" und "auf Wiedersehen" sage der nicht zu ihm, klagte Totti, gewohnt, dass man sich über den Kader und die Taktik mit ihm einigt.

Ausgerechnet Spalletti. Der war schon 2005 bis 2009 Trainer in Rom und erlebte gemeinsam mit Totti eine erfolgreiche Zeit. Er verehre Totti noch immer, behauptet Spalletti, bei ihm daheim hingen sieben oder acht von dessen Trikots an der Wand. Warum ist er dann so herzlos, fragen sich wir Fans und selbst Spallettis eigener Sohn? Weil er an Erfolge für die Mannschaft denken müsse, sagt Spalletti, nicht "an die Geschichte eines Spielers". Als ob das nicht ein und dasselbe wäre.

Gut, er hat jetzt ganz schön oft hintereinander gewonnen, meist ohne Totti. Wenn man es genau nimmt, war es auch am Freitag gegen Florenz so.

Und auch Totti fällt jetzt nicht ins Bodenlose, wenn sein Vertrag zu Saisonende ausläuft. Der Verein hat ihm ja schon einen neuen Kontrakt zugesichert, als Direktor oder Berater, oder was auch immer, er kann es sich wohl aussuchen - nur spielen soll er nicht mehr. Seine Trikotnummer 10 werde auch nicht an andere vergeben, versprochen.

Aber Totti sagt, er sei fit, spielbereit und vor allem -willig. Und warum, bitte, soll er dann nicht noch ein paar Jährchen spielen, fragen wir Fans. Es ist doch so sooo schön, wenn in der Südkurve auf großen Transparente der "Gladiator" aus dem Kolosseum steigt und ein paar Zehntausend Kehlen dazu singen: "Danke Rom, dass Du uns weinen lässt!"



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insgesamt 9 Beiträge
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mufc20 05.03.2016
1. Treue Seelen
Es gibt sie ja doch noch. Mittlerweile sind solche Spieler allerdings wahre Raritäten. Ein Hoch auf Spieler wie Totti, Giggs oder Scholes, die nicht nur ans Geld oder die Auslandserfahrung denken!
andreasm.bn 05.03.2016
2. na ja, ans Geld muss er wohl auch nicht mehr denken,...
wäre auch schlimm genug, wenn's nach so langer Zeit nicht reichen würde. Trotzdem ist & Bleibt Totti natürlich eine Legende für die Roma, auch ich habe noch irgendwo ein Trikot der Squadra Azzurra von ihm. Ich denke, Ausland kann er nicht, also sollte er das Angebot des Vereins annehmen.
phiasko76 05.03.2016
3. Na ja..
..ich glaube, dass Totti Zitat "Aus Liebe und Faulheit" trifft es schon ganz gut. Totti war wohl keiner, den man leicht verpflanzen hätte können. Neues Umfeld, neue Sprache, andere Sitten? Nope. Dazu war er wohl nie so wirklich zu bewegen..
moriarty203 05.03.2016
4. Giggs...
Auch ich schätze solche Geschichten im modernen Fußball - wo Loyalität und Charakter so selten geworden sind. Dem Hoch auf Giggs möchte ich mich aber nicht anschließen. Zwar ewig und immer noch bei ManU, aber die jahrelange Affäre mit der Ehefrau seines Bruders ist unverzeihlich.
politisch_nicht_korrekt 05.03.2016
5. Totti
Den Totti find' ich einfach klasse. Wäre froh, wenn mein Verein auch so einen hätte. VdV hätte das Potential dazu gehabt - bis er auf die Idee kam, dass es in Spanien so viel schöner ist. Für Totti hoffe ich, dass er weiß, wann etwas zu Ende gehen muss und sein Umfeld weiß, welcher Abgang dem Gladiator gebührt.
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