Von Benjamin Knaack
Es war ein toller Abend für Frankreichs Mittelfeld-Genie Franck Ribéry. Er hatte den Führungstreffer erzielt, ein weiteres Tor aufgelegt - und war von den Fans dafür mit Sprechchören gefeiert worden. Nach dem 4:0-Sieg in der EM-Testpartie gegen Estland liefen die Spieler mit einem Transparent über den Rasen, auf dem stand: "Merci! Bei der EM, mit euch, für euch."
"Mit euch, für euch" - noch vor knapp zwei Jahren wäre eine solche Verbrüderung mit den Fans undenkbar gewesen. Damals wurde die "Equipe Tricolore" nicht angefeuert, sondern ausgebuht und beschimpft. Sogar Uefa-Chef und Franzosen-Legende Michel Platini bezeichnete die französischen Spieler als "Nieten" und Blödmänner".
Zu groß war die Enttäuschung, die Wut und die Scham über den peinlichen Auftritt der Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2010. Das Ausscheiden in der Vorrunde war fast schon Nebensache. Doch die Bilder des Trainingsboykotts, an dessen Spitze sich auch Ribéry gestellt hatte, und mit dem für den suspendierten Stürmer Nicolas Anelka gekämpft werden sollte, trafen in der französischen Öffentlichkeit auf Unverständnis. Ribérys Sex-Affäre tat ein Übriges, um den Ruf des Mittelfeldspielers zu ruinieren.
Blanc richtete die "Equipe Tricolore" wieder auf
Als der französische Fußball am Boden lag, übernahm Laurent Blanc. Einer, der als Spieler bei den ganz großen französischen Erfolgen dabei war: 1998 wurde er Weltmeister, zwei Jahre später EM-Sieger. Blanc widerstand der Forderung vieler Fans, alle WM-Versager wegzuschicken und sie nie wieder einzuladen. "Wir hätten sagen können: Die Leute wollen sie alle nicht mehr sehen, also ist es vorbei. Aber nach drei Niederlagen hätten dieselben Leute geschrien: Wir wollen eine Mannschaft, die gewinnt", sagte der Coach.
Blanc wurde belohnt: Nach zwei Niederlagen zum Auftakt stabilisierte sich das Team, zusammengesetzt aus Begnadigten und neuen Talenten. Seit 21 Spielen haben die Franzosen nun nicht mehr verloren, die letzte Niederlage resultiert noch aus dem September 2010 (0:1 in der EM-Quali gegen Weißrussland). Gegen die DFB-Elf siegte Frankreich Ende Februar 2:1.
Und nun der letzte erfolgreiche EM-Test gegen Estland, der stellvertretend für das neue Verhältnis zwischen Team und Fans steht. "Ich habe wieder eine Beziehung mit dem französischen Publikum aufgebaut. Für den Kopf ist das gut", sagt Ribéry.
"Es ist an der Zeit, Titel zu holen"
Die beeindruckende Serie erzeugt natürlich auch Ansprüche, zum Teil sehr hohe. "Es ist an der Zeit, Titel zu holen", sagt Verbandschef Noël le Graet. Und Ribéry, der ebenfalls vom ganz großen Ziel träumt, ergänzt: "Ich habe das Gefühl, dass wir hier ein Riesending schaffen können." Auch die französische Presse schreibt bereits wieder von "Kaiser Franck" ("France Football") und die Sporttageszeitung "L'Equipe" erklärt die Franzosen auf ihrer Titelseite zu "Candidats!"
So schnell werden aus Blödmännern Hoffnungsträger.
Doch Blanc bremst die Erwartungen: "Die Leute wollen, dass wir in 15 Monaten ein tolles Team mit tollen Spielern haben und spielen wie die Niederlande, Spanien oder Deutschland. Das ist unmöglich! Du kannst die Qualität nicht im Supermarkt kaufen."
Der frühere Verteidiger weiß: Seine Mannschaft gilt zwar als Geheimfavorit auf den Titel, doch was heißt das schon? Blanc kennt die Schwächen seiner Mannschaft. Die Abwehr um Innenverteidiger Philippe Mexes vom AC Mailand und Manchester United-Profi Patrice Evra agiert nicht immer fehlerfrei. "Wir sind nicht gut in der Defensive. Wir müssen einfacher spielen", sagt Blanc deutlich.
Selten mehr als zwei Tore geschossen
Aber auch die anderen Mannschaftsteile machen Blanc Sorgen: Das Mittelfeld ist von Verletzungssorgen geplagt. Alou Diarra (entzündetes Knie) ist angeschlagen, Yann M'Vila (Verstauchung im Sprunggelenk) und Blaise Matuidi (Oberschenkelverletzung) drohen für das erste EM-Spiel am Montag gegen England (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auszufallen.
Und der Angriff hat trotz der starken Offensivkräfte Ribéry und Karim Benzema, der in der vergangenen Saison 21-mal für Real Madrid in der Liga traf, in den EM-Qualifikationsspielen nur beim 3:0 gegen Albanien mehr als zwei Tore erzielt. Neben den beiden Stars und dem Hoffnungsträger Olivier Giroud, dem aktuellen Torschützenkönig der französischen League 1 (21 Tore), sind wirkliche Überflieger Mangelware. "Wir haben zwei, drei Stars, der Rest ist so lala", sagt auch Uefa-Boss Platini.
Doch trotz dieser Einschränkungen: Frankreich kann bei der EM weit kommen. Der vermeintlich stärkste Gruppengegner England hat große Personalprobleme. "Wir haben jede Menge Spaß, das ist sehr gut für die Vorbereitung auf England", sagt Ribéry. Auch die weiteren Kontrahenten Ukraine und Schweden sollten kaum Hindernisse darstellen.
"Les Bleus können mit befreiter Seele in die Ukraine fliegen", schrieb das Fußballfachblatt "France Football". Vielleicht ist das am Ende der größte Erfolg: Die Franzosen haben sich mit ihrer Nationalmannschaft versöhnt.
Voraussichtliche Aufstellungen:
Frankreich: LLoris - Debuchy, Rami, Mexes, Evra - Cabaye, Diarra, Malouda - Nasri, Benzema, Ribéry
England: Hart - Johnson, Terry, Lescott, Cole - Milner, Gerrard, Parker - Downing - Welbeck, Young
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fußball | RSS |
| alles zum Thema Fußball-EM 2012 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH